Eurosport - So 23.Mrz. 22:54:00 2008
McLaren-Mercedes erlebte in Malaysia ein Waterloo. Lewis Hamilton und Heikki Kovalainen konnten nie das Tempo der Ferrari mitgehen.
Die Bilder glichen sich Runde um Runde. Immer wieder überbremste Lewis Hamilton die Vorderachse seines McLaren-Mercedes. Von den Vorderreifen stieg der Rauch auf, das kurveninnere Rad stand in der Luft.
So kann man gegen Ferrari in Normalform keinen Grand Prix gewinnen. "Das hat an der Stelle auch mit der Ideallinie zu tun", wiegelte Mercedes-Rennleiter Norbert Haug ab. "Und wenn du für fünf oder sechs Runden weniger Sprit an Bord hast, dann macht das auch schon einen Unterschied bei der Straßenlage aus. Zehn Kilogramm Benzin kosten in Malaysia vier Zehntelsekunden."
Das trifft das Problem aber nur oberflächlich. Silber war in Sepang einfach nicht so gut in Form wie Rot. "Ich hätte die McLaren stärker erwartet", gestand BMW-Fahrer Robert Kubica. Doch der Pole konnte Kovalainen über die Distanz klar hinter sich halten. Der Finne klagte: "In meinem ersten Törn haben meine Reifen gekörnt."
Reifenwahl Zünglein an der Waage
Nach der doppelte Strafversetzung um fünf Startplätze wählte McLaren eine aggressive Strategie. "Wenn du eh Neunter bist", gab Haug die Parole aus, "musst du schon ein Risiko eingehen." Man ließ Hamilton zwei Törns mit weichen Reifen fahren. "Der Unterschied zwischen den beiden Reifenmischungen ist hier nicht so groß", erläuterte Haug. Doch: "Wenn es 'stinking hot' ist", hatte Honda-Teamchef Ross Brawn schon vorher bemerkt, "kann der Verschleiß sehr hoch ausfallen. Nur wenn es kühler ist, kann es sein, dass auch die weichen Reifen halten." Die Streckentemperaturen pendelten aber um die 40 Grad - das war zu heiß für die weiche Mischung.
Das Problem lag aber weniger auf der Distanz, als vielmehr darin, dass der McLaren am Anfang nicht mit den Reifen umgehen konnte. "Wenn der Fahrer sich in den Trainings nur auf eine Reifenmischung einschießt, kann es sein, dass er mit der anderen nicht so gut klar kommt", weiß Haug zu berichten.
Hamilton hatte in den Trainings mehr mit den harten Reifen gearbeitet, weil er davon ausging, dass der weiche in der Hitze die falsche Wahl sein würde. Im Rennen musste er sich umgewöhnen. "Auf den war er eben nicht so sehr eingeschossen, wie er selber sagt", gibt Haug zu. "Man konnte sehen, dass er etliche Zeit liegen gelassen hat."
"Leistungsvermögen überschattet"
Hamilton versuchte rundenlang, die Bremskraftverteilung im Cockpit so zu verstellen, dass sein Auto nicht überbremst. Wie sehr er mit den weichen Pneus die Bremsen überforderte, zeigte sein erster Boxenstopp: Schwarzer Staub einer Kohlefaser-Bremse pulverte aus der Felge, als der Mechaniker das Rad abnahm. "Dass er mit der Bremse das Rennen überhaupt zu Ende fahren konnte", wunderte sich Toyota-Chefingenieur Dieter Gass.
Toyota war neben Kubica der große Nutznießer der McLaren-Schwäche. Denn Jarno Trulli holte mit technisch und fahrerisch fehlerloser Fahrt aus eigener Kraft einen vierten Platz - vor Hamilton.
Der aus der Karibik stammende Brite verlor beim staubigen ersten Stopp mehr Zeit an der Box. "Eine Sicherheitsbefestigung der Radmutter hat geklemmt", beschrieb Teamchef Ron Dennis. Der immer noch in der Kritik stehende Engländer fügte auch hinzu: "Das wahre Leistungsvermögen wurde von einem permanenten Untersteuern überschattet, dass sich automatisch einstellt, wenn man viel im Verkehr steckt."
"Im Rennen sind wir immer gut"
Diese Einschätzung teilt er mit Sieger Kimi Räikkönen - der sich an Australien erinnerte: "Da hätte unser Tempo im Rennen auch schon gut genug sein müssen. Aber den wahren Speed konnten wir erst an den Tag legen, als wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren."
Räikkönen weiß: "Im Rennen sind wir immer gut. Aber manchmal tun wir uns schwer, in der Qualifikation alles genau auf den Punkt zu bringen."
Über eine schnelle Runde ist McLaren-Mercedes besser. Aber nicht in Malaysia. Denn die Strecke liegt den Ferrari von der Grundanlage besser - traditionell. "Ferrari hat es in Melbourne nicht auf den Punkt gebracht. Da haben wir die Arbeit besser erledigt", holt Haug aus. "Wenn ein bisschen mehr Gummi auf der Strecke liegt, oder ein Auto ein bisschen empfindlicher auf Wind reagiert - das kriegst du nicht immer hin, dass wirklich alles zusammen passt. Zwischen Ferrari und uns ist das Kräfteverhältnis ganz und gar nicht gegeben. Das kann sich von Mal zu Mal ändern."
Aus Kuala Lumpur berichtet Norbert Ockenga / Eurosport