Die Achterbahnfahrt eines Jahres
Die Adventszeit ist ja immer auch eine Zeit, um Bilanz zu ziehen. Da lag es nahe, dass mich die Redaktion gebeten hat, meine Bilanz für 2010 sozusagen als "Snooker-Türchen" für den Eurosport-Adventskalender beizusteuern. Bei der Vielfalt an Gesehenem und Erlebtem fällt da eine Auswahl schwer.
Das Jahr 2010 fing ja schon toll an: Das Masters-Finale zwischen Mark Selby und Ronnie O’Sullivan werden sicher noch viele in Erinnerung haben. Zu aufsehenerregend war, wie Mark Selby nach einem 6:9-Rückstand das Match noch gedreht hat und sich den Titel zurückholte (interessant auch, dass das letzte Finale des Jahres eine ähnliche Geschichte bot).
Ein weiterer Höhepunkt war natürlich der Gewinn des WM-Titels durch Neil Robertson. Wie der Australier es nur durch seine pure Willenskraft über die Ziellinie schaffte, beobachtet von seiner Mutter, die spontan nach England geflogen war und nun zum ersten Mal ihren Sohn als Profi spielen sah - diese Bilder sind bei mir noch immer sehr präsent. Das waren Emotionen pur, Gänsehaut garantiert inklusive.
Aber beim weiteren Kramen im Gedächtnis ist mir aufgefallen, dass viele der in jederlei Hinsicht (leider) besonderen Punkte dieser Saison mit John Higgins zu tun haben - zumindest mehr oder minder. Das ging los mit seiner atemberaubenden Leistung im Finale der Welsh Open, als er das 9:4 über Ali Carter zu einer echten Snooker-Demonstration werden ließ. Auch beim (für mich) nächsten Höhepunkt war John Higgins beteiligt: Das war für mich Steve Davis, der durch seinen Sieg über Titelverteidiger Higgins das Viertelfinale der WM erreichte. Noch nie habe ich Steve so bewegt und emotional erlebt. Es war, als hätte er das Rad der Geschichte zurückgedreht, und es war vor allem wieder einmal ein Moment großer Emotionen.
"Affäre Higgins": Absoluter Tiefpunkt
Was dann folgte war allerdings ein absoluter Tiefpunkt - nicht nur für das Jahr 2010: die Affäre John Higgins, die nicht nur das Ende der WM überschattete. Ich war gerade auf Sendung (wir übertrugen die entscheidende Session des Halbfinales zwischen Graeme Dott und Mark Selby), als erste Informationen durchsickerten und plötzlich massenweise Mails durch den virtuellen Raum flogen. Ich war entsetzt, schockiert und absolut niedergeschlagen. Das war für mich das Schlimmste, was denkbar war. Andere haben mir berichtet, ich habe nach der Sendung kreidebleich da gesessen und ausgesehen, als würde ich jeden Moment aus den Latschen kippen.
Auch wenn John Higgins später eindeutig vom Vorwurf des Betruges oder des versuchten Betruges freigesprochen wurde: Er hat sich falsch verhalten und Schuld auf sich geladen - Schuld auch an einer Vertrauenskrise, mit der der Snooker noch lange zu kämpfen haben wird. Selbst wenn man zu seinen Gunsten akzeptiert, dass er in Kiew Angst hatte: Spätestens unmittelbar nach seiner Rückkehr hätte er sich anders verhalten müssen. Für mich waren das die schwärzesten Momente meiner Arbeit als Snooker-Journalist und ein Schlag ins Gesicht für alle, die diesen herrlichen Sport lieben (dazu zähle ich mich bekanntermaßen ja auch selber).
Higgins' Achterbahnfahrt: Eigentlich typisch Hollywood
Zur Geschichte des Jahres gehört aber auch die Achterbahnfahrt des John Higgins, seine Rückkehr auf die Tour. Schon sein Auftritt in Hamm - sehr nervös zunächst, doch dann immer besser werdend - war eine besondere Geschichte. Getoppt hat er das aber natürlich noch mit seiner besonderen Leistung bei der UK Championship, insbesondere im Finale. Die ist uns allen ja noch bestens in Erinnerung. Hätte jemand so etwas als Filmstory vorgeschlagen wäre meine Reaktion gewesen: unglaubwürdig, typisch Hollywood. Aber er hat diese Achterbahnfahrt ja absolviert (oder absolvieren müssen). Merke: Das Leben schreibt immer noch die spannendsten Geschichten.
Aber alles in allem: Die Tiefpunkte dieser Achterbahnfahrt hätte er sich selbst ersparen können und müssen, und alle Snooker-Fans hätten darauf liebend gerne verzichtet. Also bitte ein neues Jahr 2011, in dem nur der Sport die Schlagzeilen bestimmt.
Herzliche Grüße,
Ihr/Euer Rolf Kalb




Kommentare 20 - 39 of 39
ich kann auch Golf spielen.
Auch im Neuen Jahr beglückt uns ein User mit seinen hochintellektuellen und äußerst kompetenten Kommentaren.
