Eurosport - Sa 26.Jan. 15:55:00 2008
Mail aus Melbourne - Petra Philippsen ist für eurosport.yahoo.de als Kolumnistin "Down Under" und berichtet regelmäßig von den Australian Open. Skurril, kurios, und schön frech - der etwas andere Blick mit Augenzwinkern auf das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres.
G'day mates,
die zwei Wochen sind schon fast vorbei, aber an eines hat man sich immer noch nicht gewöhnt: die verflixte Zeitverschiebung. Seiner Zeit voraus zu sein, hat ja im Grunde etwas Positives, ist hier aber leider nicht gemeint. Nicht um verkannte Genies geht es, sondern um die zehn Stunden, die man den heimatlichen Gefilden vorauseilt. Geht man zu Hause ins Bett, steht man in Melbourne schon wieder auf. Irgendwie bizarr. Und dazu mit allerlei praktischen Problemchen behaftet. Nicht selten schellt es des nachts um vier und eine fröhlich-naive Stimme am anderen Ende fragt "Wie spät ist es denn jetzt eigentlich bei euch?" Danke der Nachfrage. Und schon verkommt man zur schnöden Zeitansage.
Schlaf wird ohnehin überschätzt und so richtig will sich der Körper auch gar nicht an das neue Zeit-Raum-Kontinuum gewöhnen. Müdigkeitsanfälle zu Unzeiten, Konzentrationsschwächen, nächtliche Hungerattacken und permanente Verwirrung, was die Uhrzeit, geschweige denn das genaue Datum angeht, sind die Regel. Nicht lost in Translation. Eher verloren im verkehrte Welten Nirwana. Egal, irgendwo auf diesem Planeten wird die gefühlte Zeit schon stimmen. Und vielleicht sieht man den Australier deshalb auch schon gerne morgens mit einem wässrigen Heinecken in der Hand herumsitzen. Er weiß, irgendwo ist die Säufersonne eben schon aufgegangen...
Und vielleicht sind auch manch fragwürdige Äußerungen der Spieler in den vergangenen zwei Wochen einfach auf die komplexe Zeitzonen-Adaption zurückzuführen. Oder warum sonst hätte Jelena Jankovic gesagt: "Ich bin so platt. Ich brauche einen Ölwechsel und neue Reifen."? Oder Andy Roddick: "Ja, ich habe ein Schweiß-Problem. Das ist ein großes Problem in meinem Privatleben. Es ist schwer, die Flüssigkeit in sich zu behalten. Danke, Dad."? Oder Lleyton Hewitt, der schlicht behauptete: "Ich kann hier gewinnen."? Mit Sicherheit. Der Preis für Dauerläufer wird aber erst nächste Woche vergeben.
Dabei hatte er es aber auch schwer. Da musste Hewitt doch glatt um kurz vor Mitternacht noch auf den Platz. Das Fernsehen wollte es so und schließlich heißt es ja auch "Nightsession". Hätten er und Marcos Baghdatis sich halt ein bisschen mehr beeilt. Aber nein, bis um 4:34 Uhr dauerte es, bis Hewitt endlich gewonnen hatte. Aber der Eintrag in die Tennis-Geschichtsbücher war ihnen sicher. Im letzten Jahr ging es hier auf einem Außenplatz bis nachts um drei, damals Rekord, allerdings vor zwei Zuschauern. Jetzt waren tatsächlich noch ein paar Tausend geblieben. Tapfere Australier. Als Hewitt dann morgens um acht seinen Kopf aufs Kissen fallen lassen wollte, war seine Tochter Mia natürlich schon fit, den neuen Tag zu beginnen. Pech für "Super-Dad". Aber von wegen Benachteiligung - schlafen geht immer. In der richtigen Zeitzone eben. Und schließlich war in Europa ja grad Sandmännchenzeit...
Auch bei Ana Ivanovic schien es früher als üblich den Schlaf-Sand gestreut zu haben: "Ich war etwas schläfrig. Ich bin gestern schon um zehn Uhr abends ins Bett gegangen, wie ein Baby." Und dabei kicherte sie auch wie ein Kleinkind. Wer's mag.
Ungewohnte Schlafanfälle befielen auch Rafael Nadal: "Ich weiß auch nicht. Ich schlafe hier nachmittags plötzlich zwei Stunden tief und fest. Das passiert mir sonst nie. Das ist wohl die australische Siesta..." Dabei wissen wir doch dank Mehmet Scholl längst, dass das ganz anders heißt: "Also vor dem Spiel essen wir alle erst zusammen und dann müssen wir wieder auf unser Zimmer und Bubu machen." Danke, jetzt wissen wir ja Bescheid....
Gute Nacht aus Down Under. Wo auch immer sie sein mag.
Aus Melbourne berichtet Petra Philippsen / Eurosport