Eurosport - So 23.Mrz. 16:35:00 2008
Eine doppelte Strafe gegen McLaren, Debatten um Safety-Car-Regeln und eine haarige Boxenausfahrt - in der Formel 1 haben die Regelhüter eine Menge zu tun, und die Regeln stehen vor einer Rückkehr zu alten Ufern.
Es war schon dunkel, als die endgültige Startaufstellung für den Großen Preis von Malaysia endlich verkündet werden konnte. Um 19:17 Uhr rückten die Sportkommissare Gary Connelly, Henry Krausz und Philip Leong mit ihrer Entscheidung raus: Die McLaren-Mercedes-Piloten Lewis Hamilton und Heikki Kovalainen wurden strafweise um je fünf Startplätze zurückversetzt, weil sie auf ihrer letzten Runde, auf dem Weg zurück in die Boxengasse nach ihren Bestzeiten, Nick Heidfeld und Fernando Alonso behindert hatten.
Letztere beide waren noch auf einer fliegenden Runde, als die Silberpfeile langsam zurück an die Box rollten. Der Hintergrund: Die ersten Zehn der Qualifikation dürfen nach dem Top 10-Qualifying nicht mehr nachtanken. Deswegen wollen die Piloten auf dem Weg zurück an die Box so viel Benzin wie möglich sparen - und verlegen sich auf eine Schleichfahrt. So lässt sich vielleicht noch eine Runde mehr für den Start-Törn heraus schlagen.
Alonso garstig, Heidfeld kocht
Weil die beiden Silberpfeile diese Trudelei aber auf der Ideallinie vornahmen beziehungsweise diese erst kurzfristig freigaben, fühlten sich die Nachfolgenden behindert. "Ich konnte nicht alles aus diesem Quali rausholen, weil die McLaren im Weg standen", knurrte Nick Heidfeld. "Das hat mich sicher zwei Zehntelsekunden gekostet und nur eine davon hätte mich in die zweite Startreihe gebracht. Ich verstehe ja, wenn man nach Abschluss seines Laufs Sprit spart, aber bitte nicht auf der Ideallinie."
Renault-Star Fernando Alonso verkrümelte sich nach der eklatösen Qualifikation ins Teamzelt von Red Bull - jenem Team, für das Renault auch Motoren liefert. "Er hat sich ziemlich garstig beklagt", fiel Augenzeuge Christian Horner, dem Red Bull-Teamchef auf.
BMW informierte die Rennleitung, was eine Untersuchung der Sportkommissare auslöste. Die endete um 18 Uhr, als Kovalainen als letzter Betroffener den Untersuchungssaal verließ. Trotzdem brauchten die Kommissare noch mehr als eine Stunde, um sich alle Videos zu Gemüte zu führen. Erst dann kam die Strafversetzung um je fünf Plätze.
Geschwindigkeitsunterschied von 200 km/h
BMW-Rennleiter Mario Theissen war schon im Hotel, als ihn die Entscheidung erreichte. "Offensichtlich haben die Rennkommissare Nicks Einschätzung bestätigt, dass er auf seiner schnellsten Runde behindert wurde", übermittelte er telefonisch. "Für mich geht die Entscheidung noch aus einem anderen Grund in Ordnung: Der Geschwindigkeits-Unterschied zwischen Nick und den beiden langsamen Fahrzeugen betrug mehr als 200 km/h. Es sei also real eine gefährliche Situation entstanden.
Die Diskussionen um die Strafversetzung wäre an sich nicht weiter wild - wenn es nicht schon das ganze Wochenende über Debatten über das Reglement gäbe. BMW verwahrte sich gegen die Anschuldigungen von Williams, Heidfeld habe Nico Rosberg nach dem gemeinsamen ersten Stopp in der Boxengasse regelwidrig zusammengeschnitten und so einen Platz gutgemacht. "Dann müssen sie sich nur unsere Daten angucken. Die zeigen eindeutig: Nico musste wegen Nick bremsen", versichert Williams' Technischer Direktor Sam Michael. "Charlie Whiting", der Rennleiter, "wäre auch eingeschritten, wenn er nicht mit den ganzen Safety-Car-Phasen so viel andere Sachen am Hut gehabt hätte."
