Aschenbach: "Medaillen wertlos"
1974 war er DDR-Sportler des Jahres, 1988 ergriff er die Flucht. "Ich wollte den Dopingplan nicht ausführen", sagt Skisprung-Olympiasieger Hans-Georg Aschenbach, der in der Heimat noch immer Gegenwind verspürt. Nun feiert die Wintersport-Legende seinen 60. Geburtstag - auf einer Harley.
Seinen 60. Geburtstag verbringt Hans-Georg Aschenbach also auf einer Harley Davidson in Spanien. Weit weg von Brotterode in Thüringen, wo der Skisprung-Olympiasieger von einstigen Vertrauten noch immer als "Verräter" angesehen wird.
Und fernab von Freiburg, wo der DDR-Sportler des Jahres 1974 nach seiner Flucht eine neue Heimat fand. Ferien statt Fete für einen der größten Sport-Stars der 70er Jahre im Osten, der später als Sportarzt den Dopingplan nicht ausführen wollte.
"Wir waren sehr enttäuscht"
"Ich bin kein Verräter", sagt Aschenbach vor seinem runden Geburtstag. In Thüringen sehen das nicht alle so. Erst im Februar musste sich Aschenbach bei einer Podiumsdiskussion in Suhl von seinem ehemaligen Oberstleutnant "Fahnenflucht" vorwerfen lassen. Die einstige Langläuferin Gudrun Schmidt sagte Aschenbach, er brauche sich nicht zu wundern, dass ihn keiner mehr leiden könne. "Wir waren damals sehr enttäuscht", so Schmidt.
Im August 1988 hatte Aschenbach ein Trainingslager in Hinterzarten zur Flucht in den Westen genutzt. Der Olympiasieger von Innsbruck 1976, dreimalige Weltmeister und Sieger der Vierschanzentournee war kurz zuvor zum Mannschaftsarzt der DDR-Skispringer ernannt worden.
"Damit bekam ich den Auftrag, die Dopingpläne neu zu konzipieren. Da wusste ich, die nächste Chance werde ich zur Flucht nutzen. Ich wollte mich nicht strafbar machen", so Aschenbach, der seine Ehefrau zurückließ. Heute sagt er: "Was ich mir wirklich vorzuwerfen habe, ist, dass ich die Familie im Stich gelassen habe."
"Doping war eine Staatsdoktrin"
Ein jugoslawischer Freund war Aschenbachs einziger Vertrauter. "Unter dem Vorwand, medizinische Ausrüstung vergessen zu haben, entzog ich mich der Überwachung unserer Kundschafter. Ich rief aus einem Sportgeschäft in Hinterzarten meinen Fluchthelfer an", so Aschenbach. Über Steinheim bei Frankfurt fuhr er ins Notaufnahmelager nach Gießen.
Wenig später packte er über die Dopingpraktiken in der DDR aus. Erzählte, wie er schon als 16-Jähriger gezwungen wurde, verbotene Substanzen einzunehmen. Wie er Oral-Turinabol als Tabletten und Primobolan als Injektion verabreicht bekam.
Dass Jugendliche in der DDR ohne Wissen ihrer Eltern gedopt werden. "Erst der Verrat, dann die Lüge", titelte daraufhin die FDJ-Zeitung Junge Welt. "Doping war eine Staatsdoktrin", sagt Aschenbach.
Hoffnung auf Vergebung
Von seinen Erfolgen hat sich das ehemalige Skisprung-Idol längst distanziert. "Ich stehe nicht zu meinen Medaillen, ich will sie nicht mehr. Die sind wertlos, ich habe sie Museen zur Verfügung gestellt", sagt Aschenbach, der heute als niedergelassener Arzt in Freiburg eine Praxis für Wirbelsäulen- und Gelenkerkrankungen sowie Schmerztherapie leitet. Und sich ab und zu eine Auszeit auf seiner Harley Davidson gönnt.
In seine Heimat Thüringen kehrt Aschenbach trotz des Gegenwindes immer wieder zurück. Und hofft weiter, irgendwann nicht mehr angefeindet zu werden: "Dort, wo ich herkomme, möchte ich irgendwann einmal nicht mehr als Lügner bezichtigt werden. Ich habe mir in einem neuen System ein neues Leben aufgebaut, wie viele andere auch. Ich hoffe, das wird mir eines Tages verziehen."
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Kommentare 1 - 8 of 8
Er sagt die Wahrheit ..... und wird geächtet ...... Na toll. Die Ossis sind komplette Deppen.
Torsten, diese Frage steht im Raum. Ich vermute üble Gedanken - z.b. Medaillen um jeden Preis!
Hansjörg, das ist nun keineswegs egal. Ist der Sportler erwachsen und informiert., dann kann er selbst entscheiden ob er seien Körper und seinen Geist schädigt, ob er andere Sportler, Sponsoren und Zusschauer betrügt. In diesem Fall ist das nur ein sportrechtlicher Fall. Bei Minderjährigen und Uninformierten ist genau das nicht gegeben. Sie nehmen die Mittel und glauben tatsächlich es wäre, legal, fair und ungefährlich. Das ist böse kriminell, moralisch überaus verwerflich und ein Fall für Strafrecht und Staatsanwalt.
post 2 ist vollkommen richtig! Zu hinter fragen wäre nur, wenn diese Handlungen der Trainer, der Ärzte, der Funktionäre der DDR so abscheulich sind, sie sind es, moralisch und juristisch, warum sich dann die "alte Bundesrepublik" nach der Wende extrem um diese Halodris kümmerte und sie "einkaufte"? Das Beschäftigungsverhältnis dauert teilweise noch heut an. 95% dieser Typen trainieren Deutschland WEST. Das erklärt sich mir nicht.
Profi Sport ohne Doping gibt es nicht......
Ob sich der Sportler das Mittel selbst nahm oder ihm gegeben wurde, letztlich ist es Doping und die Drogen sind im Körper. Freilich kann man jetzt eine peinliche Haarspalterei aufziehen, nach dem Motto, nachts ist es dunkler als draußen, oder wie man sich bettet so schalt es heraus.
Dass tatsächlich vor allem mit Anabolika gedopt wurde, ist seit langem bekannt. Unter anderem Uwe Beyer (Olympiadritter 1964 im Hammerwurf), Sprinter Manfred Ommer (EM-Zweiter 1974 über 200 m) und der ehemalige Hammerwurf-Weltrekordler Walter Schmidt gaben teils schon während ihrer Karriere zu, gedopt zu haben. ARD/Sport
War es alles genau so? Wurde im Westen gedopt - ja! Auch mit Unterstützung staatlicher Stellen - ja! Aber mir ist nicht bekannt, dass Jugendliche ohne ihr Wissen und ohne das Wissen ihrer Eltern im geheimen gedopt wurden. Es gibt schon gravierende Unterschiede - oder gibt es Beweise und Belege? Dafür wäre ich dankbar.
Da alles in der BRD genauso war - Klappe zu!
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