Geheimnis von Erfolg & Misserfolg
Der 17. April 2011 wird als trauriger Tag in die französische Tennis-Geschichte eingehen. Denn an diesem Tag ist das Fed-Cup-Team aus der Weltgruppe gestoßen worden – eine große sportliche Enttäuschung.
Es ist leicht zu sagen, dass dies hätte vermieden werden können. Interessanter ist jedoch, die Gründe für diesen Misserfolg zu finden und zu verstehen, warum andere Nationen Erfolge feiern.
Ehrlich gesagt bin ich es leid, dass Frankreich ständig hinterherhinkt und dabei die Effektivität bestehenden Prinzipien untergeordnet wird. Im Sport sind Prinzipien wichtig, und ich bin der Erste, der Prinzipien respektiert, unter der Voraussetzung, dass sie auf diesem Niveau eben auch zu entsprechenden Ergebnissen führen. Hätte man sich an solch einer Siegermentalität orientiert, dann wären wir nun nicht in dieser misslichen Lage.
Bis jetzt habe ich von den Verantwortlichen nur Ausreden gehört. Das ist sicherlich kein probates Mittel zur Besserung. Allerdings bringt uns auch anhaltendes Genörgel nicht weiter. Am sinnvollsten ist es wohl, auf diejenigen zu schauen, die es besser machen als wir. Das könnte für neue Inspiration sorgen.
Argument Nummer 1:
Unser Team ist nicht wettbewerbsfähig, die Platzierungen unserer Spielerinnen in der Weltrangliste sind nicht gut genug und die heutige Generation ist schwächer als die Generationen davor. Nun ist es auch noch so, dass unsere Gruppe schwächer war als früher – und trotzdem haben wir keine Lösung gefunden. Wenn jemand glaubt, dass es ohne Mauresmo, Pierce und Golovin nicht geht, der kennt den Wettbewerb nicht. Man sollte nicht vergessen, dass Italien den Fed Cup dreimal seit 2006 gewonnen hat – zweimal davon ohne Top-Ten-Spielerinnen im Team.
Selbst wenn Aravane Rezai gerade eine harte Zeit durchmacht, ist sie immer noch in der Lage, ein Wochenende lang auf dem höchsten Niveau zu spielen. Jérémy Chardy hat es in dieser Saison im Davis Cup vorgemacht. Gegen Spanien hat Rezai ein exzellentes erstes Match gespielt. Das Gleiche gilt, trotz ihrer privaten Probleme, für Virginie Razzano. Ihre Platzierung entspricht keineswegs ihrem Leistungsvermögen. Alizé Cornet kommt in diesem Jahr immer besser in Fahrt. Sie ist siegeshungrig und hat ein großes Kämpferherz bewiesen. Julie Coin, diesmal nicht im Team, ist eine exzellente Doppelspielerin mit einem guten Return und einem eben solchen Angriffsspiel.
Argument Nummer 2:
Cornet war für viele Niederlagen verantwortlich. Sie war nicht gut genug, wurde aber oft nominiert, obwohl man sie vielleicht nicht hätte nominieren sollen. Für viele war sie der Sündenbock, aber ich denke Vertrauen ist das Wichtigste in einem Team. Der Kapitän sollte sich niemals von den Spielerinnen abwenden. Wenn das Team gewinnt, wird er gefeiert, also muss er auch mit Niederlagen umgehen.
Argument Nummer 3:
Das Leistungslevel ist sehr hoch. Ein Beleg dafür ist auch, dass die USA und Argentinien nicht mehr zur Weltgruppe gehören. Die USA sind mit Christina McHale (90. der Welt) und Melanie Oudin (93.) ausgeschieden. Die Williams-Schwestern spielen schon lange keinen Fed Cup mehr. Bei Argentinien ist es ähnlich. Gisela Dulko rangiert auf Platz 55 in der Welt, die zweite Spielerin ist 175. und die dritte 180.
Was machen die Gewinner anders?
Seit 2004 haben nur zwei Nationen den Fed Cup gewonnen: Italien (dreimal) und Russland (viermal) – zwei Teams mit unterschiedlichen Strategien, aber beide sehr effizient. Als ich Anastasia Pawljutschenkowa trainierte, wusste ich, wie das Team tickt. In diesem Land zählt nur das Ergebnis. Die große Stärke ist, dass Russland über einen großen Pool an Spielerinnen verfügt, die auch ihre Leistung bringen, wenn sie gebraucht werden. Bei den Italienerinnen geht es über Teamgeist. Auf dem Papier sind sie schwächer als die Russinnen, aber sie sind ein richtiges Team. Die Spielerinnen kommen gut miteinander aus und mit dem Coach, sie trainieren zusammen, sie gehen zusammen essen, sie sind Freunde und unterstützen sich. Der Fed Cup ist für sie eine Möglichkeit, ihre Stärke zu bündeln und dem Team noch mehr Kraft zu verleihen.