Damit nicht genug der Debatten. Der komentenhafte Aufstieg von Sebastien Bourdais im Rennen ging nur darauf zurück, dass der französische Toro Rosso-Pilot in einer Gelbphase zu einem Zeitpunkt an die Box kam, als die Boxengasse nominell noch geschlossen war. Denn die noch jungen neuen Safety-Car-Regeln besagen: Die Boxengasse ist erst dann offen, wenn das ganze Feld sich im Rattenschwanz hinter dem Führungsfahrzeug versammelt hat. Bourdais selbst war aber der letzte des Feldes und lag noch mehrere hundert Meter zurück, als die Boxengasse trotzdem schon geöffnet wurde. Das ermöglichte jenen taktisch klugen Stopp, der den Franzosen auf Platz vier empor brachte.
Rückkehr zur alten Safety-Car-Regel?
Die Safety-Car-Regeln waren Anstoß heftiger Diskussionen im Fahrerlager - und auch im Vorfeld eines Teammanager-Meetings. Whiting gab den Fehler zwar nicht zu. Aber er stritt ihn auch nicht ab. Man rechnet nun damit, dass die Safety-Car-Regeln wieder zurück auf den alten Stand gebracht werden. Denn sie waren nur aus Sicherheitsgründen, um wilde Sprints zur und von der Box unter Gelb zu vermeiden, überhaupt geändert worden. Aber jetzt fahren die Piloten halt ein paar Runden später Vollgas, sicherer ist das auch nicht.
Auch um die In-Laps nach der Qualifikation gibt es schon Diskussionen. "Die Qualifikation war ja noch nicht zuende", beobachtete Honda-Teamchef Ross Brawn von der Boxenmauer. "Es gab sowohl einen sportlichen als auch einen sicherheitsrelevanten Aspekt." Der Mancunian hat auch schon eine Lösung parat: "Charlie führt doch schon eine neue Maximal-Zeit für die Runde aus der Box auf die Startaufstellung ein." Eine vergleichbare Lösung könnte man doch auch für die letzte Auslaufrunde der Qualifikation ersinnen?
Michael: "Maximal-Zeit wird kommen"
Für die minus-erste Rennrunde gibt es ebenso einen sicherheitstechnischen Aspekt wie für die letzte Runde des Zeitfahrens. "Die Fahrer aus den Top 10 müssen auch dort Benzin sparen", vergleicht Brawn. "Alle anderen durften aber fürs Rennen nachtanken. Die können vor der Startaufstellung noch schnell letzte Details an den Autos prüfen." Indem sie nicht gleich auf den Startplatz biegen, sondern noch mal durch die Boxengasse fahren und so noch eine Testrunde einschieben können. In der halben Stunde nach Öffnen der Boxengasse können also ähnlich eklatante Geschwindigkeitsunterschiede auftreten wie am Samstagnachmittag in den Sümpfen von Sepang.
Sam Michael ist überzeugt: "Diese Maximal-Zeit wird kommen. Vielleicht sogar schon für Bahrain." Das Ironische an der Geschichte: Letztes Jahr gab es eben so eine Maximal-Zeit schon mal. Als es noch die Benzin-Verbrennphase zu Anfang des letzten Quali-Drittels gab, durfte die langsamste Zeit nicht 110 Prozent der schnellsten überschreiten. Mit der Streichung der Leer-Fahrten verschwand auch die Höchst-Klausel. Sie könnte bald fröhliche Urständ' feiern.
Aus Kuala Lumpur berichtet Norbert Ockenga / Eurosport