Kitzbühel - Rückblick: Spiel mit dem Leben

Eurosport - Do 22.Jan. 22:05:00 2009

Zuviel des Spektakels bei einer Abfahrt? Nach dem Horror-Sturz seines Landsmannes Scott Macartney bei der Abfahrt in Kitzbühel 2008 hat Bode Miller eine Lanze für seine Kollegen gebrochen: "So darf man im Abfahrtssport nicht arbeiten. So kann es zu schweren Verletzungen und Todesfällen kommen!"

ALPINE SKIING 2007-2008 Kitzbühel USA Miller - 0

Die Szenerie war makaber: Während der Stadionsprecher zusammen mit den rund 45.000 Zuschauern ein "Happy Birthday"-Ständchen für Scott Macartney anstimmte, flog dieser mit einer Geschwindigkeit von mehr als 140 km/h und einem Luftstand von fünf Metern Richtung Zielraum. Als der Körper des bewusstlosen US-Amerikaners auf der eisigen Piste austrudelte, ging ein Stöhnen durch das weite Rund - danach war es still auf der größten Ski-Party der Welt, sehr still.

Macartney auf dem Weg der Besserung

Macartney, dessen Helm beim heftigen Aufprall zerbrach, erlitt ein isoliertes Schädel-Hirn-Trauma und schwerste Hautabschürfungen im Gesicht. 24 Stunden später meldete er sich nach dem Erwachen aus dem künstlichen Koma in einem ORF-Interview zurück: "Ich kann mich an den Lauf erinnern, aber nur bis zum Sturz. Ich fühle mich besser und besser." Gesundheitliche Spätfolgen schlossen die Ärzte in der Uni-Klinik Innsbruck aus.

Die Schutzengel hatten es gut gemeint mit Macartney. Aber der Furcht erregende Sturz, einer von vielen am Rennwochenende in "Kitz", hat Spuren hinterlassen. Bode Miller, kein Kind von Traurigkeit, hinterfragte die diskussionswürdige Streckenpräparierung, die ihren Zweck letztlich erfüllte und für spektakuläre Speed-Rennen sorgte. "Der Zielsprung wurde drei Mal geändert. Ich war schon bei der Besichtigung besorgt. Man darf nicht vergessen, dass es da um das Leben der Athleten geht. Der Zielsprung ist sinnlos!", wetterte er.

Auch Cuche äußert Bedenken

Wenn es einer wissen muss, dann Miller, der in seiner Karriere nach sechs Weltcup-Abfahrtsläufen als Sieger auf dem Podest stand und 2005 in Bormio den WM-Titel in der "Königsdisziplin" holte. Nach einer Fahrzeit von 1:50 Minuten auf der extrem eisigen und ruppigen Piste, die für Ski-Touristen mit herkömmlichem Material gar nicht zu bewältigen ist, rasten die Rennläufer kurz vor dem Ziel auf eine Schanze und den damit verbundenen Sprung bis zu 80 Meter zu. Didier Cuche, der die Abfahrt in Kitzbühel zum zweiten Mal nach 1998 gewann, äußerte ebenfalls seine Bedenken: "Nach dem ersten Training habe ich gewusst: Wenn der Sprung zehn, zwanzig Meter weiter geht, dann kann ich ihn nicht mehr stehen."

Dem Internationalen Ski-Verband ist das "Problem Zielsprung" nicht verborgen geblieben. Rennleiter Günther Hujara ließ den Hügel drei Mal entschärfen. Scheinbar mit einer fatalen Wirkung: Denn jedes Mal veränderte sich sowohl der Absprungpunkt als auch die Neigung der Schanze. Die Veranstalter der Hahnenkamm-Rennen verteidigten ihren "Naturhügel". "Den kann man nicht so einfach abtragen", erklärte Streckenchef Peter Obernauer.

Obernauer: "Da wird es viel Leben geben"

In den Tagen des Kitzbühel-Spektakels von 2008 war von Seiten der Rennläufer immer wieder zu hören, dass die Streif so schwer sei wie nie und manche Schlüsselstellen selbst für erfahrene Athleten nur am Limit zu bewältigen seien. Schon nach dem ersten Training hagelte es Kritik. Michael Walchhofer bezeichnete die Präparierung als "scheußlich, brutal", Miller meinte, die Veranstalter hätten sich bei der Pistenarbeiten "nicht viel Mühe gegeben". Obernauer unterstrich in einem Interview den Ruf von der absichtlich "frisierten" Streif: "Wir haben die Wellen in der Traverse gelassen. Da wird es viel Leben geben."

Insgesamt kamen alleine im Rennen sechs Läufer zu Sturz. Darunter auch der deutsche Johannes Stehle, der bei seinem ersten Auftritt in Kitzbühel Lehrgeld bezahlen musste. Glücklicherweise blieben bis auf Macartney alle weitestgehend unverletzt. Die Bilanz der schwer Verletzten nach dem Kitzbühel-Wochenende ist dennoch ernüchternd: Zwei Knochenbrüche, zwei Wirbelbrüche und eine Kopfverletzung.

Ändern wird sich im alljährlich Prosecco getränkten Mekka des Skisports, wo sich vom A- bis zum D-Promi alles tummelt, was Rang und Namen hat, jedoch wahrscheinlich auch im Jahr 2009 nichts. "The Show must go on" - und wie hat Österreichs Schlagerbarde Rainhard Fendrich schon 1982 so schön geträllert: "Ein Sturz bei 120 km/h entlockt ihm ein erfreutes 'Hoppala'. Und liegt ein Körper regungslos im Schnee, schmeckt erst so richtig der Kaffee!" - "Es lebe der Sport."

