Eurosport - Sa 27.Okt. 21:13:00 2007
Der gebeutelte Meister VfB Stuttgart kann nach dem Zittersieg gegen Leverkusen erst einmal durchatmen. Dank der Rückkehr von Thomas Hitzlsperger, dem "Goldenen Tor" eines Youngsters und dem Unvermögen von Bayer wurde die Talfahrt vorerst gestoppt. Doch die Hiobsbotschaften hören nicht auf.
Es war nicht zu hören, aber regelrecht zu spüren. Als Schiedsrichter Günter Perl um 17:18 Uhr den 1:0-Sieg des VfB Stuttgart über Bayer Leverkusen mit dem Schlusspfiff besiegelte, fiel 51.000 Fans, Trainer, Spielern und Verantwortlichen des gebeutelten Meisters im Gottlieb-Daimler-Stadion kollektiv eine Last vom Herzen. Es war fast mit den Händen zu greifen, wie eine Steinlawine von den geschundenen Stuttgarter Seelen abging.
Die Talfahrt ist gestoppt und der Absturz auf einen Abstiegsrang wurde verhindert. Es ist wieder Licht am Ende des Tunnels in Sicht, der die Schwaben nach fünf Pflichtspielniederlagen in Serie in nicht für mögliche gehaltene sportliche Niederungen geführt hat. Mit dem Befreiungsschlag hat sich der VfB zudem auch eine möglicherweise aufkeimende Trainerdiskussion erspart.
Bayer vergibt zahlreiche Torchancen
Doch der Erfolg hing am seidenen Faden, weil sich die Bayer-Kicker einen internen Wettbewerb lieferten, wer denn wohl die hochkarätigste Chance der Werkself vergeben würde. Tranquillo Barnetta (15./25./90.+2), Theofanis Gekas (55./59.), Manuel Friedrich (75.) und Stefan Kießling (62.) landeten in dieser Kategorie ganz weit vorn. Dazu stand neben dem Leverkusener Unvermögen der gut aufgelegte VfB-Keeper Raphael Schäfer einem Treffer der Gäste mit starken Paraden im Weg. Bayer-Sportdirektor Rudi Völler wäre daher angesichts der verpassten Großchancen "nicht einmal mit einem Punkt zufrieden gewesen".
Dennoch war der Stuttgarter Sieg, den ausgerechnet der erst zum zweiten Mal in dieser Saison eingesetzte Verteidiger Andreas Beck (72.) sicherstellte, letztlich nicht unverdient. Es war ein Sieg des Willens und der Leidenschaft - zwei Erfolgstugenden, die dem abgestürzten Meister bei den desolaten Auftritten der letzten Wochen gänzlich abhanden gekommen waren.
Veh: "Hatten das notwendige Glück"
"Die Mannschaft hat toll gefightet, das war in dieser Situation wichtig. Wir hatten auch das notwendige Glück, das man in solchen Phasen braucht", sagte VfB-Trainer Armin Veh. Der Coach musste aufgrund zahlreicher Verletzungen und den Rotsperren von Kapitän Fernando Meira und Pavel Pardo gezwungener Maßen einmal mehr aus der Not eine Jugend machen.
Mit Marco Pischorn in der Innenverteidigung und in der zweiten Halbzeit Julian Schuster feierten gleich zwei Amateure ihr Bundesligadebüt. "Wir haben ja gar keine andere Möglichkeit, als die Jungen zu bringen. Sie haben ihre Sache gut gemacht", lobte Veh.
Hitzlsperger übernimmt Verantwortung
Auch Thomas Hitzlsperger musste nach langer Verletzungspause auf die Zähne beißen und von Beginn an ran. Und der Nationalspieler übernahm als Ersatzkapitän sofort Verantwortung, zeigte die vermisste Präsenz im Mittelfeld und riss seine Kollegen mit einer starken Leistung mit. "Es hat heute richtig Spaß gemacht", freute sich Thomas Hitzlsperger über den dringend herbeigesehnten Dreier.
Bezeichnend für die prekäre Lage der Stuttgarter war die Art und Weise wie der Siegtreffer zustande kam. Mario Gomez hatte die Chance eigentlich schon verstolpert, ehe der aufgerückte Beck aus dem Gewurschtel vor Bayer-Schlussmann René Adler entschlossen einschob. Ein Tor der Marke "dreckig". "Wir haben uns geschworen, dass wir es heute packen", verriet der überglückliche Youngster, der seinen ersten Bundesligatreffer erzielte.
Hilbert droht längere Pause
Doch von Entwarnung kann keine Rede sein. Nationalspieler Roberto Hilbert musste zur Pause mit Verdacht auf Bänderiss im Sprunggelenk ausgewechselt werden. "Wir werden noch längere Zeit Probleme haben", orakelte Veh und verwies darauf, dass die Rekonvaleszenten wie Matthieu Delpierre oder auch Hitzlsperger längst nicht fit seien. Deshalb betonte Veh ausdrücklich, seinen Berufsstand auch bitte weiterhin nicht zu verwechseln: "Ich bin kein Zauberer, sondern Trainer."
Alexander Beisse / Eurosport