Höfl-Riesch: "Große Kugel der Idealfall"

Do 20.Okt. 15:09:00 2011

Im Interview spricht Deutschlands herausragende Ski-Fahrerin Maria Höfl-Riesch über den Weltcup-Start am kommenden Samstag. Die Titelverteidigerin erklärt, mit welchen Unwägbarkeiten sie im Winter zu kämpfen hatte und blickt auf ihr Karriere-Ende.

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Aufgezeichnet von Thomas Janz

Am kommenden Samstag beginnt die neue Weltcup-Saison mit dem traditionellen Riesenslalom in Sölden. Wie lief Ihre Vorbereitung auf kommenden Winter?

Höfl-Riesch: Alles in allem holpriger als im vergangenen Jahr. Im Moment kann ich noch nicht genau einschätzen, wo ich stehe. Die Verletzung am Sprunggelenk, die ich mir in Neuseeland zugezogen habe, hat mich doch ziemlich beeinträchtigt. Zudem liefen die ersten Tage im Trainingslager in Chile nicht gerade optimal. Einmal zum Beispiel ging die Pistenraupe kaputt. Dadurch konnten die Pisten nicht präpariert werden. Dann fiel Schnee, wodurch die Unterlage sehr weich war.

Gibt es denn auch etwas Positives zu berichten?

Höfl-Riesch: Durchaus, das beste Gefühl hatte ich beim Riesenslalom. Und das ist ja passenderweise auch das erste Rennen der Saison. Daher bin ich recht optimistisch.

Der Riesenslalom ist die einzige Disziplin, in der Sie in Ihrer erfolgreichen Karriere noch kein Rennen gewinnen konnten. Wie wichtig ist Ihnen ein Sieg in der technisch anspruchsvollsten Disziplin?

Höfl-Riesch: Es ist kein Muss. Aber falls ich das schaffen sollte, würde ich zu einem ganz kleinen Kreis an Athletinnen gehören, die in allen fünf Disziplinen Weltcupsiege vorweisen können. Und das wäre natürlich eine große Ehre für mich, ein toller Erfolg.

Großveranstaltungen wie Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften stehen in diesem Winter nicht auf dem Programm - eine klassische Übergangssaison.

Höfl-Riesch: Wenn man sich das Programm anschaut, stellt man schnell fest: Der Rennkalender für den kommenden Winter ist extrem dicht, da bleibt nicht viel Zeit zum Relaxen. Aber ich gebe zu, dass ich ein wenig entspannter bin, da kein Großereignis ansteht. Man wird schließlich nicht gern schon im Oktober auf den Saisonhöhepunkt angesprochen, der erst im Januar oder Februar stattfindet. Das stresst ein wenig. So kann ich mich jetzt auf die ganze Saison freuen. Weniger intensiv wird der Winter deswegen aber sicher nicht.

Sie sprechen den dichten Rennkalender an. Sind Sie der Meinung, er müsse abgespeckt werden?

Höfl-Riesch: 35 bis 40 Rennen sind schon okay, aber der Kalender könnte alles in allem besser geplant sein. Wir starten in Sölden, dann passiert drei Wochen nichts. Es geht in Levi weiter, danach haben wir wieder zwei Wochen Pause. Dafür sind dann Januar und Februar vollgestopft mit Weltcups. Das könnte man sicher etwas entzerren.

Mit welchen Zielen gehen Sie in die neue Saison?

Höfl-Riesch: Es wäre schön, in Sölden einen guten Start zu erwischen. Aber egal, wie es dort läuft, dieses eine Rennen wird nicht entscheidend sein. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass man das Opening nicht überbewerten sollte. Mein Ziel ist es, die richtige Mischung aus Siegeswillen, Ehrgeiz und Gelassenheit zu finden. Sportlich gesehen möchte ich wieder vorn mitfahren und in allen Disziplinen um Podiumsplätze kämpfen.

Und da wäre noch die erfolgreiche Verteidigung des Gesamtweltcups.

Höfl-Riesch: Das wäre im Idealfall das Resultat aus dem, was ich eben gesagt habe. Wenn es mir gelingen würde, in allen Disziplinen konstant zu bleiben und Ausfälle zu vermeiden, könnte es auch wieder mit dem Gewinn der großen Kugel klappen. Doch selbst wenn es am Ende nicht reichen sollte, weiß ich zumindest, dass ich mein Bestes gegeben habe. Aber es stimmt schon: die Titelverteidigung im Gesamtweltcup wäre toll.

