Tour de France - Angermanns Tour: Dankbarer Sieger

Eurosport - Fr 25.Jul. 16:28:00 2008

Klaus Angermann, jahrelang am Eurosport-Mikrofon und insgesamt 41-facher Berichterstatter von der Tour de France, stellt Etappensieger Marcus Burghardt vom Team High Road-Columbia vor.

CYCLING 2008 Burghardt - 0

"Liga 1: Die andere Tour de France" - mit dieser Schlagzeile auf der Titelseite begrüßt Europas dominierende Sportzeitung "L'Equipe" heute ihre Leser. Noch über dem fett gedruckten Blickfang zu Beginn der neuen Fußball-Saison prangt das Etappensieger-Foto von Marcus Burghardt. Mit der Überschrift "À Burghardt la bonne carte"

Diese "gute Karte" - oder auch das As - hatte "Burgi" auf der 18.Etappe gezogen. Nach einem unglaublich beeindruckenden "Solo zu zweit" über 116 Kilometer hat der Sachse am Ende in Saint-Etienne seinem spanischen Konkurrenten Barreda im Sprintduell nicht den Hauch einer Chance gelassen.

"Freie Fahrt" für Burghardt

"Burghardt bot im Finale eine Demonstration von Courage und Taktik",begründet die hochkarätige Jury für den "Kämpferischsten Fahrer" - u.a. mit Tourdirektor Prudhomme und Bernard Hinault - ihre Entscheidung, diesen Tagespreis an Burghardt zu vergeben. Und weiter: "Er hatte sich vorgenommen, an diesem Tage zu siegen. Vom ersten Kilometer an"

Burghardt brauste schon nach den ersten Kilometern los. Mit sechs Fluchtgefährten. Horrendes Tempo: 55,7 km/h in der ersten Rennstunde! Doch da "spielte" das Peloton noch nicht mit, holte die Ausreißer wieder ein. Dann stürmte der Spanier Barredo davon. Bald darauf folgte ihm Burghardt, der nach zwei Wochen als selbstloser Helfer für Kim Kirchen und Mark Cavendish die langersehnte "freie Fahrt" bekommen hatte. Ab Kilometer 80 bildeten der Spanier und der Deutsche das Duo des Tages. Wie gesagt, für 116 Kilometer!

"L'Equipe" würdigt Burghardt im Inneren des Blattes noch einmal mit einem Jubel-Foto von 30x30 Zentimetern und überschreibt den großen Bericht mit dicken Lettern: "Burghardt comme l'éclair". Wie der Blitz. Aber es kann auch "Wetterleuchten" heißen; denn im Interview weist der selbstbewusste "Marcus im Glück" darauf hin: "Ich bin hier, um das Bild des deutschen Radsport zu erneuern."

"Toller Ansporn für meine Jungs"

Diese Mission ist dem High Road-Columbia-Fahrer, der seine Profikarriere 2005 bei T-Mobile begonnen hatte, gestern gelungen. Es war zudem für sein "Marcus-Burghardt-Junior-Team" im kleinen Dörfchen Venusberg im sächsischen Vogtland die beste Werbung. Dort, beim RSV 54, hat Marcus seinen "Ersten Versuch" gestartet und bei Klaus Fischer das ABC des Radsports gelehrt bekommen. Burghardts Eltern, Vater Carsten und Mutter Heidi sind beide Zahnärzte in der ehemaligen DDR- Motorrad-Hochburg Zschopau, hatten ihren Burschen zum "Zähmen" in den kleinen Radsportverein geschickt.

Diesem hält "Burgi" nach wie vor die Treue. Ein paar Besuche im Jahr, gemeinsame Trainingsfahrten; materielle Hilfe wie gesammelte gebrauchte Profi-Trinkflaschen, selbst gekaufte Flaschenhalter, von Sponsoren organisierte Brillen, Rennhandschuhe, Mützen etc., manchmal sogar die Übernahme von Reisekosten sind das Dankeschön an die Wurzeln seiner Laufbahn. Dort wird man stolz und aus dem Häuschen sein, dass ihr Idol sich einen Jugendtraum, den Traum eines jeden Radfahrers, erfüllt hat, eine Tour-Etappe zu gewinnen.

