Eurosport - Mo 18.Feb. 10:15:00 2008
Mit fünfmal Gold war Deutschland die erfolgreichste Nation bei der Biathlon-WM in Östersund. Doch der Gold-Glanz ermattet, sieht man die durchwachsenen Leistungen am Schießstand und besonders die kursierenden Dopingverdächtigungen, die die Erfolge der Athleten teilweise in den Schatten stellten.
Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Skiverbandes, wirkte fast ein wenig trotzig, als er von einer "schönen Fortsetzung einer Erfolgsstory" sprach. Doch hundertprozentig zufrieden war er nicht, denn seiner Meinung nach hätten die Athleten das Medaillenkonto sogar noch aufstocken können, "wären die widrigen psychologischen Rahmenbedingungen mit den idiotischen Vorwürfen nicht gewesen". Gestützt wurde die Behauptung des Präsidenten auch von den Athleten, die wiederholt äußerten, dass das Ganze nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen sei. Der Schuldige war also gefunden, wenngleich es eben diesen (noch) nicht gibt - schließlich handelt es sich um eine anonyme Anzeige, die bei der Wiener Staatsanwaltschaft vergangene Woche eingegangen war.
Dass die Tageszeitung "Österreich" dennoch eine Namensliste mit den Beschuldigten publizierte, die von jedem dahergelaufenen "Piefke"-Verachter stammen könnte, brachte den DSV vollends auf die Palme. "Das ist eine böswillige Rufmordkampagne, die den Deutschen Skiverband und den Biathlonsport in Gänze nachhaltig beeinträchtigt", sagte Hörmann. Doch der DSV weiß, dass Leistungen, wie sie Neuner, Henkel & Co. in der Loipe abrufen, immer Fragen aufwerfen und dass selbst die haltlosesten Vorwürfe in dieser Sportart ein ernstzunehmendes Problem darstellen. Aus diesem Grund startete der DSV nun eine Gegenoffensive, in der alle Biathleten per eidesstattlicher Erklärung bekennen werden, nie gedopt zu haben. Zudem stellte der Verband Anzeige gegen Unbekannt. "Wir werden uns mit allen möglichen Rechtsmitteln gegen diese Form der Verleumdung wehren", kündigte Hörmann an.
Probleme am Schießstand
Warum die "Erfolgsstory" nicht weiter ausgebaut werden konnte, hatte aber auch noch andere Gründe - schließlich tauchte die dubiose Liste erst am Freitagabend in Wien auf. Die Damen beispielsweise patzten dieses Mal ungewohnt häufig am Schießstand. Selbst erfahrene Läuferinnen wie Kati Wilhelm oder Andrea Henkel - die mit zwei Goldmedaillen einen grandiosen Auftakt feierte - ließen erstaunlich viele Scheiben stehen. Die als Weltcupführende angereiste Wilhelm verkorkste die WM von Anfang an. Ihr bestes Einzelresultat war ein achter Platz beim Massenstart.
Dennoch: Aus dem großen Pool an Weltklasseläuferinnen fand sich immer eine, die in die Bresche sprang. Die Schützlinge von Bundestrainer Uwe Müssiggang trugen mit vier Goldmedaillen entscheidend zum Erfolg des deutschen Teams bei.
Die Meßlatte liegt hoch
Anders dagegen liegt der Fall bei den Herren. Sicherlich, es war schon großes Pech, dass mit Michael Greis der Beste zu Beginn kränkelte und erst einmal pausieren musste. Alexander Wolf deutete mit seinem dritten Platz beim Verfolgungsrennen sein Potenzial an - allerdings war dies die einzige Medaille für die Mannschaft von Bundestrainer Frank Ullrich bei einem Einzelrennen. Der Umbruch im deutschen Team scheint noch nicht gelungen. Weltklasseathleten wie Ricco Groß, Sven Fischer oder Frank Luck setzten in den vergangenen Jahrzehnten die Messlatte verdammt hoch; aktuell befindet sich mit Greis nur einer mit solchem Format im deutschen Team - darüber kann auch der dritte Platz in der Staffel nicht hinwegtäuschen.
Was also bleibt hängen von dieser WM in Östersund? Hoffentlich nur kurzfristig der vermeintliche Dopingskandal; langfristig vielleicht ja dann wieder der Blick auf den Medaillenspiegel - und da steht das DSV-Team ganz oben.
Martin Einsiedler / Eurosport