WM - Vuvuzelas, Brai & viel "Waka Waka"
Die WM 2010 war die Nagelprobe: Kann ein afrikanisches Land das größte Fußball-Turnier der Welt austragen. Es kann, und was noch wichtiger ist: Es kann es richtig gut. Eurosport-Reporter Stefan Zürn war bei der WM in Südafrika vor Ort und erinnert sich im Adventskalender an das Turnier.
Es kommt nicht oft vor, dass man beim Zücken seines Geldbeutels auf offener Straße von seinem Begleiter erst verbal angefahren, dann ruppig angepackt und schließlich mit gehörig Wut im Bauch zur Seite gezerrt wird und sich eine mehrminütige Standpauke anhören muss.
Wie gesagt: Kommt nicht allzu häufig vor. In Südafrika ist es aber passiert. Der entrüstete "Begleiter" war mein Fahrer, Andrew, das "Opfer" ich. Wobei die Beschreibung "Opfer" in dieser Situation schon sehr süffisant anmutet im Verhältnis zu dem, was mir mit etwas Pech tatsächlich hätte blühen können. Denn auf den Straßen von Johannesburg gibt es einfach Dinge, die man nicht tut. Das fröhliche Geldbeutel-Zücken vor aller Augen, nur um zu überprüfen, wie viel Bargeld man noch bei sich hat, steht dabei ganz oben auf der Liste.
Südafrika 2010 - es war tatsächlich die von allen erwartete "andere" WM. Und das lag nicht nur daran, dass jenseits des Äquators der Herbst mit aller Macht anrückte - statt Grillparties, T-Shirt und Sonnenbrille benötigte man in den Stadien der "Rainbow Nation" dicke Jacken, manchmal sogar Handschuhe und ein dickes Fell für die Nacht: Denn die Leistungsfähigkeit der Heizungen im südlichsten Land des "Schwarzen Kontinents" ist am besten mit der der französischen Nationalmannschaft beim Weltturnier zu vergleichen - ein hoher Verbrauch, viel Lärm - aber wenig Power.
"Dazu braucht man schon ein Auto"
Südafrika bedeutete in vielerlei Hinsicht, sich in seinen Gewohnheiten umstellen. Dabei fiel das mir und meinen Journalisten-Kollegen recht leicht; weil es uns auch leicht gemacht wurde. Von der Dauerbeschallung durch Vuvuzelas und Shakiras "Waka Waka" mal abgesehen.
Mein "Basis Camp" war das Guesthouse "Catwalk" in Pretoria, knapp 60 Kilometer von Johannesburg entfernt. Malerisch gelegen auf einem Berg nördlich der Hauptstadt, umgeben von durchschnittlich bis unfassbar luxuriösen Villen, in einem Nobel-Vorort, inklusive Supermarkt und diverse Restaurants um die Ecke - da war die Welt noch in Ordnung. Selbst nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße zu gehen war erlaubt - weil es kein potenziell gefährlicher Zeitgenosse bis "Erasmusrand", so der Name des Stadtteils, schafft, wie Richard, einer der Mitbetreiber des Guesthouses, versicherte. "So seltsam das klingt, aber: Um hierher zu kommen, braucht man schon ein Auto. Und das muss man sich erst einmal besorgen..."
Den Medienvertretern, Fans, Spielern und sonstige Gästen hingegen machte es Südafrika leicht, das Land zu bereisen. Insgesamt knapp 10.000 Kilometer habe ich während meines WM-Trips für Eurosport in Südafrika abgerissen, zu Lande wie auch in der Luft: Noch nirgendwo anders bin ich pünktlicher geboardet oder losgefahren! Was mussten wir uns nicht für Schauergeschichten vor der Weltmeisterschaft anhören, wie rückständig und unorganisiert Südafrika sei, trotz aller Ambitionen, aus der "Dritte-Welt-Ecke" herauszukommen. Auch diese Vorurteile kamen wohl von Menschen, die sicherlich schon an ganz vielen Plätzen auf der Erde waren - aber mit Sicherheit noch nicht Südafrika.
