Eurosport - Sa 19.Apr. 00:31:00 2008
Borussia Dortmund und Bayern München gehen mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen in das 65. DFB-Pokal-Finale in Berlin. Während die einen eine - wiederholt - verkorkste Saison mit dem dritten Pokalsieg retten wollen, marschieren die erfolgsverwöhnten Bayern unentwegt Richtung Triple.
Der derzeit scheinbar unbezwingbare Rekordmeister könnte zu seinem 14. Cup-Triumph der Vereinsgeschichte kommen. Vor allem für Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld, der sieben Jahre in Dortmund arbeitete und genauso lange auch in München tätig ist, hat das Endspiel im mit 72.954 Zuschauern ausverkauften Berliner Olympiastadion einen besonderen Stellenwert.
Für den 59-Jährigen schließt sich ein Kreis: "Schwarzgelb ist ein Teil meines Lebens, jetzt ist es der FC Bayern rotweiß. Ein schöneres Finale kann es für mich nicht geben." Ganz nebenbei winkt Hitzfeld bei einem Finalsieg der Rekord als erfolgreichster Bundesliga-Trainer aller Zeiten. Mit dann 16 Titeln würde der künftige Schweizer Nationaltrainer Udo Lattek (15) überholen.
Die vor Selbstvertrauen nur so strotzenden Münchner geben sich trotz der letzten Erfolge - Halbfinal-Einzug im UEFA Cup, 5:0-Kantersieg in der Pokal-Generalprobe gegen den BVB und zuletzt der 3:1-Auswärtserfolg bei der Frankfurter Eintracht - nach außen zurückhaltend: "In einem Pokalfinale ist immer alles offen. Wir wissen, dass es für uns ein schweres Spiel wird", so Hitzfeld.
Kahn auf Rekordjagd
Auch Oliver Kahn kann sich in den Geschichtsbüchern verewigen. Der Torhüter wäre der erste Fußball-Profi, der sechsmal den Pokal in den Händen halten würde. Um dieses Ziel zu erreichen, nahm Kahn in gewohnter Manier sein Team in die Pflicht: "Mir ist es im Training fast zu locker und zu lustig. Das sind für mich Alarmzeichen. Das ist ein Finale. Da spielt alles, was vorher war, keine Rolle - ob wir gegen Dortmund 5:0 gewonnen oder die einen schlechten Lauf haben."
Bayern kann auf Rekordjagd gehen, in Dortmund geht die Angst vor einer weiteren Blamage um. Die schlechteste Abwehr der Liga trifft auf den zweitbesten Sturm, die schwächelnde Viererkette (schon 19 Personalwechsel in dieser Spielzeit) trifft auf den mit Abstand treffsichersten Bundesliga-Stürmer Luca Toni (20 Tore). Bei einem Ausfall von Keeper Marc Ziegler würde außerdem der unerfahrene Schlussmann aus dem Regionalliga-Team, Marcel Höttecke, zwischen den Pfosten stehen.
Hinzu kommt, dass die Schmach in der Allianz Arena und die Heimpleite gegen Hannover 96 für große Verunsicherung gesorgt haben. BVB-Trainer Thomas Doll zeigt sich dennoch trotzig: "Wenn man am Boden liegt, sollte man wieder aufstehen. Bei uns läuft keiner mit gesenktem Kopf durch die Gegend. Wir freuen uns alle auf dieses Finale und sind zurecht hier."
Hoffnung aus der Vergangenheit
Sollte Doll in Berlin als Verlierer vom Platz gehen, dürfte sein Arbeitsplatz beim Revier-Klub mehr denn je in Gefahr sein. Der Coach selbst versucht jedoch, die Spekulationen um seine berufliche Zukunft zu verdrängen: "Ich mache mir keine Gedanken, was morgen oder übermorgen ist." Fakt ist, dass nicht wenige Kritiker Doll von der Trainerbank "pusten" wollen. BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball drohte bereits an: "Nach der Saison machen wir eine große Analyse. Danach sehen wir weiter."
Ein klein wenig Hoffnung, eine Saison mit "vielen Höhen und Tiefen" (O-Ton Doll) versöhnlich zu beenden, besteht aber dennoch. Als Spieler gewann der Fußball-Lehrer zweimal den FDGB-Pokal mit dem BFC Dynamo. Sportdirekor Michael Zorc bemüht zudem einen Blick zurück in die historischen Final-Erfolge der Borussia im Europapokal gegen Liverpool (1966), im DFB-Pokal gegen Werder Bremen (1989) und in der Champions League gegen Juventus Turin (1997). "Der BVB war in fast jedem Endspiel, das er gewonnen hat, nur Außenseiter", erinnert das Dortmunder Ur-Gestein. So ist es auch diesmal. Und bekanntlich hat ja der Pokal seine "eigenen Gesetze".
Maik Eckardt / Eurosport