Eurosport - Mo 24.Mrz. 20:06:00 2008
Was sich schon im Qualifying abzeichnete, zog sich bis ins Rennen von Sepang hinein: Williams-Pilot Nico Rosberg sah in den Sümpfen Malaysias kein Land. Nach Rang drei zum Auftkt in Melbourne stürzt der 22-Jährige in Malaysia auf Position 14 ab - beim Rennstall schiebt man das auf die Reifen.
Patrick Head stiefelte mit einem leeren Teebecher vom Besprechungsraum in der Box zum Verpflegungszelt - Nachschub holen. Denn die Nachbesprechung bei Williams dauerte am Sonntagabend länger als bei jedem anderen Team. "Wenn wir wüssten, was wirklich schiefgegangen ist", gestand der urige Brite, "dann hätten wir es schon am Freitag abgestellt. Fest steht nur: Wir hatten schwer mit unseren Hinterreifen zu kämpfen. Das hat sich durchs ganze Wochenende hingezogen."
Risiko-Rennen in Shanghai
Die Kurzanalyse des Williams-Teilhabers und -Technikgurus fand später am Abend ihre Bestätigung. "Die Strecke ist neu asphaltiert worden. Sie war viel glatter als im letzten Jahr", verwies der Technische Direktor Sam Michael auf einen Asphalt mit feinerer Körnung. "Es gibt viele Faktoren in der Kette, die Reifen zum Arbeiten zu bringen. Die Reifentemperatur ist das erste Glied. Aber auch die Fahrbahnbeschaffenheit spielt eine große Rolle."
Die erwischte Williams auf dem falschen Fuß. "Ähnliche Probleme hatten wir letztes Jahr auch in Melbourne, Indianapolis und Schanghai", erinnert sich Michael. "In Melbourne war es dieses Jahr erheblich wärmer als im Jahr zuvor; das Rennen haben wir schon mal aus dem Weg. In Indy fahren wir nicht mehr; bleibt noch Schanghai als Risiko-Rennen. Bis dahin müssen wir einen Weg gefunden haben, mit solchen Bedingungen zurechtzukommen. Bislang kriegen wir einfach nicht genug Belastungen auf die Reifen, damit die wirklich kommen."
Neuer Asphalt - weniger Traktion
Auch BMW-Pilot Robert Kubica war aufgefallen: "Auf dem neuen Asphalt haben wir viel weniger Traktion als letztes Jahr." Das nahm die Hinterräder härter ran, erst recht ohne Traktionskontrolle. Die Kalkulierbarkeit des hinteren Grips war ein Vabanquespiel.
Die Symptome, unter denen Rosberg und sein langsamerer Teamkollege Kazuki Nakajima litten, waren einfach: Die Reifen wurden zwar in der oberen Gummischicht warm genug - lieferten aber trotzdem keinen Grip. "Ich bin nur rumgerutscht", stöhnte Rosberg. "Das war in der Qualifikation zwar schlimmer als im Rennen. Aber so richtig optimal war es im Rennen auch nicht."
Immerhin fuhr der Wiesbadener auf seiner schnellsten Rennrunde eine glatte Sekunde schneller als Teamkollege Nakajima. Aber das war nur teamintern standesgemäß.
Ein-Stopp-Taktik missglückt
Die Krise in der Qualifikation zwang Rosberg eine aggressive Taktik auf. Williams versuchte es mit nur einem Tankstopp. "Das ist über die Renndistanz in etwa zehn Sekunden langsamer als eine Zwei-Stopp-Taktik", warnte Honda-Teamchef Ross Brawn im Vorfeld. "Aber bei bestimmten Bedingungen kann dieser Wert variieren."
Williams setzt genau auf solche bestimmten Bedingungen. "Wir gingen davon aus, dass an unserem Auto die Reifen über die Distanz weniger abbauen als bei anderen - als direkte Folge aus den Problemen in der Qualifikation", kalkulierte Michael. "Aber wegen des neuen Asphalts hatten alle Teams nur sehr wenig Reifenverschleiß."
"Punkte wären möglich gewesen"
Dass Rosberg in der ersten Runde Timo Glock aufs Korn nahm, setzte der Strategie schon gleich ein P vor. Denn Rosberg streifte sich bei der Kollision mit dem Odenwälder den Frontflügel ab und musste schon nach der ersten Runde zu Reparaturzwecken die Box anlaufen. "Aber ich hatte so viel Sprit an Bord, dass ich möglichst aggressiv durch die erste Runde durch musste", rechtfertigte sich Rosberg. "Er hat hat mich wohl nicht gesehen. Ich war neben dran."
Glock quittierte diese Aussage mit einem eleganten "deswegen ist ja auch meine Aufhängung hinten rechts kaputt". Denn dort habe Rosberg ihn mit dessen linken Vorderrad getroffen. So viel zum Thema, wer wo neben wem gewesen sei. "Ich habe in der Kurve vorher geguckt - da war er noch weit genug weg. Der Unfall war schade, denn Punkte wären schon möglich gewesen."
Aus Kuala Lumpur berichtet Norbert Ockenga / Eurosport