Frauen-WM - Ein Warnschuss beim Familienfest

Mo 27.Jun. 08:30:00 2011

Den eigenen Ansprüchen nicht voll gerecht geworden und dennoch in doppelter Hinsicht gewonnen. Die DFB-Elf feierte einen WM-Start, bei dem nicht nur der Sieg ein Erfolg war, sondern auch das knappe Ergebnis die überschäumende Euphorie eingebremst und damit den Druck etwas vom Team genommen hat.

- 0

Aus Berlin berichtet Fabian Kunze

Immer wieder kreiste die "La Ola"-Welle durch das Berliner Olympiastadion. Es war der wogende Ausdruck freundlicher Begeisterung, der das WM-Eröffnungsspiel vor der europäischen Rekordkulisse von 73.860 Zuschauern in einen akustisch angemessenen Rahmen schwappen ließ. "Die Kulisse war cool. Die Leute waren ja eigentlich immer positiv", freute sich Birgit Prinz, die mit ihrem 23. WM-Spiel nun alleinige deutsche Rekordhalterin ist, über die familiäre Atmosphäre in und um das Stadion.

Positiv, aber auch laut - eine Tatsache, die für die Spielerinnen zum Teil verwirrend war. "Vielleicht haben die anderen mich nicht gehört, weil es im Stadion so laut war", vermutete Fatmire Bajramaj, die nach ihrer Einwechslung von den Kolleginnen das ein oder andere Mal übersehen wurde. "Ich habe es irgendwann aufgegeben", beschrieb Torhüterin Nadine Angerer bei Anweisungen ihren Kampf gegen die Lautstärke. Dennoch waren sich am Ende alle einig, der knappe Spielausgang lag weder an der schwierigeren Kommunikation, noch möchte man in Zukunft deshalb nur in kleineren Arenen spielen. "Es ist schwieriger, aber darauf hatten wir uns eingestellt", sagte Prinz. "Es ist natürlich leichter, wenn weniger Leute da sind, aber deshalb wollen wir nicht auf sie verzichten."

Es fehlt die Sicherheit

Denn auch ohne die akustischen Hinweise sahen die DFB-Damen später, wo die größten Probleme im deutschen Spiel lagen. Die Bindung zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen fehlte und in den entscheidenden Situationen wurden zu oft die falschen Entscheidungen getroffen. "Die Mannschaftsteile standen zu weit auseinander. Die Wege waren zu weit", erklärte Simone Laudehr, die sich über ihr Foul, das zum kanadischen Tor führte, und ihre Gelbe Karte mächtig ärgerte. Prinz ging in ihrer Analyse noch tiefer ins Detail. "Die Abwehr stand zu tief, dadurch hing das Mittelfeld in der Luft. Wir haben dann fast nur mit langen Bällen agiert - das ist nicht unser Spiel."

Dennoch war es verwunderlich, dass selbst das frühe 1:0 durch Kerstin Garefrekes (10.) das deutsche Spiel nicht entscheidend beruhigen konnte. "Keiner von uns hat je vor solch einer Kulisse gespielt", sagte Angerer. "Das hemmt, darf es aber nicht - das ist wohl ein ganz natürlicher Vorgang." Zwar versuchten die Deutschen, ihren Gegner früh zu attackieren, doch die Kanadierinnen hielten geschickt den Ball in ihren Reihen und machten es dem zweimaligen Weltmeister schwer. "Wir haben die Sicherheit in der ersten Halbzeit gar nicht gefunden", kritisierte Prinz, die bei beiden Treffern in der Entstehung entscheidend mitgewirkt hatte.

"Hätte mich auch ins Tor gestellt"

Einen dieser von Prinz angesprochenen "langen Bälle" versenkte Celia Okoyino da Mbabi (42.) zum 2:0. Die Angreiferin war einen Tag vor ihrem 23. Geburtstag für die eigentliche Sturmführerin Inka Grings in die Startformation gerutscht, machte mit ihrem couragierten Auftritt jede Menge Werbung für sich selbst und war am Ende doch einfach froh, dabei gewesen zu sein. "Ich hätte mich auch ins Tor gestellt", sagte Okoyino da Mbabi mit einem breiten Lächeln.

Den eigenen Ansprüchen nicht voll gerecht geworden und doch in doppelter Hinsicht gewonnen. Die DFB-Elf feiert einen erfolgreichen WM-Start. - 2 Zwar präsentierte sich die Mannschaft von Trainerin Silvia Neid nach dem Wechsel ruhiger und verbuchte auch mehr Ballbesitz, doch mit den wenigen hochkarätigen Chancen gingen die DFB-Kickerinnen zu sorglos um. Die für Prinz eingewechselte Alexandra Popp (65.) scheiterte am Aluminium, Garefrekes eine Minute später an ihren Nerven. "Klar, das war eine hundertprozentige Torchance, den muss man machen", sagte die zum "Player of the Match" gewählte Offensiv-Spielerin nach ihrem kläglichen Versuch, aus vier Metern das leere Tor zu treffen. Pech hingegen hatte Laudehr (77.), deren Lattenknaller ins Feld zurücksprang. "Wenn man die Medaille umdreht und Popp, Garefrekes und Laudehr treffen, gewinnen wir 5:0. Man kann aber nicht jedes Spiel 5:0 gewinnen und muss auch mal mit einem 2:1 zufrieden sein", gab sich Torfrau Angerer genügsam.

"Es ist noch Luft nach oben"

Insgesamt 622 Minuten am Stück war Angerer bei Weltmeisterschaften ohne Gegentor geblieben, doch dann kam die 82. Minute und Kanadas Superstar Christine Sinclair, die der Serie ein wunderschönes Ende setzte - fand auch die Geschlagene. "Um einen Rekord ging es mir nicht. Hauptsache, wir haben heute gewonnen. Ich habe ihr nach dem Spiel für ihr schönes Tor gratuliert." Vielleicht war es bei aller Euphorie rund um die deutschen Damen und den allgemein vorausgesetzten dritten WM-Titel ein Warnschuss zur richtigen Zeit.

Zumindest zeigte das Spiel, dass die Heim-WM sicher kein Selbstläufer wird. "Durchmarschieren ist nicht möglich, wie man heute gesehen hat", sagte Angerer. "Wir müssen uns alles erarbeiten, aber das werden wir tun." Die Hoffnung, dass die weiter angepeilten Erfolge zukünftig auch mit dem passenden - und dem Team möglichen - besseren Fußball eingefahren werden, ist bei Angerer jedenfalls vorhanden. "Das ist das Positive, dass ich daraus ziehe: Es ist noch Luft nach oben."

DFB-Frauen besiegen Kanada

Tipp:

Verfolgen Sie alle Spiele der Frauen-WM in Deutschland vom 26. Juni bis 17. Juli im Live-Ticker bei eurosport.yahoo.de. Außerdem gewährt Nationalspielerin Simone Laudehr auf eurosport.yahoo.de regelmäßig Einblicke in das DFB-Team. Dazu halten wir Sie mit Hintergrundberichten, Interviews und Video-Highlights täglich auf dem Laufenden.

Eurosport

Bemerkung

Kommentarfunktion ist für diesen Artikel nicht verfügbar.