Tour: Sauber wie selten?

Eurosport - Mi 17.Jun. 22:59:00 2009

Wie sauber war die Tour 2007 wirklich? Während bislang nur spekuliert wurde, legen Schweizer Wissenschaftler jetzt überraschende Erkenntnisse vor: Laut ihren Untersuchungen dürften weniger als 25% der Fahrer in Frankreich mit EPO oder Bluttransfusionen gedopt haben.

CYCLING 2007 Tour de France Peloton Feature - 0

Gegenüber der "NZZ" erklärte Pierre-Edouard Sottas vom Lausanner Antidoping-Labor allerdings, dass "unter den Top 30 des Gesamtklassements" ein größerer Anteil von Dopern zu finden sei "als in den hinteren Rängen". Außerdem gebe es im Unterschied zu früheren Jahren keine Teams mehr, in denen systematisch Blutdoping betrieben werde.

Damit habe sich die Lage im Radsport grundlegend verändert, so Laborchef Martial Saugy. Denn zu Beginn der Untersuchungen von Blutproben in Lausanne anlässlich der Tour de Suisse 1996 waren seinerzeit "über 80 Prozent der Fahrer gedopt". Dies sei ihnen aber damals nicht nachzuweisen gewesen - doch mit einem neuartigen Verfahren (s.u.) glauben die Schweizer Forscher, mittlerweile klare Aussagen über die Entwicklung des Dopings im Radsport während der vergangenen Jahre treffen zu können.

Von "sauber" bis "flächendeckend"

Dabei habe man festgestellt, dass die Fahrer ihre Betrügereien abhängig von den jeweils vorhandenen Testverfahren anpassten: "Vor der Tour de France 2001 war das Peloton praktisch sauber", so Sottas - der zuvor neu eingeführte EPO-Test schreckte die Profis ab. Doch es dauerte nicht lange, bis erneut eifrig auf verbotenem Wege nachgeholfen wurde: Im Jahr 2003 könne man bei der Spanien-Rundfahrt schon wieder von "flächendeckendem Doping" sprechen, Mikrodosen von EPO und Fremdblut-Transfusionen waren die Mittel der Wahl.

Nach der Entwicklung eines Nachweisverfahrens kommt Fremdblut 2004 aus der Mode, Eigenblut-Doping ist der letzte Schrei. Die Quote der Blutdoper soll dennoch auf rund 50% der Profis sinken, allerdings habe die Betrugsquote bei der Vuelta erneut höher als bei anderen Wettbewerben gelegen. Auffällig zudem: Im Kreise der Topfahrer wird mehr gedopt als im Rest des Feldes.

Affäre Fuentes hat Folgen

Mit Blick auf die Saison 2007 brachte die oft geschmähte "Operacio Puerto" trotz ihrer in vielerlei Hinsicht unbefriedigenden Ergebnisse aus Sicht der Lausanner Experten zumindest einen erfolgreichen Abschreckungseffekt: Das Feld sei inzwischen nach der Aufdeckung dieses Netzwerks so sauber wie seit 2001 nicht mehr.

Ihre Rückschlüsse auf den Dopinggebrauch im Profi-Peloton beschränken Saugy, Sottas und Co. nicht allein auf das Blutdoping, sondern auch auf weitere verbotene Leistungsförderer: Den Missbrauch von Testosteron etwa halten sie für ähnlich verbreitet - und aus ihrer Sicht seien es sehr oft die gleichen Fahrer, die zusätzlich zu dem Sexualhormon greifen. Die Gesamtzahl der Doper hingegen erhöhe sich dadurch kaum.

Hintergrund: "Wunderwaffe" ABPS?

Seit über zehn Jahren werden im Antidoping-Labor von Lausanne Proben der Radprofis untersucht - und die dortigen Experten haben eine neue Nachweismethode für Blutdoping entwickelt. In Zusammenarbeit mit Kollegen der Rechtsmedizin sowie der Schule für Kriminalwissenschaften der örtlichen Universität wollen sie Betrügern auf indirektem Weg auf die Schliche kommen.

Anstelle die Dopingsubstanz wie EPO bzw. das Fremd- oder Eigenblut zu suchen, richtet sich der Blick dabei auf die durch den Einsatz dieser Mittel oder Methoden veränderten so genannten Biomarker im Blutbild der Sportler. Wenn alle der diversen Blutparameter über dem Grenzwert liegen, soll die Wahrscheinlichkeit einer Manipulation über 99% betragen.

Da dem Labor zur Entwicklung und Kontrolle der neuen Methode Blutproben sowohl von "auf klassischen Wege" positiv getesteten Athleten als auch von "Saubermännern" zur Verfügung standen, konnte mit Unterstützung dieser Daten der ABPS (Abnormal Blood Profile Score) entwickelt werden. Über 600 Blutprofile liegen in der Datenbasis von Lausanne inzwischen vor.

Vor der Tour de France 2007 wurden Bestrebungen der Kontrollorgane auf internationaler Ebene bekannt, in Zukunft verstärkt auf solche kriminologischen Vorgehensweisen zur Enttarnung von Dopingsündern zu setzen. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, könnte sich die Zahl der Doper vielleicht wirklich bei der nächsten Tour de France auf die früher oft zur Verniedlichung der wahren Ausmaße des Problems beschworenen "Einzelfälle" beschränken.

Andreas Schulz / Eurosport

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