Sind Sie mit den Erfolgen auch etwas gelassener geworden?

Höfl-Riesch: In extremen Situationen habe ich mich auch früher schon gezwungen, die Ruhe zu bewahren. Doch tief in mir drin spürte ich trotzdem stark den Willen, unbedingt einmal den Gesamtweltcup zu holen. Als ich zum Ende der vergangenen Saison ein Tief hatte, dachte ich schon: Das gibt's doch gar nicht, dass es wieder nicht hinhaut! Aber nachdem es dann doch noch geklappt hat, kann ich diesmal tatsächlich gelassener herangehen.

Sie haben Ihre Ernährung komplett umgestellt. Wie muss man sich das vorstellen?

Höfl-Riesch: Ich nehme abends so gut wie keine Kohlenhydrate mehr zu mir. Bei meinem geliebten Kaffee verzichte ich auf Milch. Statt drei bis vier Latte macchiato am Tag wie vorher, trinke ich jetzt schwarzen Kaffee oder Espresso. Und Süßigkeiten esse ich nur noch zum richtigen Zeitpunkt, kurz vor oder nach dem Sport, so dass sie gleich wieder "verbrennen". Mit geht es bei alle dem aber nicht ums Abnehmen, sondern ich fühle mich so einfach fitter.

Und wie geht es Ihnen damit?

Höfl-Riesch: Ich fühle mich gut. Ein bisschen kalorienbewusster zu leben, kann auf jeden Fall nicht schaden.

Sie sollen es ja auch schon mit so einer Art Heilfasten probiert haben.

Höfl-Riesch: Nach dem vergangenen Winter wollte ich eine Woche nur gedünstetes Gemüse essen. Das soll ja gesund sein, doch für mich war das nichts. Ich habe es nicht durchgehalten. Wahrscheinlich war ich von der anstrengenden Saison noch zu ausgezehrt.

Sie haben in Ihrer Laufbahn schon fast alles erreicht. Inwiefern spielt Familienplanung eine Rolle in Ihren Zukunftsplanungen?

Höfl-Riesch: Bis zu den Olympischen Spielen 2014 will ich auf jeden Fall noch fahren. Aber natürlich muss ich auch auf meinen Körper hören. Elf Jahre im Weltcup gehen nicht spurlos vorüber. Doch noch habe ich Spaß am Skifahren, und solange es gut läuft, ich gesund bleibe, mache ich erst mal weiter.

Sie sind erst 26 Jahre alt. Wenn München und Garmisch-Partenkirchen die Olympischen Spiele 2018 bekommen hätten, dann wären Sie mit 33 Jahren doch noch in konkurrenzfähigem Alter gewesen.

Höfl-Riesch: Na ja, ich starte seit meinem 16. Lebensjahr im Weltcup. Dazu musste ich zwei schwere Verletzungen wegstecken. Skifahren ist ein Extremsport, da wirken wahnsinnige Kräfte. Der Körper spürt das. Es kann deshalb gut sein, dass ich irgendwann nur noch zwei Disziplinen fahre.

Sie hätten also nicht bis 2018 weitergemacht, wenn es Winterspiele in Ihrer Heimat gegeben hätte?

Höfl-Riesch: Nein, ich habe schon vor der Entscheidung gesagt, dass ich diese Spiele nicht als aktive Sportlerin erleben würde. Nichtsdestotrotz hätte ich Olympia in meiner Heimat toll gefunden und hätte mich dann sicher anderweitig eingebracht.

Das Missverhältnis zwischen Ihnen und Lindsey Vonn löste eine mediale Welle aus. Nun werden Sie sich in Kürze zwangsläufig im Weltcup über den Weg laufen. Wie werden Sie beide in diesem Winter miteinander klarkommen?

Höfl-Riesch: Wir haben uns bereits vor einigen Wochen in Neuseeland im Trainingslager getroffen und diskutiert, was letzte Saison passiert ist. Am Ende mussten wir einsehen, dass unsere Standpunkte in dieser Sache nach wie vor unterschiedlich sind, aber Lindsey hat einige Dinge eingeräumt und damit ist es für mich nun erledigt. Nun sollte wieder das Sportliche ganz im Vordergrund stehen.

TV-Tipp:

Es geht wieder los: Die alpinen Skifahrer beginnen den Winter traditionell in Sölden. Den Riesenslalom der Damen (Samstag, 22. Oktober ab 09:30 Uhr) und den Riesenslalom der Herren (Sonntag, 23. Oktober ab 09:30 Uhr) erleben Sie LIVE bei Eurosport.

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