Eurosport - Mi 23.Apr. 11:14:00 2008
Aufklärung ja, Wiedereingliederung nein? Doping-Kronzeuge Jörg Jaksche hofft weiter auf eine zweite Chance im Profi-Peloton, doch bislang fand sich für den 31-Jährigen kein Team. Mit eurosport.yahoo.de spricht er über seine Chancen auf ein Comeback, die Rolle der Sponsoren und Mario Cipollini.
Den Justiz-Marathon hat er hinter sich, die Fronten sind geklärt - ab 30. Juni könnte Jörg Jaksche wieder Rennen fahren, dann läuft seine als Kronzeuge auf ein Jahr reduzierte Sperre ab. "Ich habe die Zusage, dass ich für ein ProTour-Team starten darf und auch bei ProTour-Rennen teilnehmen kann. Der Weltverband UCI und die Tour-Organisatoren ASO legen mir keine Steine in den Weg", erläutert er die Rahmenbedingungen.
Auch sportlich sieht sich der Ansbacher gerüstet: "Ich bin so gut trainiert, habe so hart gearbeitet, dass ich jederzeit Rennen fahren kann." Dabei "muss es ja nicht unbedingt gleich die Tour de France im Juli sein", so Jaksche, "eine gute Deutschland-Tour traue ich mir auch zu".
Fehlt nur noch ein Arbeitgeber, doch die Suche gestaltet sich zäh. "Das Interesse an mir ist nach der Klärung meiner rechtlichen Situation nicht gerade sprunghaft angestiegen. Keine Ahnung, wen ich noch fragen muss - etwa die OPEC oder die UNESCO...", nimmt es der Franke mit Humor. Noch - denn seine rückblickende Analyse des Erdbebens, dass sein Geständnis mit ausgelöst hat, fällt bitter aus: "Keiner will einen Nestbeschmutzer im Nest", so sein Eindruck, "es wird versucht zu vermitteln, ich sei nur ein Einzeltäter gewesen", wundert er sich.
"Leute lieben Verrat, aber nicht Verräter"
"Die Ehrlichkeit im Umgang mit der Vergangenheit fehlt: Ich habe es für mich vorgemacht, habe alles zugegeben und will wieder bei null anfangen, doch bislang lässt man mich nicht - das ist das falsche Zeichen", fühlt sich Jaksche allein gelassen. Dabei wurde vor zwei Jahren, just als Jaksche und Co. nach Enthüllung der Fuentes-Affäre von der Tour de France ausgeschlossen wurden, mit David Millar ein anderer geständiger Doper wieder im internationalen Radsport aufgenommen - begleitet von großem Medienrummel und viel wohlmeinender Presse.
Doch aus Jaksches Sicht hat es der Radsport trotz vieler Initiativen in den letzten Monaten "versäumt, nach den Enthüllungen und Affären im letzten Jahr wirklich reinen Tisch zu machen". Im Gegenteil. "Stattdessen hat jeder immer nur das Minimum zugegeben. Für jeden Schritt nach vorne Richtung Glaubwürdigkeit hat der Radsport wieder zwei zurück gemacht." Sein Fazit: "Die Leute lieben den Verrat, aber nicht den Verräter."
Hoffnung ruht auf Sponsoren
Bei der Suche nach einem neuen Rennstall setzt Jaksche aber gerade auch auf seine Rolle als geläuterter Sünder, der zu seinen Verfehlungen steht und als Symbolfigur für einen Wandel im Radsport stehen will. Naheliegend, dass er deshalb auch beim Team Slipstream angeklopft hat, wo ein klarer Anti-Doping-Kurs Markenzeichen und Millar das Aushängeschild ist. "Doch leider ist Teamchef Jonathan Vaughters mit 25 Fahrern schon voll besetzt."
Bessere Chancen rechnet sich der Wahl-Österreicher im deutschsprachigen Raum aus. "In Deutschland ist Doping und seine Aufarbeitung das große sportpolitische Thema, da kann sich ein deutscher Sponsor mit mir schmücken. In anderen Ländern ist das Thema nicht so dominant. Hier spielen meine Verfehlungen eine Rolle, in Spanien habe ich für viele wohl eher das Betriebsgeheimnis verraten."
Denn auf Seiten der Geldgeber hat der seit 1997 im Profi-Zirkus aktive Rundfahrt-Spezialist ein teilweises Umdenken registriert: "Sponsoren haben inzwischen den Ruf ihres Unternehmens, ihrer Marke anders im Blick: Sie wollen weniger Erfolge um jeden Preis, als positive Schlagzeilen und ein sympathisches Image transportieren."
Keine Angst vor Rückkehr
Unschöne Reaktionen aus Fahrerkreisen fürchtet Jaksche im Falle seiner Rückkehr nicht. "Ich hätte kein schlechtes Gefühl den Fahrern gegenüber. Der Kontakt zu den Profis, die ich jetzt treffe, ist ganz normal. Anders sähe es wohl aus, wenn ich nach Defekt hinter dem Feld in den Konvoi der Teamfahrzeuge geraten würde - da sind manche noch immer nicht gut auf mich zu sprechen."
Zu den Fahrern, mit denen er bei seinen Trainingsaufenthalten in Italien unterwegs war, zählte im Frühjahr auch Ex-Weltmeister Mario Cipollini. Der mittlerweile 41-jährige Italiener gab im Februar ein Kurz-Comeback, das aus Jaksches Sicht mehr als nur ein "PR-Gag" war: "Der war richtig gut drauf: Ich war sicher nicht schlecht in Form, hatte hart trainiert - aber er war wirklich stark. Er hätte auch eine komplette Saison absolvieren können."
Die Rennen der letzten Wochen hingegen verfolgt Jaksche kaum, "ich konzentriere mich ganz auf mein Training". Doch bei aller kritischen Bestandsaufnahme ist er dennoch überzeugt, dass der Radsport zumindest teilweise auf dem richtigen Weg ist - und er daher auch als sauberer Fahrer konkurrenzfähig wäre: "Es hat sich schon etwas geändert, deshalb gehe ich davon aus, dass ich wieder durchaus erfolgreich sein könnte."
Die Frage bleibt nur, ob er das auch unter Beweis stellen kann. "Wenn ich bis zum Juli nichts finde, muss ich ehrlich zu mir sein - ewig kann und will ich nicht warten."