Auf die Straße, fertig, tot - ein Ammenmärchen
Keine Frage: Die Kriminalität ist ein großes Problem. Morde und Schießereien sind an der Tagesordnung, es vergeht kein Tag, an dem man eine der großen Tageszeitungen des Landes aufschlägt und nicht von mindestens einem Todesopfer durch Gewalt liest. Aber: Sein Todesurteil schon mit dem ersten Schritt auf die Straße unterschrieben zu haben, ist ein Ammenmärchen.
Nicht so die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen dieses Landes, für die die erste WM auf afrikanischem Boden ein Geschenk war. Der Welt zu zeigen, dass Südafrika nicht nur infrastrukturell, sondern auch emotional in der Lage ist, das wichtigste Turnier der Fußball-Welt auszurichten - Südafrika ist es gelungen.
Der alltägliche Rassismus
Nicht verschwiegen werden darf allerdings, dass nach wie vor ein gut sichtbarer Graben das Land durchzieht, WM-Euphorie hin oder her. Das offizielle "Begräbnis" des menschenverachtenden Apartheids-Regimes im April 1994 (durch die erste, für alle Südafrikaner freie Wahl) ist noch zu kurz her, als dass weiß und schwarz völlig gleichberechtigt Seite an Seite leben könnten. Der alltägliche Rassismus - er ist in Südafrika an jeder Ecke zu sehen; nicht nur im Café nebenan, wo ausschließlich hellhäutige Menschen an den Tischen sitzen - und ausschließlich Dunkelhäutige bedienen.
Doch das Bewusstsein dafür ist mindestens ebenso allgegenwärtig. Ich kann mich bestens an ein interessantes Gespräch mit Richard erinnern, abends auf der Terrasse seines beeindruckenden Anwesens ("So viel Miete zahlst du pro Monat in München? Für dieses Geld überlasse ich dir mein Haus - inklusive Garten, Swimmingpool und zwei Garagen!"). Er fragte mich, ob ich ein Problem damit hätte, wenn mein Sohn oder meine Tochter irgendwann einen dunkelhäutigen Freund bzw. Freundin "anschleppen" würde. Als ich verneinte, blickte er ein wenig schuldig in die Ferne. Schließlich meinte er: "Siehst du, und daran arbeite ich jeden Tag. Ich hoffe, in ein paar Jahren bin ich so weit." Seine Tochter ist zehn.




Kommentare 1 - 8 of 8
Auf die Straße fertig tot ;)
Bitte nie wieder Vuvuzela!! Aber die WM war trotzdem Klasse
Egal ob Mercedes-Fahrer oder Kamellen-Reiter..
Fußball gehöhrt alle Menschen nicht nur BRD, USA , DDR, UDSSR ...usw
Artikel gefällt mir sehr gut.Was wird mit der WM 2018 u. 2022 ????
ja, erinnerungen werden wach! wm war super, unvergesslicher trip!!
Sehr schöner Artikel..
"Was mussten wir uns nicht für Schauergeschichten vor der Weltmeisterschaft anhören, wie rückständig und unorganisiert Südafrika sei..."
Das liegt wohl an den deutschen.Wir müssen erst mal halt immer alles vorher schlecht reden.
Selbst vor unserer Wm musste der Tüv ja noch feststellen das die Stadien ein Sicherheitsrisiko währen:-))
Die Vuvuzelas haben mich persöhnlich aber auch sehr gestört.Richtig Stimmung ist dabei nicht aufgekommen.
Da kann man sich schon mal an 2022 gewöhnen.Statt Riesenkrach wird dor Grabesstimmung herschen.
Einfach nur ein Klasse-Artikel!
Vuvuzelas und waka waka waren am Anfang ganz witzig. Aber nach kurzer Zeit hat es nur noch genervt. Bitte nicht nochmal. Das ganze Drama hat mit der Vergabe der WM 1994 nach USA begonnen. Europa und Lateinamerika hätten die WM nie aus der Hand geben dürfen. Der negative Höhepunkt ist die Vergabe in die Wüste 2022, wo man die Verantwortlichen endlich hinschicken sollte.
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