Eurosport - Do 24.Jul. 21:00:00 2008
Klaus Angermann, jahrelang am Eurosport-Mikrofon und insgesamt 41-facher Berichterstatter von der Tour de France, hat bei seiner Ankunft in L'Alpe d'Huez bei einem Seelsorger Platz gefunden.
Zum 26.Mal der Anstieg nach der Sonnen-Alpe von Huez. Für mich ein Jubiläum, denn bis auf die erste Erklimmung im Jahre 1952 war ich immer dabei. Seit 1976. In diesen mehr als 30 Jahren ist der Anstieg von Bourg d'Oisons hinauf in das Wintersport-Eldorado zu einem Mythos geworden. 13,8 Kilometer lang, 21 Kehren - jede trägt den Namen eines Siegers - durchschnittlich Steigung 8,4 %. Fast eine halbe Million Zuschauer in Radsport-Ekstase.
Kurzer Oberkörper, lange Beine
L'Alpe d'Huez - die größte Sport-Arena der Welt. Was ein Fahrer, der mittendrin ist, dabei empfindet, schildert Andrew Hampsten, der sich 1992 als erster Amerikaner in das Goldene Buch von L'Alpe d'Huez eintrug: "Die Zuschauermassen bauen sich auf wie eine Mauerkein Durchkommen! Dann öffnet sich im letzten Augenblick doch noch eine Gasse. Und du hast das Gefühl mit 60 km/h hindurch zu brausen. Dieser Sieg bedeutet mir mehr als das knapp verpasste Podium in Paris" Hampsten wurde damals Vierter.
Für den Kolumnisten begann der 25.Anstieg nach L'Alpe d'Huez bereits am Vorabend. Das ist stressfreier. Noch ganz unten, in der ersten Kehre, wer brüllt mir da entgegen "Allemagne, Allemagne"? Wieder einmal der "Rad-Teufel"! Didi Senft. Dieses Mal konnte ich kurz stoppen für ein Erinnerungsfoto. Es ist Tour Nr.16 für den Fahrradtüftler und Konstrukteur, der einst das größte, längste und höchste Fahrrad der Welt gebaut hat und der mit diesem bei rund 1 000 Rennen in aller Welt am Straßenrand dabei war - als teuflischer Animator. Doch Didi, nur noch mit seinem "rollenden Hotel" unterwegs, ist ziemlich niedergeschlagen: "Drei Sponsoren sind mit abgesprungen im letzten Jahr." Nun hofft der Idealist aus Storkow/Mark ähnlich wie Gerolsteiners Hans Holczer. Und bleibt Optimist: "Aber mein Fahrrad-Museum - das läuft."
Didi Senft hatte sein Lager übrigens in Kehre 21 aufgeschlagen, der untersten. Sie trägt den Namen "Fausto Coppi", dem ersten Sieger von Alpe d'Huez 1952. Damals nach einem gigantischen Duell mit Frankreichs Jean Robic. Coppi, in Italien als "Championissimo" verehrt, war vielleicht der beste Bergfahrer aller Zeiten. Kurzer Oberkörper, lange Beine. Pure Eleganz. "Er überflog die Berge als würde er keine Straße unter sich haben ", beschrieb ihn die französische Radlegende Raphael Geminiani, der sein Zeitgenosse war. Coppi also seine Nummer eins - dann Gino Bartali, Jean Robic, die Spanier Bahamontes, Jimenez und Fuente, Lucien van Impe - den beim Anstieg nach Huez einmal ein französisches Fernsehauto vom Rad "schubste" - natürlich auch Luxemburgs "Engel der Berge" Charly Gaul; sowie Kolumbiens Luis Herrera und der tragische Held Marco Pantani.
DDR-Rad-Kämpen an der Strecke
Auf meiner Fahrt nach oben - durch ein modernes "Wallsteins Lager" - in Kehre 14 ein kurzer Blick nach links. Sie ist Joaquim Agostinho gewidmet. An den portugiesischen Huez-Triumphator von 1979 erinnert zusätzlich ein kleines Denkmal. Agostinho, der in der Tour achtmal unter die ersten Zehn fuhr, verunglückte tödlich, als ihm in seinem letzten Rennjahr- er war schon 41 - bei der Algarve-Rundfahrt ein Hund ins Rad lief
Noch weiter oben, Kehr neun, das Basislager für eine Autobus-Reisegruppe, deren "Motor" das DDR-Rad-Idol "Täve" Schur ist. Der Friedensfahrt-Sieger und Amateur-Weltmeister von einst, konnte selbst zwar nicht dabei sein; dafür war's seine Frau Renate, die mich herzlich begrüßte. Sportliche Reiseleiter der zwei Bus-"Fuhren" (eine Woche 'Tour in den Alpen mit Halbpension ab 620 Euro!) die alten DDR-Rad-Kämpen Rolf Töpfer und Axel Peschel. Natürlich gab es Kontakt mit deutschen Rennfahrern: "Ganz toll, dass wir Jens Voigt am Ruhetag im Hotel erwischt haben und auch &sbquoSchumi', Wegmann und Co."