Was ist mit Frankreich?
Frankreich ist nicht Russland oder Italien. Im Gegensatz zu Russland ist Frankreich oft nicht mit den besten Spielerinnen angetreten. Vor zwei Jahren spielten Bartoli, Rezai und Razzano. Kompromisse mussten gefunden werden, dass zwei von ihnen überhaupt erst antraten. Die heutigen Regeln stammen noch aus der Davis-Cup-Ära unter Noah –ein Männer-Modell. Es wäre mal an der Zeit, dass man sich über die weibliche Dimension Gedanken macht. Im Gegensatz zu Italien sind die französischen Spielerinnen nur in der Vorbereitungszeit zusammen, ansonsten haben sie ihre eigene Karriere im Kopf. Zudem kommunizieren ihre Trainer nicht miteinander. Sie sind also nur für ein paar Wochen ein Team.
Wie wird man wieder wettbewerbsfähig?
Es gibt viele Gründe, optimistisch zu sein. Aravane ist noch jung und kann, wenn sie eine professionelle Umgebung vorfindet, wieder groß aufspielen. Cornet ist ebenfalls jung und wird besser und besser. Razzano ist eine große Kämpferin. Und dann machen ja schon zwei andere auf sich aufmerksam: Caroline Garcia und Kristina Mladenovic.
Die Besten müssen spielen
Man muss die besten Spielerinnen überzeugen, für ihr Land beim Fed Cup mitzumachen. Für Frankreich heißt das: Es muss unbedingt einen Weg für Marion Bartoli ins Team geben. Die Besten müssen spielen. So war es auch bei Aravane, und so ist sie zu einer Schlüsselspielerin geworden. Wenn sie sich selber nicht zurückgestellt hätte, dann hätte sie wohl nicht im Team gespielt. Aber leider denken nicht alle so wie Aravane. Wenn es dieses französische System in Russland gäbe, würden es sich einige bestimmt anders überlegen. Noch mal zu Marion: Wenn ihr Vater nicht zum Team gehören darf, warum kann er nicht beim Team sein und sich ums Training seiner Tochter kümmern? So eine Maßnahme könnte in kurzer Zeit für Besserung sorgen. Es wäre doch für beide Seiten von Vorteil.
Wichtig ist auch das Doppel
Der Schwachpunkt des Teams ist das Doppel, aber niemand redet darüber. Als Aravane ihr Einzel gegen Spanien verlor, hatte das Team immer noch die Chance, das Spiel zu drehen. Aber ich wusste, dass es das war. Dazu war das spanische Doppel einfach zu stark. Es ist nun zwingend erforderlich, über die beste Besetzung für ein französisches Doppel nachzudenken, und dieses Paar sollte auch das ganze Jahr über zusammenspielen.
Wahren Teamgeist fördern
Ich bin überzeugt davon, dass Teamgeist nicht in einer Woche Training entsteht. Daran muss das ganze Jahr gearbeitet werden, so bleibt das Team am Leben. Es ist sehr wichtig, dass der Fed-Cup-Kapitän und die Trainer der Spielerinnen mindestens ein halbes Jahrlang auf der Tour mitreisen. Das trägt zum Verständnis der Arbeit bei und fördert Freundschaften zwischen Spielerinnen, Trainern und dem Fed-Cup-Stab.
Den Gegner im Auge behalten
Weil es auf der Tour unterwegs ist, sollte der Fed-Cup-Stab in der Lage sein, die Gegner besser einzuschätzen. Wichtig wäre auch, sich Notizen zu folgenden Punkten zu machen: Wo liegen die Stärken und Schwächen? Was für einen Matchplan gibt es? Und welche Strategie gibt es, um diesen Plan zu durchbrechen? Wenn man den Gegner nicht kennt, kämpft man wie im Nebel. Der französische Verband sollte deshalb Geld für Reisen zur Verfügung stellen.
Es ist eine Sache zu sagen, dass unsere Frauen im Moment nicht gut genug sind, aber das erklärt nicht die letzten miserablen Ergebnisse. Aber selbst die haben nicht dazu geführt, dass Fragen aufgeworfen werden und es Reaktionen gibt. Dabei ist es doch so einfach. Es gibt viele interessante Möglichkeiten. An die Arbeit!
Viele Grüße,
Euer Patrick
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