Palma de Mallorca (dpa) - Mit der zugespitzten Kader-Auslese unter der Sonne von Mallorca liegt Joachim Löw 18 Jahre nach Weltmeister-Teamchef Franz Beckenbauer voll im EM-Trend.
Von den insgesamt 16 Nationaltrainern bei der Fußball-EM haben gleich 12 mit einem größeren Kader den Konkurrenzkampf angeheizt und bis zum Meldeschluss am 28. Mai ausgedehnt. Erst dann müssen sich Löw & Co. endgültig auf ihre 23 Akteure für das Turnier vom 7. bis 29. Juni in Österreich und der Schweiz festlegen. Eine deutsche Nationalmannschaft war zuletzt unter Beckenbauer 1990 mit einem erweiterten Kader in die Vorbereitung auf ein großes Turnier gegangen.
Das knallharte Verfahren ist in, und nicht nur der deutsche Chefcoach nimmt die bitteren Enttäuschungen für Wackelkandidaten wie die im Trainingslager schwitzenden David Odonkor, Jermaine Jones, Patrick Helmes, Oliver Neuville, Marko Marin oder Piotr Trochowski bewusst in Kauf. «Ich habe das Für und Wider abgewogen. Das ist Teil dieses Wettbewerbs. Zwischen dem Gemeinwohl und dem Einzelschicksal habe ich mich immer für das Kollektiv entschieden», sagte Frankreichs Coach Raymond Domenech, der 30 Spieler berufen hatte, darunter die Bayern-Vizeweltmeister Franck Ribéry und Willy Sagnol.
Sogar 31 Kicker hatte Spitzenreiter Josef Hickersberger für die Vorbereitung des Gastgebers Österreich nominiert. Beim Türken Fatih Terim standen 27 Namen auf der ersten Liste. Als letzte Trainer nominierten am 20. Mai Griechen-Coach Otto Rehhagel und Roberto Donadoni bei Weltmeister Italien jeweils 24 Akteure. Löw bewegt sich mit 26 Akteuren im Durchschnitt: Auch der Niederländer Leo Beenhakker von Deutschlands Gruppen-Gegner Polen sowie der Schweizer Jakob Kuhn und Rumäniens Victor Piturca müssen noch drei Spieler aussortieren.
«Ich sehe viel mehr Positives als Negatives darin. Für uns ist es geradezu ein Luxus, dass wir einmal längere Zeit mit den Spielern arbeiten können», betonte Löw. «Und wir wollen gewappnet sein, wenn sich Spieler verletzen sollten», benannte der 48-Jährige einen weiteren Effekt. In diesem Zusammenhang verwies er auf die negativen Erfahrungen des Confed-Cups 2005. Damals fielen Torjäger Miroslav Klose und Abwehrspieler Christian Schultz während der Vorbereitung mit Verletzungen aus, Bundestrainer Jürgen Klinsmann ging mit sogar einem Spieler weniger als erlaubt in das WM-Testturnier. «Wir wollten niemanden aus dem Urlaub holen. Auf Anhieb hätte der Spieler nicht die nötige Fitness mitgebracht», begründeten Klinsmann und sein damaliger Assistent Löw diese Entscheidung.
Frühzeitig festgelegt auf ihren 23-Mann-Kader haben sich nur die Trainer von Tschechien, Portugal, Kroatien und Spanien. Der Franzose Domenech wollte sein Personal dagegen nicht zu früh in Sicherheit wiegen: «Zumindest sieht man, welche Spieler bis zum Ende alles geben. Es gibt welche, die sich hängen lassen könnten und welche, die ihre Chance bis zum Ende nutzen wollen», sagte er. Für ihn gehört Auslese bis zum letzten Moment zum Profi-Geschäft dazu: «Das ist wie ein Fußballspiel: Es kann auch in der 94. Minute noch was passieren. Man muss bis zum Ende präsent sein. Das ist nie verloren.»
Die Kaderstärken der 16 EM-Nationen:
Gruppe A: Schweiz (26 Spieler), Tschechien (23), Portugal (23), Türkei (27).
Gruppe B: Deutschland (26), Österreich (31), Kroatien (23), Polen (26).
Gruppe C: Niederlande (25), Italien (24), Rumänien (26), Frankreich (30).
Gruppe D: Griechenland (24), Schweden (24), Spanien (23), Russland (25).


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