Hamburg (dpa) - Deutschland feiert sein zweites «Sommermärchen». Laut jubelnd fielen sich Tausende vor den Großleinwänden in die Arme, als Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und Michael Ballack Deutschland zum 3:2-Sieg gegen Portugal und damit ins EM-Halbfinale schossen.
Einzelne Fanmeilen mussten «wegen Überfüllung» gesperrt werden. Schätzungsweise 300 000 Menschen begeisterten sich beim Public Viewing. Zum Halbfinale werden weitere große Fanmeilen in Berlin, Stuttgart und München geöffnet.
Nach dem Schlusspfiff fuhren Autokorsos - wild hupend - durch die Innenstädte, Fans schrien sich vor Freude heiser. Viele hatten ihre Gesichter in den Nationalfarben angemalt, trugen Trikots und schwenkten Flaggen. «Heute ist der Funke zwischen Mannschaft und Fans endlich übergesprungen», jubelte ein Fan in Frankfurt am Main.
Mit Erstaunen haben die Nationalspieler in ihrem EM-Quartier in Ascona die Welle der Begeisterung in Deutschland verfolgt und aus der Ferne ihren Anhängern gedankt. «Die Unterstützung der Fans spüren wir auch hier. Gestern war in Deutschland wohl eine sehr gute Stimmung. Da möchten wir uns im Namen der Trainer und der Mannschaft bedanken», sagte Bundestrainer Joachim Löw in Tenero. «Man spürt, dass die Fans unglaublich euphorisch sind, dass jeder einzelne Fan an die Mannschaft und an uns glaubt.»
Gleich nach dem Aufstehen im EM-Quartier in Ascona sah sich die Mannschaft um Kapitän Michael Ballack im Fernsehen an, welche Euphorie sie mit dem Sieg in der Heimat ausgelöst hatte. «Sie haben alle gestaunt», berichtete ein Funktionär aus dem Lager am Lago Maggiore. In der Nacht zu Freitag war der Reise-Tross des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gegen 2.00 Uhr ins Hotel zurückgekehrt.
Fast überall in Deutschland gingen die Fußball-Feste nach Angaben der Polizei ohne größere Zwischenfälle über die Bühne. In einigen Städten musste die Polizei allerdings gegen Randalierer vorgehen. In Frankfurt an der Oder wurden drei Polizisten verletzt, als aus einer Gruppe von 250 Menschen Steine und Flaschen geworfen wurden. Doch insgesamt hieß es deutschlandweit: «Es war alles friedlich, fröhlich und feucht.»
Insgesamt 27,7 Millionen Zuschauer zählte die ARD an den Bildschirmen des Landes (ohne Public Viewing). Vor allem auch in Gaststätten wurde das TV-Angebot genutzt. Und nicht nur dort wächst die Euphorie - und der Geschäftssinn - weiter. Zum Halbfinale öffnet auch wieder die Fanmeile auf der Straße des 17. Juni in der Hauptstadt Berlin. 500 000 Menschen könnten dort am 25. Juni den Einzug der deutschen Nationalmannschaft ins EM-Finale feiern.
Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach den Massen aus dem Herzen, als sie von einem «sensationellen Spiel» der Deutschen gegen Portugal schwärmte. «Deutschland kann sich mit Recht freuen, die Mannschaft aber auch», sagte die Kanzlerin.
Die Temperaturen in der Bundesrepublik sind zwar nach wie vor nicht so hoch wie beim «Sommermärchen 2006», aber die Menschenmassen auf den EM-Fanmeilen feierten sich bis weit in die Nacht zum Freitag genau so «heiß» wie bei der WM im eigenen Land vor zwei Jahren. Da störten auch einzelne Regenfälle nicht. «Die Euphorie der WM ist wieder zu spüren. Wir sind die Europameisterschaft, nicht die ausgeschiedenen Österreicher und die Schweizer», jubelten Fans.
In den Gastgeberländern ist die EM-Begeisterung nach dem Ausscheiden ihrer Teams eigentlich nur noch zu spüren, wenn die Fans der Mannschaften auf den Straßen feiern, die noch Chancen auf den EM- Titel haben. So jubelten in der Nacht zum Freitag schätzungsweise 120 000 Deutsche in Basel. Sie waren vor allem mit der Eisenbahn in die Grenzstadt gekommen.
Auf dem Hamburger Heiligengeistfeld fieberten 35 000 Fußball-Anhänger 90 Minuten lang mit. Im Schanzenviertel verfolgten Deutsche und Portugiesen gemeinsam das Spiel vor den Fernsehern in Bars und Cafés. Nach dem Spiel knallten überall in der Stadt Böller, und Raketen stiegen in den Nachthimmel.
In Berlin umlagerten Zehntausende die Open-Air-Leinwände und Bildschirme vor den Lokalen. Die Abgeordneten des Bundestages hatten früher Feierabend. Eine gute halbe Stunde vor dem Anpfiff entließ Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) die Parlamentarier. Nach dem deutschen 3:2-Sieg zogen die Schlachtenbummler Richtung Kurfürstendamm. An der Gedächtniskirche «war die Hölle los».
Auch in Nordrhein-Westfalen versammelten sich trotz Regens Zehntausende auf den zahlreichen Fan-Festen, allein in Köln waren es 25 000. Autokolonnen blockierten nach Spielende überall die Straßen, auch in anderen Bundesländern gab es kein Vorwärtskommen mehr. Beim größten Fan-Fest Baden-Württembergs in Heilbronn wogte auf der Theresienwiese ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer.
Bei all der Euphorie gab es auch bange Momente bei den Fans - vor allem als Nationaltorhüter Jens Lehmann die Gegentreffer kassierte. In den letzten Minuten der Partie herrschte auf den Plätzen in Erfurt, Gera und Weimar fast vollkommene Ruhe. «Das war Anspannung bis zum Schluss», sagte Organisator Ronny Schmidt.


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