Chemnitz (dpa) - Weihnachten verbringt Matthias Steiner bei seinen Eltern und Verwandten in Österreich. Doch der Gewichtheber vom Chemnitzer AC wird nicht lange bleiben. Bereits am zweiten Feiertag kehrt er in seinen Trainingsort Leimen zurück.
Einerseits will er die Zeit nutzen, um sich intensiv auf den vorolympischen Wettbewerb Mitte Januar in Peking vorzubereiten. Dort wird er erstmals für Deutschland starten. Andererseits meidet er zu viel Ruhe, denn in diesen Situationen holen ihn die schmerzhaften Erinnerungen besonders stark ein. Im Juli dieses Jahres traf ihn das Schicksal unerbittlich hart. Auf tragische Weise verlor der gebürtige Österreicher bei einem Verkehrsunfall seine Ehefrau Susann. Lediglich 18 Monate hatte das Paar sein Glück genossen.
Bei einer Fernseh-Übertragung während der Europameisterschaft 2005 hatte sich die junge Zwickauerin spontan für den Herkules begeistert, später per E-Mail die ersten Kontakte geknüpft. Der Österreicher fing Feuer, zog wegen der Liebe zu Susann nach Sachsen und fand in Deutschland seine neue sportliche Heimat. «Susann hat mich stets bestens unterstützt, saß bei meinen Wettkämpfen immer im Publikum. Um mit mir zu Olympia nach China fliegen zu können, sparte sie schon. Sie war eine so tolle Frau», sagt Steiner und seufzt.
In diesen Momenten wirkt der 120-Kilo-Hüne zerbrechlich. Die schrecklichen Geschehnisse lassen sich nicht verdrängen. Doch Schritt für Schritt versucht er seither, mit seiner Situation fertig zu werden. «Ohne den Sport wäre alles noch viel schwerer geworden», erklärt der 25-Jährige, wobei ihm eine Verpflichtung zusätzliche Motivation gibt: «Ich habe Susann fest versprochen, dass ich nicht aufgebe, sondern weiterkämpfe. Das bin ich ihr schuldig.» In seinem Herzen ist sie bei ihm. Abends in der leeren Wohnung nimmt er oft ihr Bild zur Hand und spricht zu ihr. «Die Klugheit und Vernunft meiner Frau fehlen mir sehr.»
Die olympische Entscheidung im Superschwergewicht steht am 19. August 2008 auf dem Programm. Diesem Ziel ordnet Steiner nun alles unter. Seit dem 15. Dezember läuft für ihn die Vorbereitung am Auswahlstützpunkt in Leimen viel befreiter. Denn an diesem Tag erreichte ihn nach langer Leidenszeit endlich einmal positive Kunde: Ab 2. Januar ist er deutscher Staatsbürger. Die Nachricht trieb ihm Tränen der Freude in die Augen. Mehrfach hatte er in der Vergangenheit auf diesen Bescheid gehofft und sich intensiv auf eine Welt- oder Europameisterschaft vorbereitet. Doch stets waren die Mühen umsonst. Steiner durfte nur zuschauen.
Zudem gelang ihm beim Bundesliga-Vergleich seines Chemnitzer AC gegen die SG Fortschritt Eibau ein äußerst verheißungsvolles Comeback auf der Heber-Bühne. Im März 2007 hatte er sich zum letzten Mal den Kampfrichtern gestellt. Danach zwangen ihn auch Verletzungen, vor allem Knieprobleme, zum Pausieren. Nunmehr schaffte er auf Anhieb im Zweikampf 405 Kilogramm und sechs gültige Versuche. «Es hat so gut getan, endlich wieder einen Wettkampf zu bestreiten», berichtet der Ausnahmeathlet und verspricht für seine internationale Deutschland-Premiere Mitte Januar Steigerungen um 20 Kilo.
Steiner, der bei den Sommerspielen 2004 in Athen Platz sieben belegte, ist gegenwärtig als einziger deutscher Akteur in der Lage, in Peking um Edelmetall zu kämpfen. Seine Bestleistung steht bei 432 Kilogramm; der WM-Titel wurde im September für 442 Kilo vergeben. Falls seine Träume sich erfüllen, kann er sich keine bessere Schlagzeile vorstellen als «Eine Medaille für Susann».


Bild vergrößern
