Eurosport - Mo 19.Mai. 16:35:00 2008
In der Eurosport-Serie "Road to EURO" spricht der Schweizer Kapitän Alexander Frei über seine Leader-Rolle in einem jungen Team, erinnert sich an das bittere Aus im WM-Achtelfinale 2006 gegen die Ukraine und schätzt die Chancen der "Nati" bei der EM im eigenen Land ein.
Sie haben neun Monate nicht gespielt. Wie schwer war diese Zeit für Sie?
Alexander Frei: Bei einem Kreuzbandriss weiß man aus Erfahrung, dass man sechs Monate pausieren muss. Aber an der Hüfte wird ein Fußballer nicht so oft operiert. Dann stellt man sich schon öfter die Frage, ob man jemals wieder Fußball spielen kann. Wenn man dann endlich zurückkommt und wegen zwei Muskelfaserrissen an der Wade operiert werden muss, fragt man sich mit der Zeit, ob man überhaupt wieder an das alte Niveau anknüpfen kann. Nach meiner Rückkehr habe ich gelernt, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. Es war sehr schwer, aber ich habe daraus gelernt und bin jetzt stärker.
Sie waren ja schon immer ein Kämpfer...
Frei: Ich musste immer kämpfen. Auch in der Schweiz war ich nie so etwas wie ein "Jahrhundert-Talent". Mir wurde nichts geschenkt. Aber ich habe es mit viel Willenskraft so weit geschafft.
Hat es Sie geärgert, dass einige behauptet haben Sie seien nicht so talentiert?
Frei: Natürlich. Ich musste mich in meiner Karriere immer anstrengen. Als Schweizer muss man doppelt so gut sein, um im Fußball angesehen zu werden. Das ist ja auch klar, da wir auf internationaler Ebene noch keinen so großen Erfolg hatten. Die Leute sehen in dir immer nur ein kleines Licht, obwohl es mittlerweile schon ein paar wirklich gute Spieler aus der Schweiz gibt. Man fühlt sich als Fußballer zwar akzeptiert, wird aber dieses Gefühl nicht los.
Sie sind inzwischen Kapitän der Schweizer Nationalmannschaft. Fühlen Sie sich als Anführer der jungen Spieler?
Frei: Ich will nicht übertreiben. Das ist mit nicht so wichtig. Ich wurde von Köbi Kuhn für zwei Jahre zum Kapitän ernannt. Jetzt versuche ich meinen Job so zu machen, wie ich es für richtig halte. Das wird manchmal positiv und manchmal negativ aufgenommen. Aber ich will gewinnen und Erfolg haben. Wenn Ottmar Hitzfeld übernimmt, werden wir sehen was passiert.
Was kann die Schweiz bei der Euro erreichen?
Frei: Alles oder nichts. Ich bin sicher, dass die Schweizer unser zwölfter Mann sind. Sie werden uns bis zum Ende unterstützen. Wir haben ein paar junge Spieler, sie über sich hinaus wachsen können. Deswegen sage ich alles oder nichts: Es kann für die Schweiz ein wunderbares Turnier werden, oder nach drei Spielen vorbei sein...
Die Gruppenspiele finden in ihrer Heimatstadt Basel statt...
Frei: Ich habe in Basel immer meine besten Spiele für die Nationalmannschaft gemacht. Das ist ein gutes Zeichen.
Wird es auch so weiter gehen?
Frei: Ich hoffe es. Ich werde alles geben, um 100-prozentig fit zu sein und die anderen 22 Spieler auch.
Bei der WM 2006 hat die Schweiz nicht ein Spiel verloren. Aber Sie waren wohl ziemlich unglücklich darüber, wie Sie ausgeschieden sind...
Frei: Wir haben einfach eine Riesenchance nicht genutzt. Obwohl wir den vielleicht schwächsten Gegner im Achtelfinale hatten. Das Viertelfinale wäre eine große Sache für den Fußball in der Schweiz gewesen. Dieses Elfmeterschießen hat immer noch einen schlechten Nachgeschmack für uns. Aber das ist jetzt vorbei und alles was zählt ist der 7. Juni und das Spiel gegen Tschechien.
Welche Bedeutung hat es für den Schweizer Fußball, wenn Ottmar Hitzfeld nach der Euro das Traineramt übernimmt?
Frei: Wir wollen jetzt erst einmal eine erfolgreiche Euro mit Köbi Kuhn spielen. Danach konzentrieren wir uns auf Hitzfeld.
Welche Ziele haben Sie in ihrer Karriere noch? Oder denken Sie an so etwas nicht?
Frei: Doch das tue ich. Die Dinge ändern sich im Fußball aber jeden Tag. Nächstes Jahr möchte ich mich mit Dortmund direkt für den UEFA-Cup qualifizieren. Das wäre ein Schritt vorwärts und in Richtung der Teams die theoretisch in Reichweite sind, wie Hamburg oder Leverkusen. Das ist mein Ziel.
Das Interview führte Hans Finger / Eurosport