Eurosport - Do 22.Mai. 20:31:00 2008
Neuling Marko Marin entwickelt sich beim Trainingslager der Nationalmannschaft zum Liebling von Bundestrainer Joachim Löw und hat beste Chancen beim Turnier auch tatsächlich dabei zu sein. eurosport.yahoo.de stellt den Wirbelwind vor.
Olaf Thon war der einer der ersten Letzten. Später folgten Thomas Häßler oder Mehmet Scholl. Die berühmten "letzten Straßenfußballer" Deutschlands, die im Land der Kämpfer und Grätscher aufgrund ihrer begnadeten Technik als aussterbende Gattung gehegt und gepflegt wurden.
Pünktlich zur EURO 2008 zauberte Bundestrainer Joachim Löw einen neuen "letzten Straßenfußballer" aus dem Hut, der auch noch eine Mischung aus seinen Vorgängern ist: Die Vielseitigkeit von Thon, den Bewegungsablauf und die Haken von Häßler, den Schalk und die Geistesblitze von Scholl - das alles zusammen ergibt Marko Marin: 19 Jahre jung, 1,69 m klein, der Mann für das Überraschungsmoment von Wiederaufsteiger Borussia Mönchengladbach und jetzt auch bei der Nationalmannschaft.
Stundenlanges Fußball-Tennis mit dem Vater
Ein rotzfrecher Wirbelwind, der ständig die Eins-zu-Eins-Situation sucht, kaum vom Ball zu trennen ist und die Intuition für den letzten Pass besitzt. Das Ballgefühl des gebürtigen Bosniers brachte ihm sein Vater Ranko bei. Oft stundenlang spielten beide Fußball-Tennis über eine Schranke an der Straße vor dem Elternhaus.
Neun Jahre spielte er im Nachwuchs von Eintracht Frankfurt, wo ihm in der B-Jugend "körperliche Defizite" bescheinigt wurden, worauf Marin der Eintracht den Rücken kehrte. Dann griff Gladbachs Nachwuchsdirektor Max Eberl zu und formte ihn mit Cheftrainer Jos Luhukay zum größten Gladbacher Talent seit Sebastian Deisler.
Noch bevor er sein erstes Profispiel für die Borussia bestritt, buhlten schon große Vereine wie der AC Mailand und der AC Florenz um den kleinen Dribbelkünstler, der aber die "nächsten Jahre" bei der Borussia bleiben will, und für den es laut Sportdirektor Christian Ziege "keine finanzielle Schmerzgrenze" gebe.
13 Torvorlagen für Mönchengladbach
Seine bärenstarke Rückrunde, vier Tore und 13 Assists in der abgelaufen Zweitliga-Saison, sorgte auch bei Löw und seinem Trainer-Team für Aufmerksamkeit und die Überraschungs-Nominierung. Was bei Jürgen Klinsmann vor der WM 2006 David Odonkor war, ist bei Löw der Marin. Einen Neuling, den keiner der Experten auf der Rechnung hatte.
Für den Bundestrainer war es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. "Ich habe ihn persönlich nur einmal beobachtet und wusste nach zehn Minuten, den nehme ich mit" schwärmt Löw, der seinen Frischling oft Markus nennt, eine Verwechslung mit einen Bundesliga-Profi namens Marcus Marin aus den 90ern, der mit Marko allerdings nicht verwandt ist.
Schon nach wenigen Tagen auf Mallorca hatte Löw den jungen Dribbelkünstler dann endgültig ins Herz geschlossen "Der Kleine ist wahnsinnig positiv", strahlt Löw jedes Mal, wenn er auf seinen Frischling angesprochen, der sowohl Spielmacher-Potenzial hat, aber bevorzugt die offensiven Außenbahnen besetzt. Marin ist beidfüßig, also flexibel einsetzbar - was für ihn und gegen seinen wohl direkten Konkurrenten Odonkor spricht. Doch Marin muss aus dem Löwschen "23 aus 26-Lotto" insgesamt drei Teamkollegen ausstechen.
Seine Defizite sind offensichtlich, dem Leichtgewicht (63 kg) fehlt körperliche Robustheit und vor allem die internationale Erfahrung. Der Bundestrainer sendet trotzdem positive Signale: "Wenn er auch hier so selbstbewusst und frech auftritt, kann er auch bei uns seine Leistung abrufen." Löw will vor allem die Unbekümmertheit Marins bewahren: "Er soll ein einfach so spielen wie in Gladbach. Auch wenn er mal hängen bleibt oder den Ball verstolpert, das spielt keine Rolle."
Marin auf den Spuren von Mehmet Scholl
Der 19-jährige gibt sich angriffslustig: "Ich werde versuchen, den Bundestrainer zu überzeugen, dass ich zu Recht dabei bin."
Wenn Marin das gelingt, könnte er weiter auf den Spuren eines seiner großen Vorbilder wandeln. Idol Mehmet Scholl, der vorletzte "letzte Straßenfußballer" der Nationalmannschaft, wurde 1996 Europameister.