Jansenpeter und toniklein ich bewundere dich für so viel Fachwissen.
John Higgins hat den Schiedsricher bestochen - aha- das würde ich doch schnell einer Kommission melden.
Ich glaube aber eher, dass er die Snookerkugeln manipuliert hat. Hast du nicht die kleinen Bohrlöcher an der Schwarzen gesehen?
Deine Kommentare sind wie immer - äußerst sportlich fair und sehr kompenent. :-))))))))
Als John im Finale zurücklag hat er den Schiedsrichter bestochen. So gewann
er auch sehr, sehr, sehr unverdient.
Falls Higgins die WM gewinnt, dann wird Snooker entgültig verfallen.
Jaja nur Kommis entfernen. Das wird nicht im geringsten ändern. Er ist un bleibt
ein schlechter Verlierer der John.
Das Finale musste John Higgins ja gewinnen. Damit die Fans ihn wieder lieben. Nee, nee, ne daraus wird nix. Die Engländer und die Waliser werden ihn nicht verzeihen.
Vielleicht nur die Schotten?
Snooker wird bald von einem Diktator regiert werden. So viel steht fest.
Jaja, immer nur die Hochstapler loben.
Das einzig schöne auf dem Foto ist die Trophäe. John Piggins gehört eher hinter schwedischen Gardinen.
@Torsten: Hä?
higgins hin oder her,schuld oder nicht,ronnie grandios oder grotte,robertson erster oder zweiter,das jahr ist vorbei,snooker wird immer mehr von tennis vertrieben und wahrscheinlich können wir bald nur noch etwas vom snooker mitbekommen wenn wir dafür bezahlen und uns dafür 1000000 andere sportarten anschauen
müssen die uns nicht interessieren, aber wir streiten uns darüber was es mit higgins auf sich hat. ich hoffe
auf ein snookerreicheres jahr durch deutsche städte aber auch spieler(münstermann usw,) und vielleicht kann ich nächstes jahr das erste mal ein paar spiele life erleben. guten rutsch und machen sie so weiter rolf kalb.
Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und Schuld.
Doch wandelt über allem der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte hält Euch kein Dunkel mehr
Von Gottes Angesichte kam Euch die Rettung her..
(Jochen Klepper, EG 16,4)
Frohe Weihnachten allen Snookerfans
Ja Herr Kalb, die Affaire Higgins war ein absoluter Tiefpunkt und ich muss Ihnen leider Recht geben - nicht nur für 2010. Viele Fans von Higgins (es ist natürlich relativ leicht Higgins zu mögen, so symphatisch, wie er rüber kommt, mich hat er immer an die Figur Bert aus der Sesamstrasse erinnert, leider aber sehe ich heute auch eine gewisse Schlitzohrigkeit dieser Figur bei John Higgins unfreiwillig bestätigt) - viele Fans von ihm würden gerne zur Tagesordnung übergehen - Strafe verhängt und abgebüßt, fertig. Aber so einfach wird es nicht gehen, der Snookersport hat an Ansehen verloren, hat bisher treue Zuschauer (zu denen ich mich zähle, oder zählte?) verschreckt und wie kontrovers das Thema ein halbes Jahr später noch immer diskutiert wird, kann man an den hitzigen, teils erschreckenden Kommentaren leider allzu deutlich nachlesen. Die Snookergemeinde ist tief gespalten und nichts deutet darauf hin, dass sich das so bald ändern wird. Die Affäire Higgins ist und wird in den Annalen des Snookersports leider das bestimmende Thema 2010 bleiben und ob uns das passt oder nicht, es ist der Mensch und Sportler John Higgins, der diesen immmensen Schaden angerichtet hat. In dieser Deutlichkeit hätte ich mir klare Worte - Sie sind nun mal hierzulande eine Instanz in Sachen Snooker - bei aller gebotenen Neutralität des Journalisten, auch von Ihnen gewünscht.
Die Affäre war nicht gut für den Snookersport. Der Schatten bleibt. Natürlich war Higgins' Affäre im Osten der negative Höhepunkt. Mit gutem Sport ist so was nicht wieder gut zu machen. Bei der Abstimmung hier im Forum fand die Hälfte der vielen Teilnehmer die Strafe für Hginns zu niedrig. Wer natürlich viel Geld bezahlt um einen Higgins zu sehen, der wird eher applaudieren als pfeifen.
Das war einfach nicht gut, der Higgins nicht und die Behandlung des Falles auch nicht.
"Natürlich mögen andere auch andere besondere Momente haben bzw. gehabt haben, die sie hier in den Kommentaren ja auch gerne schildern können."
Dieser Aufforderung versuche ich jetzt einfach mal nachzukommen: Für mich gab es in diesem Snookerjahr 2010 einige tolle Momente. Angefangen beim "Ronnie and Friends"-Spektakel im Februar in HH, was nicht nur durch Livesnooker, sondern bei mir auch durch ein besonders schönes Wochenede im Gedächtnis geblieben ist.
