Tour de France - Angermanns Tour: "Mon dieu, Poupou!"

Eurosport - Di 22.Jul. 16:40:00 2008

Klaus Angermann, jahrelang am Eurosport-Mikrofon und insgesamt 41-facher Berichterstatter von der Tour de France, hat abseits des Renngeschehens mit Raymond Poulidor die lebende Legende der Tour de France getroffen.

CYCLING 2008 Tour de France Raymond Poulidor - 0

Es kann der Staatspräsident der Tour de France seine Aufwartung machen; es können Show-Stars, berühmte Filmschauspieler oder Helden des Fußballs für eine Etappe die Große Schleife begleiten - keiner dieser "Promis" erreicht das Publikum am Straßenrand so intensiv, wird so uneingeschränkt begrüßt, bejubelt wie der 72-jährige Raymond Poulidor. Obwohl seine aktive Zeit schon drei Jahrzehnte zurückliegt, obwohl er die Tour nie gewonnen hat, ja nicht einmal einen einzigen Tag das Gelbe Trikot getragen hat, ist "Poupou" - sein Kosename - einer der populärsten Franzosen. Noch immer.

Der ewige Zweite

Statt ein belastendes Stigma zu sein, hat der Ruf des "ewigen Zweiten" die Beliebtheit des Bauernsohnes aus der Nähe der französischen Porzellan-Metropole Limoges geprägt, gefördert und ewig jung gehalten. Seine Rivalität mit dem fünfmaligen Tour-Sieger Jacques Anquetil ist Legende geworden.

14 Mal hat Poulidor die Frankreichrundfahrt bestritten: Acht Mal stand er in Paris auf dem Podest - fünf Mal als Zweiter, drei Mal als Dritter. Bis heute ein Rekord. Einmal fehlten dem "Abziehbild der Nation" - so nannte ihn eine Zeitung - winzige 55 Sekunden nach 4 500 Kilometern, um Sieger zu sein; ein anderes Mal gar nur 80 Hundertstel einer Sekunde, um 1973, beim Prolog in Scheveningen, das Gelbe Trikot über zu streifen

"Poupou" im gelben Polohemd

Trotzdem: "Ich war nie ein Pechvogel" sagt der Seigneur bescheiden, "die Anderen waren eben einfach immer etwas besser". Nur einmal hat er das Bedauern der französischen Nation akzeptiert, als er 1968 als Favorit, von einem Reporter-Motorrad aus der Tour "gefahren" wurde.

Dennoch erlebt das Publikum Poulidor Tag für Tag in Gelb bei der Tour. Frankreichs Bankriese LCL, seit 20 Jahren Sponsor des Gelben Trikots, hat "Poupou" - gesprochen: Pupu - als PR-Mann unter Vertrag. Und da trägt die Legende natürlich ein gelbes Polohemd.

Andrang wie am Taubenschlag

Wann immer ich im "Village", dem 3000 Quadratmeter großen Jahrmarkt ähnlichen Treffpunkt vor dem Start für Sponsoren, Ehrengäste, Fahrer, Journalisten, meine Informationsrunde drehe, sage ich: "Monsieur Raymond, bonjour!" Er ist gar nicht zu verfehlen, residiert das Idol von einst und jetzt doch am großen, ganz in Gelb gehalten Zeitungsstand von LCL, dem Trikot-Sponsor eben, an einem der kleinen runden Tische, wo man schnell einen Café trinkt, dabei einen Blick auf die Schlagzeilen wirft, mit Kollegen diskutiert oder mal drei Minuten besinnlich in die Luft schaut. Bei aller Hektik am Morgen einer Etappe.

Am Tisch von "Poupou" aber geht es fast immer zu wie vor einem Taubenschlag. Alle wollen ein Autogramm. Wenn möglich mit Widmung. Deshalb ist der noch immer drahtige Brillenträger mit dem vollen silbergrauen Haar auch pausenlos am Schreiben. Seine Begleiterin, die unter anderem die vielen Interview-Wünsche koordiniert, hat auch für die Tour 2008 wieder gut vorgesorgt und 15000 Postkarten mit dem Konterfei Poulidors dabei - gehabt...

"...und 15 Jahre lang einen 280er SE gefahren"

Die gehen wirklich weg wie die warmen Semmeln. Und fast immer nimmt sich Poupou die Zeit für ein nettes Wort. Oft kommen auch Fans mit einem Album der Erinnerungen, wo er sich dann, bitte, verewigen soll. Kommen gar alte Rennfahrer-Weggefährten, dann vergisst der Evergreen Gott und die Welt: "Mon dieu, mein Gott, weißt du noch..."

Übrigens - zu Deutschland hat Poulidor mehrfach eine Beziehung: "Ich habe 15 Jahre lang einen 280er SE gefahren, der hatte am Ende 742000 Kilometer auf dem Tacho", erzählt er stolz und schmunzelnd. Und: "Auch viele Autogrammwünsche kommen aus Deutschland - drei Briefe mindestens. Täglich." Und da sind die Kontakte mit den Kollegen von einst wie Rolf Wolfshohl, Karlheinz Kunde oder Rudi Altig. "Mindestens einmal im Jahr haben wir ein internationales Treffen bei uns." Soll heißen in Frankreich, wo es mal eine Umfrage gab: "Welchen Star würden Sie Weihnachten daheim gerne zu Gast haben?" Es antworteten 48 Prozent mit "Poulidor"! Vielleicht, gerade weil er kein Star ist.

Àbientôt!

Klaus Angermann

Eurosport

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