"Dieser Sieg ist für meine Jungs ein ganz toller Ansporn für ihr Training, um mir nachzueifern". Eben in diesem, in Deutschland bisher einmaligen Junior-Team - zehn Fahrer im Alter zwischen neun und 19, für die Burghardt Erfolgsbelohnungen in Höhe von 500 aussetzt - beim RSV 54 Venugsberg und nach wie vor unter der Obhut des rührigen Klaus Fischer. Der, leider, kein fest angestellter Trainer ist, sondern sich rettet von einer ABM-Maßnahme in die andere.

Olympia-Arzt "rettet" Radtalent

Dieser Klaus Fischer bereitete junge Talente schon zu DDR-Zeiten für den "zweiten Schritt" in die damalige Kinder- und Jugend-Sportschule im heutigen Chemnitz vor, in enger Anlehnung an den " Sportclub Karl-Marx-Stadt". Diesen Weg ist auch Burghardt gegangen. Sogar noch nach der Wende. Mit Internat und "Adonis-Schmiede" (Zitat Burghardt anstelle "Folterkammer"). Beim PSV Chemnitz hat ihm dann Trainer Bert Dressel weiteres Rüstzeug vermittelt. Zum Beispiel auch das Sprinten auf der Bahn. Ungezählte Übungsstunden. Gestern wurden sie vergoldet.

Sogar an die Tipps und Hilfen seiner dortigen Fahrradmechaniker erinnert sich Burghardt in den Augenblicken des bisher größten Erfolges seiner Laufbahn - an Siggi Öttel und Alfons Kindermann. Und "last but not least" lobt er Thomas Schediwie, bei dem er jetzt - auf eigene Kosten - viele Trainingseinheiten absolviert: "Ganz toll, was der mir beigebracht hat. Er schreibt mir auch die Trainingspläne, nach denen ich arbeite."

"Ein Marcus Burghardt vergisst nicht, wo er herkommt", hat einer seiner Ausbilder mal gesagt. Dankbarkeit ist einer der Wesenszüge des 25-jährigen "Gast-Schweizers". Sie gilt auch für das, was er beim ehemaligen Bundestrainer Peter Weibel und dessen Assistenten Patrick Moster gelernt hat, als er zum Jugend- und U-23-Nationalteam zählte. Sie unterstützten Burghardt in kritischen gesundheitlichen Phasen, als eine langwierige Achillessehnen-Verletzung die hoffnungsvolle Karriere fast zu beenden schien. Ein gewisser Dr. Albert Güßbacher aus Nürnberg, Judo-Verbands- und Olympia-Arzt, hat ihn damals, 2002, erfolgreich operiert und damit vielleicht dem deutschen Radsport eines seiner größten Talente gerettet.

Der Kolumnist hatte seine erste Begegnung mit Burghardt im September 2000 bei der Rad-WM in Plouay. Fragt mich da ein junger BDR-Fahrer : "Herr Angermann, dürfte ich mich für ein Foto mal bitte neben Sie stellen?" Von soviel Ehrfurcht und Höflichkeit überrascht, bat ich Marcus auf die Reporter-Tribüne zu kommen, wo ich mit Tony Rominger für Eurosport kommentierte. Dort wurde das Foto dann geschossen.

Ich weiß nicht, ob der damals 17-Jährige schon bei dieser Gelegenheit erste Kontakte mit Tony geknüpft auf Auf jeden Fall ist der Schweizer Weltklassefahrer heute sein Manager. Und Marcus hofft, dass Rominger - mit der Referenz eines Etappensieges - ihm bald einen guten neuen Vertrag offeriert. Wo auch immer. Sein jetziges Team High Road-Columbia hat sich bisher noch nicht geäußert

Àbientôt!

Klaus Angermann

Eurosport

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    Von germansugardaddy82, am Sa 26.Jul. 3:15
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