Eurosport - Mi 23.Apr. 09:07:00 2008
Stillstand ist Rückschritt - 13 Monate nach seinem Amtsantritt bei Borussia Dortmund verheddert sich Thomas Doll in Durchhalteparolen, seine Mimik strahlt Leere und Hilflosigkeit aus. Erinnerungen werden wach an das jähe Ende des Trainers beim Hamburger SV nach monatelangem Kampf.
Seine Gesichtszüge sind versteinert, selbst der Jubel beim Empfang von 5.000 Fans nach der 1:2-Niederlage im Pokalfinale gegen Bayern München entlockt Doll kein Lächeln. Der 42-Jährige wirkt wie ein wankender Boxer in der zwölften Runde, der sich vor dem Gong verzweifelt in die Ringecke retten will. Doll fühlt sich aufgrund der zahlreichen Fragen der Journalisten bezüglich möglicher Nachfolger beim BVB wieder einmal "respektlos behandelt". Immerhin führte er den BVB nach 19 Jahren wieder in das DFB-Pokalfinale, wo sich seine Elf beachtlich geschlagen hatte.
Doch knapp vorbei ist auch daneben - in der Summe zählen auf der Habenseite nur Titel. Die Silbermedaille im Pokal und Rang 13 in der Meisterschaft sind für einen Verein mit dem Anspruch der Borussia, der sich bei Heimspielen regelmäßig vor rund 80.000 Zuschauern im Signal-Iduna-Park präsentiert, zu wenig. Eben jenen 13. Platz hatte der BVB inne, als Doll im März 2007 das Steuer vom Niederländer Bert van Marwijk übernahm. Fünf Spieltage vor Schluss ist der Klassenerhalt trotz Investitionen in Höhe von 7,5 Millionen Euro in den letzten 13 Monaten unter Dolls Führung noch nicht endgültig gesichert.
Doll fehlt der rote Faden
Im Hintergrund diskutiert die Öffentlichkeit über die besonderen Motivationsriten des Trainers, die zwar anfangs Wirkung zeigen, sich jedoch schnell abnutzen. Auch sein taktischer Schlingerkurs findet wenig Anklang. Doll hat kein klares Konzept, ist langfristig kein Dauerbrenner. Auch seine bereits aus HSV-Zeiten bestens bekannten Durchhalteparolen klingen inzwischen wie leere Worthülsen: "Wir liegen am Boden und müssen wieder aufstehen. Ich bin mir sicher, dass die Mannschaft Reaktion zeigt", sagte Doll nach der verheerenden 0:5-Schlappe in München. Nur drei Tage später war nichts von jenem gebetsmühlenartig beschworenen Aufbäumen zu sehen, als "seine Jungs" vor heimischem Publikum bei der bitteren 1:3-Niederlage gegen Hannover sang- und klanglos unter die Räder kamen.
Noch spielt Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke den Ernst der Lage herunter: "Die Diskussion um Thomas Doll ist eine rein mediale, die durch keinerlei Fakten erhärtet worden ist." Eine diplomatische Aussage, die man in Fußballerkreisen als Zeitspiel bezeichnen würde, aber nicht als Schulterschluss mit seinem Trainer. Angeblich stehen mit Frank Pagelsdorf (Hansa Rostock) und Jürgen Klopp (Mainz 05) bereits zwei potentielle Nachfolger in den Startlöchern. Weltmeister Karl-Heinz Riedle, der zusammen mit Doll bei Lazio Rom (1991-1993) spielte, mahnt die BVB-Verantwortlichen im exklusiven Gespräch mit eurosport.yahoo.de, in dieser schwierigen Zeit für den Klub Ruhe zu bewahren:
"Natürlich ist die Situation für Thomas äußerst unangenehm, vor allem weil die Diskussion um seine Person öffentlich ausgetragen wird. Das ist nicht korrekt und auch nicht gut für die Mannschaft. Man sollte bis zum Ende der Saison abwarten und dann muss der Verein entscheiden, ob er mit dem Trainer Doll weitermachen will. Jetzt ist vor allem Ruhe von Nöten. Thomas muss sich auf die nächsten Spiele konzentrieren, alles Weitere hat er sowieso nicht in seiner Hand."
Eines ist jedoch klar: Doll steht bereits am kommenden Freitag in Frankfurt (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker bei eurosport.yahoo.de) vor einem weiteren Endspiel in seiner Laufbahn. BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball wird seinem Kampf gegen die Windmühlen nicht solange zusehen wie die Kollegen Bernd Hofmann und Dietmar Beiersdorfer einst beim HSV.
Thomas Janz / Eurosport