Lausanne (dpa) - Drei Wochen vor der Eröffnungsfeier hat Jacques Rogge den Erfolg der Peking-Spiele mit seiner Zukunft als IOC- Präsident verknüpft. Nach der Herausforderung in China will der Belgier bekanntgeben, ob er die Weltregierung des Sports für vier weitere Jahre anführen will.
«Peking ist ein Kriterium, ob ich weitermache oder nicht. Nach den Spielen treffe ich eine Entscheidung», erklärte Rogge in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur dpa in Lausanne und nannte gleich einen potenziellen Nachfolger für das Spitzenamt im Internationalen Olympischen Komitee (IOC): «Thomas Bach hat alle Qualitäten, eines Tages vielleicht IOC- Präsident zu werden.» Es gebe ein paar qualifizierte Kandidaten.
Das olympische Wagnis in der chinesischen Hauptstadt stellt Rogge vor die größte Bewährungsprobe seiner siebenjährigen Amtszeit. Nach überstandener Krise im Frühjahr fühlt er sich «sehr gut und gesund» und freut sich auf die Zeit im Olympischen Dorf, «seiner Oase des Friedens». «Ich will so oft es geht, im Olympischen Dorf schlafen», offenbarte der 66-Jährige in seinem Büro im IOC-Hauptquartier «Chateau de Vidy».
Schlaflos in Peking soll es bei ihm nicht geben. «Sicherheit und Transport bereiten mir im Moment die größten Sorgen, aber ich bin kein ängstlicher Mensch. Das sind meine 18. Spiele. Ich habe jede Menge Erfahrung. Die Vorbereitung der Organisatoren war außerordentlich gut», so Rogge, der hofft, dass der Sicherheitsaspekt von den Chinesen nicht überinterpretiert wird und einer fröhlichen, unbeschwerten Stimmung abträglich ist: «Darüber haben wir mit den Organisatoren gesprochen.» Rogge erwartet «tolle Spiele».
Der «Herr der Ringe» hat seine Hausaufgaben gemacht und die schwierige Partnerschaft mit den teilweise beratungsresistenten Olympia-Gastgebern zumindest zu einer friedlichen Koexistenz geführt. Ein Garant für das Gelingen des «riskanten Spektakels» (New York Times) ist seine «stille Diplomatie» allerdings noch lange nicht. «Ich habe sehr viel über diese Kultur gelernt», sagte Rogge, «die Spiele werden China eine niemals dagewesene Offenheit bringen. Auf jeden Fall wird China mehr über die Welt und die Welt mehr über China erfahren, und das ist positiv.» Die Gesetzgebung für ausländische Journalisten sei verändert worden. 25 000 Journalisten könnten sich in Peking frei bewegen und berichten. «Das ist eine Revolution und wird auch ein bleibendes Vermächtnis dieser Spiele sein», so Rogge.
Der heftige Gegenwind, der dem ehemaligen Olympia-Segler nach den blutigen Unruhen in Tibet, den Boykott-Diskussionen und den gewalttätigen Angriffen auf den Fackellauf monatelang ins Gesicht blies, haben ihn nachdenklich gemacht. Das IOC müsse seine Rolle in der Menschenrechtsfrage und in der Frage der gesellschaftlichen Erwartungen an das IOC in Bezug auf den Umgang mit Regierungen überprüfen. «Die Öffentlichkeit erwartet von uns viele Dinge, die das IOC nicht immer leisten kann», betonte Rogge, «wir können diese Situation nicht ignorieren, aber auch nicht alle Probleme lösen, die selbst Regierungen nicht lösen können.»
Auf dem Glastisch vor seinem Sofa lag ein Problem in Form eines Artikels in einer belgischen Zeitung mit den neuesten Negativ- Schlagzeilen aus dem Radsport. So stolz er auf den intensivierten Anti-Doping-Kampf des IOC und die 4500 Tests in Peking ist, so realistisch sieht er die Dauerverdächtigungen bei herausragenden Leistungen. «Das ist eine unfaire Situation, in die sich die Athleten allerdings selbst gebracht haben. Jede Weltklasse-Leistung wird angezweifelt, und da gibt es kein Entkommen», gab der IOC-Chef zu.
Anders als in den turbulenten Tagen im März und April, als Rogge blass und angeschlagen aussah, wirkt der Ober-Olympier wieder kämpferisch. Ob das olympische Sommerfest, das er von seinem Vorgänger Juan Antonio Samaranch sozusagen geerbt hat, gelingt, hängt nicht zuletzt von Rogges Mut zur Entschlossenheit ab. Bezahlt werden will er für sein Wirken allerdings auch in Zukunft nicht. «Ich werde nicht um ein Gehalt bitten. Ich bin kein reicher Mann, aber meine Frau und ich haben genügend Geld, um auch ohne Salär ordentlich zu leben», bekannte er, «am Ende meiner Amtszeit werde ich der IOC- Exekutive vorschlagen, dass ein Präsident in Zukunft bezahlt werden sollte. Dieses Gehalt würde veröffentlicht werden, und ich denke, meine Kollegen würden zustimmen.»



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