Eurosport - Do 23.Aug. 14:16:00 2007
Siege in England machen immer besonders viel Spaß. Nach dem 2:1 einer vermeintlichen deutschen Verlegenheitself im neu errichteten Fußball-Tempel von Wembley war in den Reihen des Gewinners niemand zu entdecken, der sein Glücksgefühl nicht explizit herausgestellt hätte.
Erfolg fürs Prestige
Der Bundestrainer führte den verbalen Triumphmarsch an: "Toll, mit dieser jungen Mannschaft hier 2:1 gewonnen zu haben." Die Jugend begann allerdings erst vor dem Fünfmeterraum: "Es ging leider um nichts, aber um viel Prestige, und das ist oft mehr wert als ein WM-Qualifikationsspiel", resümierte der 37-jährige Senior, Jens Lehmann. Der routinierte Rückhalt lobte den Nachwuchs: "Die Jungs haben fantastisch gespielt."
Welch ein Comeback
Natürlich stach Christian Panders Siegtreffer aus den reichlich nervös begonnenen 90 Minuten heraus. Eine märchenhafte Fügung: Pander hatte nach Teilabriss des Kreuz- und Innenbandes in Stuttgart am 9. April 2005 18 Monate aussetzen müssen. Damals bereits vom Trainer-Duo Jürgen Klinsmann/Joachim Löw für ein Debüt in der A-Nationalmannschaft vorgesehen, kostete der Unfall am Neckar den Münsteraner wohl die Teilnahme an der WM.
Auch den Rückschlag unmittelbar vor Beginn der vergangenen Rückrunde (Bänderriss im Sprunggelenk) steckte der Musikfetischist scheinbar mühelos weg. Im Derby gegen Dortmund (4:1) mit einem Tor und einer Vorlage bereits in Länderspielform, schrieb sich Pander mit seinem sehenswerten Linksschuss gegen den chancenlosen englischen Keeper Paul Robinson in die Geschichtsbücher ein. Denn nirgendwo anders landen Erfolge in Englands einst uneinnehmbarer Festung Wembley.
Das mit der Uneinnehmbarkeit ist längst auch etwas für Opas Mottenkiste. Fragen Sie 'mal am Lauterer Betze nach...
Der lange Schatten der Helden von 1966
1953 brachen die seinerzeit als unschlagbar geltenden Ungarn in Wembley den Bann. 19 Jahre darauf erstürmte Deutschland, das die ungarische Siegesserie 1954 just im WM-Finale gestoppt hatte, auf dem Weg zu seinem ausdrucksstärksten EM-Titel erstmals Englands heilige Fußballstätte.
Der Weltmeister von 1966 wartet mittlerweile seit einem 2:0 am 12. März 1975 vergeblich auf einen Heimsieg gegen die "Krauts". Fünf Mal am Stück - außerdem vor 25, vor 16, vor elf und vor sieben Jahren - kehrte der englische Erzrivale nunmehr mit einem Sieg im so genannten Klassiker aufs Festland zurück.
Warum? Weil die Tatsache, den Fußball erfunden zu haben, etwas fürs Poesiealbum ist. Mit dem Titel von 1966 den Nachweis geführt zu haben - allerdings unter tatkräftiger Mithilfe eines Aserbaidschaners mit Fahne -, das Spiel sei auf der Insel daheim, hängt seitdem wie ein besserer Fluch über David Beckham und Co.
Tolle Arena, mäßige Gladiatoren
Der Glamourkicker selbst ist das beste Beispiel für den Gesamtzustand: Er steckt seit Jahren in einer megabunten Verpackung, die einen Glanz verspricht, der verblasst, sobald der Inhalt zum Vorschein kommt. Genauso geht es auch seinen Kollegen im Trikot mit den drei Löwen, wenn sie den gewohnt akkurat gestutzten Rasen ihres Fußball-Heiligtums betreten: Wembley durchweht die Aura von Fußballern, die England nicht mehr besitzt.
Selbst mit dem Ausfall von sieben Stammspielern in Löws Kader wussten die Engländer trotz mancher Torchance nichts Zählbares anzufangen. Weshalb 72er Held Günter Netzer in der ARD sich nicht verkniff, festzuhalten: "Die Engländer müssen sich auch fragen, gegen wen sie heute hier verloren haben. Und das macht die Niederlage umso bitterer." Und bitter ist ohnehin jede Schlappe gegen Deutschland, ob gegen Ballack oder Pander...
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