Thomas Janz / Eurosport

Kommentare 1 - 10 of 10

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  1. Skirennsport ist gefährlich. Leider gibt es immer noch Leute, die keine Ahnung davon haben und sich noch äußern, daß es "einfach nur haarsträubende Fahrfehler von Leuten wie Maccartney und Albrecht" ist es mehr als traurig, es ist direkt dumm. Wenn man mit 130-140 und das noch nach ca. 2 min. ins Ziel ankommt, da halten die Beine kaum noch und da entscheiden Milimeter nach vorne oder nach hinten die über Sturz oder nicht Sturz entscheiden. Und wenn einer wie D. Cuche schon bedenken hat, muss man verstehen wie brutal die Streif ist.
    Ich empfehle jedem der Lust auf Meckern hat, einmal nur den Start sich anzuschauen und dann versteht er vielleicht was die Jungs leisten.

    Von Doru-Nikolaus O, am Fr 23.Jan. 2:43
  2. der alte nürnburgring , die streif...die deutschen lieben nach wie vor blut...das blut der anderen...

    Von Santo L, am Do 22.Jan. 20:44
  3. meiomei, ich finde damit daß die leute rennfahrer geworden sind, gehn sie selbst automatisch ein risiko ein. wenn sie das vermeiden wollen dann können sie sich auch beim rewe hinter die kasse setzten, aber als rennfahrer wirst du immer mit diesem risiko konfrontiert werden. außerdem lebt der ski rennsport auch von der geschwindigkeit und den weiten sprüngen, also ich versteh die disskussion nicht ganz. natürlich ist es die pflicht des veranstalters das risiko nicht übermäßig zu strapazieren, und im ernstfall auch schnelle rettung zu gewährleisten, aber das war auch der fall.

    Von Nico, am Do 22.Jan. 18:35
  4. ja womöglich stimmt das, aber müssen es wirklich immer solche horrorstürze sein? das ist echt krank wie so fette säcke im zielraum feiern und dann einfach zu so einem horrorcrash sagen: naja, war eben ein fahrfehler find ich echt nur dämlich, weil die ja überhaupt keine ahnung von diesem sport haben (es gibt sicher einen großen teil von denen, der noch nicht einmal auf skiern gestanden ist). außerdem, 2mal auf ein und der selben stelle und ein deutscher (mir ist der name entfallen) hatte heute auch noch glück, weil er genauso absegelte wie albrecht und sich aber keine so schwerden verletzungen zuzog.
    meiner meinung nach gehört der zielsprung stärkstens entschärft, weil die fahrer können oft wirklich nur abschätzen, wo die kante des sprungs überhaupt beginnt!!!

    Von clemenshaslinger, am Do 22.Jan. 18:12
  5. Im letzten Satz gehört ein "nicht" zwischen "dass" und "es"

    Von , am Do 22.Jan. 17:44
  6. Bevor manche sich hier über "haarsträubende Fahrfehler" aufregen (Wink mit dem Zaunpfahl), sollten sie es erst mal besser machen. Man hat nur das recht, etwas schlecht zu machen wenn man es besser kann. und noch was: es sind Menschen, die da runter fahren und Menschen machen Fehler, auch wenn das manche noch nicht kapiert haben. Dass sich hier Leute über Fahrfehler aufregen im Angesicht der Verletzung Albechts widert mich an. Wie heruntergekommen ist unsere Gesellschaft? Es war ein Fahrfehler, aber der Veranstalter hat dafür zu sorgen, dass aus menschlichem Versagen (mit dem man immer rechnen muss) keine solchen Verletzungen zustande kommen. Das klappt in anderen Sportarten auch. Athleten haben sich über die Piste beschwert. Und es kann mir keiner erzählen, dass es in jedem Sport Leute im Hintergrund gibt, die sich bei solchen Unfällen die Hände reiben, weil die Aufmerksamkeit mächtig Kohle in die Kasse spült.

    Von , am Do 22.Jan. 17:22
  7. Die Fahrer fahren ja freiwillig runter und es gibt bei anderen Abfahrten auch schwierige Sprünge und auch wenn die ganze Abfahrt vereinfacht wird wird es Stürze geben für einen Fahrfehler können die Veranstalter nichts

    Von patrick.strolz, am Do 22.Jan. 17:03
  8. Ich sehe hier keine Sensationsgeilheit ... ich sehe einfach nur haarsträubende Fahrfehler von Leuten wie Maccartney und Albrecht die auf solchen Pisten einfach nix zu suchen haben
    Basta

    Von Thomas, am Do 22.Jan. 16:50
  9. Das ist wie frueher bei den Gladiatorenkaempfen.! Erst Blut macht die Party richtig schoen !
    Die Laeufer wollen es ,,SO,, sonst wuerden sie nicht runterfahren und das Volk erst recht !

    Von Dietmar I, am Do 22.Jan. 15:56
  10. Danke Thomas Janz, endlich jemand, der diesem Wahnsinn auf den Punkt bringt. Die Sensationsgeilheit im champusertränkten Zieleinlauf und darüber hinaus ist kaum mehr zu Bremsen. Aber wenn so viele Promis da sind, muss man schon auch was bieten, was wäre Kitz ohne ein paar fatale Stürze, da würde ja die Attraktivität darunter leiden. Das dieser Sport generell gefährlich ist, ist klar, aber muss man das jedes Jahr steigern? Ich finde das schrecklich, es widert mich an.

    Von perner_m, am Do 22.Jan. 15:54
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