Cancellara: "Traum vom Tour-Sieg"

Eurosport - So 23.Mrz. 17:32:00 2008

Nach seinem Triumph in San Remo blickt Fabian Cancellara schon auf seine nächsten Highlights: Als Nahziel möchte der Schweizer die Flandern-Rundfahrt gewinnen, sein Fernziel bleibt weiterhin das Tour-Podium in Paris, wie er in der Pressekonferenz im Anschluss an die "Classicissima" verriet.

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"Mein Traum war und ist es, die Tour zu gewinnen", bestätigte Cancellara auf Nachfrage aus der Journalistenschar - und sorgte damit durchaus für Aufsehen. Schließlich war der bislang beste Gesamtrang des Schweizers bei drei Teilnahmen der 100. Platz im letzten Jahr. Doch die Herausforderung reizt ihn: "Wenn man sagt, das es unmöglich ist, hat man schon verloren", gibt er sich gewohnt kämpferisch - bleibt aber im Nachsatz dann doch Realist: "Vielleicht bleibt es ein Traum, denn ich wiege 84 Kilogramm und habe nicht das gleiche Verhältnis von Gewicht zu Kraft wie ein Kletterer, der 55 Kilo wiegt - und das macht sich im Hochgebirge natürlich bemerkbar."

Selbst wenn es also mit dem nächsten eidgenössischen Tour-Sieg nach Hugo Koblet 1951 nichts werden sollte, zählt der Berner dennoch zu den großen Stars im Radsport: Vom reinen Zeitfahr-Ass, der mit seinem Prologsieg bei der Tour 2004 erstmals auf der ganz großen Bühne für Aufsehen sorgte, entwickelte er sich weiter zum Klassiker-Jäger, der seit seinem Solo-Sieg in Roubaix 2006 bei den großen Eintagesrennen im Frühjahr immer zum Favoritenkreis gehört.

In diesem Jahr hat der 27-Jährige einen weiteren Schritt nach vorne gemacht und sich an kurzen Anstiegen deutlich verbessert. "Ich kann inzwischen bergan bis zu einer gewissen Dauer mit den Topfahrern mithalten", erklärte er - der Beweis war der Gesamtsieg beim erstklassig besetzten einwöchigen Etappenrennen Tirreno-Adriatico. Auch bei Mailand-San Remo konnte er von dieser neuen Stärke profitieren. Der erstmals in den Streckenverlauf aufgenommene Anstieg zum "Le Manie" entpuppte sich nämlich trotz seiner Platzierung 100 Kilometer vor dem Ziel als Schlüsselstelle. "Dort wurde so schnell gefahren wie den ganzen Tag nicht mehr, um die Sprinter abzuhängen und ihre Helfer zu ermüden. Ich hatte selbst zu kämpfen, um den Anschluss zu halten."

Wie sehr er sich bergan aber wenn nötig quälen kann, bewies der Sohn eines italienischen Vaters schon im Vorjahr auf der 3. Etappe seiner Heimrundfahrt, der Tour de Suisse: Am sieben Kilometer langen Schlussanstieg hielt er Anschluss zu den Favoriten und verteidigte so in Nauders hauchdünn sein Gelbes Trikot.

"Cancellara à la Merckx"

Ein weiteres "Geheimnis" seines Erfolgs sei die in mittlerweile sechs Profijahren gewonnene Erfahrung: "Früher war ich oft zu nervös, habe im falschen Moment attackiert und Fehler gemacht. Inzwischen bin ich abgeklärter", so der CSC-Profi. Sein Antritt zwei Kilometer vor dem Ziel in San Remo sei spontan gewesen, "so etwas plant man nicht morgens im Bus". Aber Cancellara griff erfolgreich auf jene Taktik zurück, mit der er bei der 3. Etappe der Tour 2007 in Compiègne die versammelte Weltelite der Sprinter überrascht hatte.

Sein Triumph bei der 99. Auflage der "Primavera" wurde ob seiner beeindruckenden Vorstellung tags darauf von der "L'Equipe" schon mit den Auftritten eines Eddy Merckx verglichen - und das vor Selbstbewusstein strotzende Kraftpaket drohte nach seinem bereits fünften Erfolg in der noch jungen Saison weitere Großtaten an. "Ich komme jetzt in meine besten Jahre und ich spüre, dass mir dieser Sieg den Weg zu vielen weiteren eröffnet" - eine Feststellung, der wohl niemand widersprechen dürfte.

Wo der nächste ganz große Coup steigen soll, ist auch kein Geheimnis mehr: "Die Flandern-Rundfahrt ist mein großes Ziel in der ersten Jahreshälfte. Ich bin mittlerweile bereit dazu, sie zu gewinnen - mit der Kraft, die ich jetzt nicht nur in den Beinen, sondern auch im Kopf habe...", drohte Cancellara der Konkurrenz. Und damit nicht genug: "Was mir 2006 in Roubaix gelungen ist, kann ich wiederholen", unterstrich er mit Blick auf den französischen Kopfsteinpflaster-Klassiker. Nach seinen Auftritten in Italien wird daran niemand zweifeln.

Andreas Schulz / Eurosport