Eurosport - Mo 18.Feb. 19:58:00 2008
Es geht auch ohne van der Vaart: Neue Schaltzentrale im Spiel des HSV war Piotr Trochowski. Dazu traf ein oft unterschätzter "Wasserträger" gleich doppelt.
Während eines Spiels seiner Elf ist der Trainer des Hamburger SV, Huub Stevens, meistens ein konzentrierter Beobachter mit eher angespannter Mimik. Doch in der 72. Minute der Partie gegen den VfL Bochum löste sich all die Ernsthaftigkeit des kauzigen Niederländers, und das sonst oft mürrische Gesicht erstrahlte hell. Da hatte David Jarolim sein zweites Tor des Abends erzielt. Jener eifrige Jarolim, der rennt und wetzt und Bälle trägt, aber eines mit Sicherheit nie war: ein Vollstrecker mit Abschlussqualitäten. Doch seinen Coach freuten an diesem Sonntag auch noch andere Sachen.
Denn es sollte die gelungene Bewährungsprobe werden für eine Mannschaft ohne ihren Star. Nachdem sich Rafael van der Vaart in der Vorwoche im UEFA-Cup-Spiel beim FC Zürich einen Bänderanriss am Knöchel zugezogen hatte, musste der HSV nun ohne ihren Leader auskommen. Mission geglückt, die Hanseaten schlugen die Gäste aus dem Ruhrpott mit 3:0 (1:0).
Umtriebiges Offensivdreieck
Bochum war der erwartet hartnäckige Gegner. Zwar hatten die Gastgeber deutliche Feldhoheit, doch blieben die echten Torchancen bis kurz vor dem Pausenpfiff aus. Dann wirbelte das umtriebige Offensivdreieck des HSV Guerrero/Trochowski/Olic derart konsequent in den Bochumer Strafraum, dass der Kroate die verdiente Führung erzielte (40.), es war bereits sein neunter Saisontreffer.
"Wir haben in der ersten Halbzeit geduldig gespielt. Unsere Marschroute war, nicht die Nerven zu verlieren und in Konter zu laufen", verriet ein zufriedener HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer nach dem Spiel. In der Tat stellte der VfL im ersten Durchgang zwar weitgehend geschickt die Räume zu, eigenen Druck auszuüben vergaßen die Gäste hierbei. "Wir haben ohne Mut und Überzeugung gespielt", gab ein enttäuschter Marcel Maltritz zu.
Trochowski ernsthafte Van-der-Vaart-Alternative
Bei den "Rothosen" stand vor allem der Van-der-Vaart-Ersatz in der Offensivzentrale, Piotr Trochowski, im Visier der Beobachter. Der 23-jährige Nationalspieler löste die Aufgabe mit Bravour. "Die Mannschaft hat es gut gemacht, auch wenn Piotr die Position ein wenig anders interpretiert", spielte Beiersdorfer vor allem auf die immense Torgefahr des verletzten Niederländers an.
Trochowski, der in dieser Saison häufig neben van der Vaart auflief, traf in der Liga bisher noch nicht. Belohnt worden war sein Arbeitseinsatz aber mit einem Tor im Zürich-Spiel, wo er nach van der Vaarts verletzungsbedingter Auswechslung ebenfalls in die Zentrale gerückt war und aufblitzen ließ, dass er eine ernsthafte Alternative als Regisseur für den wechselwilligen HSV-Kapitän ist.
Motivation statt Strafe
Gegen Zürich hatte auch Jarolim überraschenderweise schon getroffen. Ironie der Geschichte, dass Stevens Jarolim im letzten Ligaspiel in Leverkusen noch auf der Bank hatte schmoren lassen. Der Tscheche, in der Hinserie noch unantastbar, nahm es still und professionell hin, auch ein Fingerzeig auf das intakte Hamburger Teamgefüge. Stevens' Maßnahmen werden als Motivation verstanden, nicht als Strafe.
So bereitet man sich an der Elbe also schon auf die Zeit nach van der Vaart vor, der wohl zwei Wochen fehlen wird. Wie mutig Stevens & Co. in die Zukunft blicken, stach auch durch die Einwechslung der beiden Youngster Anton Putsilo (20 Jahre) und Vadis Odjidja-Ofoe (18) ins Auge, die zu ihrem Bundesliga-Debüt kamen und somit an der Freude des Trainers teilhaben durften.
Warum er denn so breit gelacht habe, wurde der Trainer noch gefragt, er antwortete: "Ich war nicht der Einzige." Stimmt, auch David Jarolim grinste über beide Ohren. Vielleicht freuen sich die Hamburger Protagonisten, die den dritten Tabellenplatz zurückeroberten, auch schon auf das Spitzenspiel beim Tabellenführer Bayern München am kommenden Sonntag. Sie sind wieder auf Tuchfühlung.
Aus Hamburg berichtet Martin Sonnleitner / Eurosport