Wien (dpa) - Die türkischen Last-Minute-Männer haben mit dem dramatischen Elfmeter-Sieg gegen Kroatien schon jetzt EM-Geschichte geschrieben - und im nächsten Kapitel soll Deutschland die Rolle des traurigen Verlierers spielen.
«Jetzt ist Deutschland an der Reihe», titelte die Zeitung «Radikal». Und auch die Spieler schwimmen nach dem dritten Sieg durch späte Tore bei der Fußball-Europameisterschaft auf einer nicht für möglich gehaltenen Euphoriewelle: «Es ist wichtig, dass wir weiter an uns glauben. Es gibt keinen Grund, nervös zu werden, egal wie der Gegner heißt», sagte Matchwinner Hamit Altintop vom FC Bayern München mit Blick auf das brisante Halbfinal- Duell gegen Deutschland am Mittwoch (20.45 Uhr) in Basel.
Das 3:1 (1:1, 0:0) im Elfmeterschießen hat die ganze Türkei in einen total verrückten Fußball-Rausch versetzt. Das Blatt «Sabah» schrieb pathetisch: «Wir produzieren Wunder. Wir haben den Deutschen und dem Finale eine Botschaft geschickt: 'Die Türken kommen'.» Ministerpräsident Recep Erdogan toppte die bislang gezeigte Fußball- Begeisterung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ließ auf der Tribüne des Wiener Ernst-Happel-Stadions seinen Tränen freien Lauf. «Er verfluchte das Gegentor und freute sich wie verrückt über unser eigenes Tor. Der Fußball lässt sogar Ministerpräsidenten weinen», schrieb «Sabah».
Der zum Turnierbeginn noch öffentlich verhöhnte Trainer Fatih Terim hat längst wieder Imperator-Status erobert und gibt im Duktus des Oliver Kahn die Haltung der Türken aus. «Meine Philosophie ist: 'Niemals aufgeben'», sagte der 54-Jährige. Und seine Spieler folgten ihm erneut aufs Wort. Als durch Ivan Klasnics Kroaten-Tor in der 119. Minute alles verloren schien, traf der eingewechselte Semih Sentürk nach 121 Minuten und 46 Sekunden mit dem letzten Schuss des Spiels ins Glück. Die ohnehin schon dramatischen Aufholjagden gegen die Schweiz (2:1) und Tschechien (3:2) wurden dann durch den im Elfmeterschießen perfekt gemachten Sieg nochmals getoppt.
«Achtung Deutschland» lautet die Botschaft, die von den Türken ausgeht und keiner hätte die Warnung besser artikulieren können als die auf demütigende Weise bezwungenen Kroaten. «Wenn die Türken weiter so viel Glück haben, muss Deutschland aufpassen, dann verlieren sie», sagte Klasnic. Sein Trainer Slaven Bilic entdeckte ein magisches Moment - vergleichbar mit dem Sensations-Triumph der Griechen vor vier Jahren: «Sie haben etwas Besonderes, was man im Fußball braucht», sagte er.
Nach drei Vorrundensiegen müssen die Kroaten die Heimreise antreten und stehen mit dem bevorstehenden Rücktritt der Kovac-Brüder vor einem Umbruch. «Wir haben hier nichts erreicht», sagte der enttäuschte Berliner Bundesliga-Profi Josip Simunic, der seine Karriere im Nationaltrikot aber fortsetzen will.
Die Türken bleiben nach ihrem bislang größten Erfolg seit Platz drei bei der WM 2002 und dem ersten EM-Halbfinaleinzug überhaupt in Wien. Erst am Dienstag bricht das Team nach Basel auf, wo erstmals seit der WM 1954 wieder ein Turnier-Spiel gegen Deutschland ansteht - und das wieder in der Schweiz. Damals mussten die Türken in Zürich (2:7) und Bern (1:4) gleich zwei Vorrunden-Niederlagen gegen den späteren Weltmeister einstecken. Die jüngere Länderspiel-Bilanz macht den Halbmond-Männern mehr Mut. Seit 1992 haben sie gegen die DFB-Elf nicht mehr verloren.
Sorgen dürften Trainer Terim die vielen Ausfälle in seinem Team machen. Ganze 17 Spieler hatte er gegen Kroatien zur Verfügung. Gegen Deutschland dürften es noch weniger sein, denn Tuncay Sanli, Arda Turan und Emre Asik fehlen gegen das DFB-Team wegen Gelb-Sperren. Und Superstar Nihat Kahveci erlitt eine Leistenverletzung und fällt rund sechs Wochen aus, berichtete die Zeitung «Milliyet» auf ihrer Internetseite. Angeschlagen sind zudem Servet Cetin, Emre Belözoglu, Emre Güngör, Tümer Metin und Ayhan Akman. Eine mögliche Nachnominierung eines Spielers lehnte Terim bisher ab. «Ich vertraue meinem Kader», sagte er.
Immerhin kehrt Mittelfeldmotor Mehmet Aurelio nach abgesessener Gelb-Sperre zurück und kann neben dem überragenden Altintop spielen. Über den türkischen Einspruch gegen die Rot-Sperre von Volkan Demirel wird erst am Montag verhandelt. Muss der Stammtorwart ein zweites Mal zuschauen, steht wieder Rüstü gegen Deutschland zwischen den Pfosten.




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