Berlin (dpa) - Tobias Schellenberg wirkt noch ein wenig bedrückt und nachdenklich. Dabei steht der Saisonhöhepunkt bevor, die Olympischen Spiele, an denen der Berliner zum zweiten Mal teilnimmt.
Aber die Vorfreude auf die Wettbewerbe in China und die «Mission Medaille» ist etwas getrübt: Zum einen zwickt der Halswirbel, die Olympia-Vorbereitung verlief alles andere als optimal. Andererseits muss der Wasserspringer für einen Monat ein Projekt ruhen lassen, das ihm ebenso am Herzen liegt wie der Kampf um Gold. Ein Projekt, bei dem zehn Kinder sehnsüchtig auf seine Rückkehr warten.
Schellenberg betreut einmal pro Woche sogenannte «Schattenkinder», Kinder, deren Geschwister schwer krank oder gestorben sind, geht mit ihnen ins Schwimmbad und übt Sprünge von Brett und Turm. «Das Spielen und Trainieren mit den Kleinen ist einfach klasse», sagt der 29- Jährige in Berlin, «es gibt kaum ein größeres Glücksgefühl als ein Kind, das sich überwindet und vom Drei- oder Fünf-Meter-Brett springt. Manche gehen sogar ganz nach oben auf den Zehner.» Wenn er von seinen Schützlingen erzählt, leuchten Schellenbergs Augen.
«Bei so einem schweren Schicksalsschlag für die Familie werden die gesunden Kinder oft vernachlässigt, fallen hinten runter», erzählt der Athlet, selbst Vater eines kleinen Jungen. Zusammen mit der Björn-Schulz-Stiftung aus Berlin hofft der gebürtige Leipziger, diese Kinder im Schwimmbecken «ein wenig aufzufangen» und sie von ihrem schweren Schicksal abzulenken. «Die Kinder können es meist kaum erwarten, dass es los geht und sind danach immer traurig, wenn das Springen und Planschen nach anderthalb Stunden wieder vorbei ist.»
Auch der Leistungssportler sehnte in den letzten Wochen den Tag herbei, an dem er endlich wieder auf das Sprungbrett und ins Wasser darf. Eine hartnäckige Verrenkung im Halswirbelbereich zwang ihn nach dem Weltcup in Rostock Anfang Juni zu einer rund sechswöchigen Trainingspause. «Wie wenn einem jemand ein Messer hineinstößt», beschreibt Schellenberg den Schmerz, den er in dieser Zeit in der oberen Wirbelsäule verspürte und der nur Reha und Massage zuließ.
«Mittlerweile geht es aber und ich kann wieder trainieren - und auch die Vorfreude auf Olympia ist wieder da.» Lange war die Teilnahme an den Spielen in Peking ungewiss. In solchen Momenten komme man ins Grübeln. «Die Angst, nach vier Jahren Vorbereitung so kurz vor dem Ziel auszufallen, war sehr groß», sagt Schellenberg.
Vor vier Jahren hat der Berliner zusammen mit seinem Partner Andreas Wels in Athen olympisches Silber im Synchronspringen vom Dreimeterbrett gewonnen. Eine Medaille ist auch in Peking das Ziel. «Dabei sein ist alles gilt für mich nicht mehr, das hatte ich ja schon 2004», sagt Schellenberg. Planen könne man im Springen den Erfolg aber nicht, «da kommen so viele Faktoren zusammen und am Ende entscheidet sowieso die Tagesform». Trotzdem: Noch einmal olympisches Edelmetall und dann die Karriere ausklingen lassen - das ist die Vorstellung des Sportlers vom Berliner TSC. «Dies sind definitiv meine letzten Olympischen Spiele. Ob ich danach noch ein Jahr dranhänge, werde ich erst nach Peking entscheiden.»
Von der Zeit nach der sportlichen Karriere hat Schellenberg schon eine Vorstellung. Der Familie will er mehr Zeit widmen - und für die «Schattenkinder» da sein, für die er zumindest für kurze Zeit die Sonne scheinen lässt.


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