Es gibt auch wesentlich kleinere Fan-Gruppen aus Deutschland. Zum Beispiel das Frauen-Duo aus Reutlingen. Mutter (72 Jahre) und Tochter. Seit 1995 sind sie gemeinsam on Tour. Dieses Mal von Superbesse bis zum zweiten Zeitfahren. Ihr "Hotel" ist ein geräumiger PKW-Kombi; Duschen und sanitäre Einrichtungen finden sie auf den zahlreichen Camping-Plätzen. Die Damen, beide halten gedanklich Marco Panatani die Treue, hatten mich vor meiner Unterkunft angesprochen: "Ihre Stimme ist uns noch von Eurosport im Ohr. Danke!
Glöckenläuten für den Triumphator
Apropos Unterkunft! Ich wohne zum vierten Mal im Chalet "Fabilaine". Es gehört der alpinen Ski-Doppel-Weltmeisterin von 1974, Fabienne Serrat. Sie stammt aus L'Alpe d'Huez. Ihre Schwester Guylaine betreibt das Hotel "Die Enziane", und da dort kein Platz für den Journalisten war, bettete man mich ins Privathaus um, in ein gemütliches Zimmer mit dicken, alten Balken und Ausblick auf die grandiose Kulisse des "Massifs des Grandes Rousses".
Keine Tour in L'Alpe d'Huez, bei der nicht unmittelbar nach der Zielankunft die Glocken der kleinen Bergkirche "Notre Dame des Neiges" läuten würden - zu Ehren des Siegers. Leider geht das unter im ohrenbetäubenden Lärm am Ziel. Früher, als der Holländer Jaap Reuten der Pater war, erfuhren diese Referenz nur die Sieger seines Heimatlandes - Zoetemelk, Kuiper, Winnen, Rooks, Theunisse. Sein Nachfolger ist toleranter. Père Joost de Waele, ein Belgier, lässt für jeden Triumphator, gleich welcher Nationalität, die Glöcken läuten vom Turm "Unserer Mutter des Schnees" zu L'Alpe d'Huez. Und da dort bei der Tour-Ankunft die Zimmer-Knappheit schon "legendär" ist, gewährt der Seelsorger vier Journalisten seines Heimatlandes auch heuer wieder "Asyl" in einem Nebenraum seiner Kirche; allerdings nicht auf Heu und Stroh, sondern auf komfortablen Matratzen.
Àbientôt!
Klaus Angermann
Kommentare 1 - 3 of 3
Herr Angermann ist nicht mehr als Sprecher beim Eurosport, weil nur sehr wenige Ihrer Meinung waren,er sei gut. Sicher ist,dass er ein gutes Herz hat.Er litt mit allen Fahrern mit.Er litt sogar schon, bevor die Fahrer Schmerzen hatten.
Da er selbst nie Rennfahrer war,hat er so viel Ahnung gehabt wie
der Grossteil seiner Fans und musste neben Migels verblassen.
LG Edwin
Wenn die "Tour" beginnt,sind eben alle,und zwar wirklich alle mit ganzem Einsatz dabei,und mit ganzen Herzen.In Deutschld können wir das nicht nachempfinden,drum ist auch das (Un-)Thema D... nur nebensächlich,i.Ggs. zu D´land,wo es eher zu sehr im Vordergrund steht.Wichtig für mich sind auch die kleinen Geschichten, von denen Klaus A. ja erzählt:Allerdings wäre es schön,wenn die Glocken für alle angekommenen Radler läuten würden,um Ihnen die gebührende Ehre zukommen zu lassenb - insbesondere für Jimmy Casper,wie ich meine.
-wenn man den o.g. Bericht liest wirds einem warm ums Herz, man könnte denken Klaus Angermann sitzt neben einen,schade das wir ihn nicht mehr live auf eurosport hören( nur ganz selten,leider),aber wir können ja von Ihnen lesen,lieber Klaus !!!!
Danke!!!!
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