Weiter geht es bei meinen Highlights mit der WM: Zuerst die tolle Leistung von Steve, der die Zeit zurückgedreht hat, dann das ur-komische Re-Match zwischen Steve und Dennis, bei dem ich mich halbtot gelacht habe und dann natürlich der Sieg von Neil, meinem persönlichen Lieblingsspieler!
Weitere Highlights durfte ich leider nur am Ticker verfolgen - mehrere 147-Breaks bei diversen (E)PTC-Turnieren sprechen für diese Serie, wie auch die Tatsache, dass es bei 10 Turnieren 10 Sieger gab.
Das Highlight, was mir natürlich am frischesten in Erinnerung ist, ist das UK Championship-Finale: Das war einfach superspannend mit einem schönen Allround-Snooker - es wurde einfach alles geboten in diesem Spiel, dass keinen Verlierer verdient hat!
Natürlich gibt es immer auch Dinge, die nicht so toll sind, aber die möchte ich jetzt nicht weiter kommentieren. Ich erinnere mich immer lieber an die schönen Dinge, an die weniger schönen wird man ohnehin immer wieder erinnert.
Sicher ist die Higgins-Story mit ihren Höhen und Tiefen in diesem Jahr ein sehr prägendes Element. Allerdings gab es auch abseits davon noch erwähnenswerte Höhepunkte. Für uns Fans hier in Deutschland war doch der Beschluss Barry Hearns Ranglistenturniere auch nach Deutschland zu bringen eine wunderbare Botschaft. Den Profis bei der Punktejagd in Fürth zusehen zu können war mein persönliches Highlight des Jahres und auch wenn das German Masters erst 2011 stattfindet, der Grundstein dafür wurde bereits in diesem Jahr gelegt.
Im großen und Ganzen stimme ich mir R.Kalb überein in seinem Blog. Higginslastigkeit ist ab und an zu erkennen. Was Higgins da in den letzten Wochen gezeigt hat macht mich schon sehr nachdenklich. Cool und völlig fokussiert, so ist er auferstanden.So als ob nichts gewesen wäre spielt und gewinnt er ständig, macht mich sehr nachdenklich.
Da ich der Meinung bin, nach wie vor, die Strafe war viel zu kurz, werde ich mir, wenn möglich kein Higgins-Spiel mehr anschauen. Ein kleiner Protest muss sein.
Fürs neue Jahr hoffe ich für meinen Lieblingsspieler Ronnie, dass er mal über eine längere Zeit versucht Snooker zu spielen und nicht Harakiri. Das ist gegenüber seinen Gegnern und besonders seinen Fans respektlos und nervt.
Ansonsten würde ich mir wünschen, dass auch mal die Premier-League erwähnt würde.
Higgins ist einer der besten Snookerspieler der Welt unabhängig davon was er neben dem Tisch so treibt
er hat seine gerechte strafe bekommen im snooker ist er ein absoluter einzelfall und es ist nicht wie im Radsport wo gedopte fahrer wie Contador oder Armstrong ungestraft davonkommen
@ Rolf Kalb. Ach so. Dieser Blog kommt halt so rüber als wenn er eben kein ausschliesslich persönliches Bild von Ihnen wiederspiegelt mit emotionellen Momenten die Sie besonders getroffen haben. Es fehlt der hinweis dazu.
An sonsten ok gut das hier aufklären.
Machen Sie weiter so.
mfg Michelle
Vielen Dank an Rolf Kalb für die klaren Worte, auch für und gegen John Higgins. Neben JH gab es 2010 aber auch andere Dinge, die im Artikel erwähnt wurden. Nur, bei der ganzen "Affäre" kommen die anderen Snookerspieler ein wenig zu kurz. Für viele andere war es ja auch eine Achterbahn...
ROS: Bei der Weltmeisterschaft gut gespielt, und gegen einen noch besseren verloren. 147 gemacht, aber wie... Power Snooker dominiert wie kein zweiter, dann dieser erbärmliche Auftritt bei den UK Ch.
Williams: Spielt wunderbares allround-snooker. Dumm für ihn, dass er irgendwie immer noch einen anderen allrounder vor sich hatte...
Shaun Murphy + Mark Allen: Spieler, die ich immer gerne sehe. Auch weil sie eben spezielle Stärken im Snooker haben (und natürlich auch Schwächen). Schade, dass sie trotz gutem Spiels am Ende an den allroundern schweitern mussten.
Steve Davis: Der beste von allen. Schade, dass er an anderer Stelle sooft in der Quali scheiterte, oder gar nicht antrat. Wenn er richtig dabei war, hat man gesehen, dass echtes Snooker zeitlos ist. Das match gegen JH hat er ja nicht nur gewonnen, weil JH ein paar Fehler machte, sondern Steve war stark. Sein Double im letzten frame ist für mich der Ball des Jahres.
Und das Match des Jahres?
Auf Platz 3: Finale UK - spannender gehts nicht mehr
Auf Platz 2: John Higgins - Steve Davis, WCh
Auf Platz 1: Das "Re-Match Dennis Taylor - Steve Davis". Selten so viel Spaß gehabt beim Snooker gucken. Zwei absolut sympathische Spieler, die 25 Jahre nach dem Finale genau die Bälle reinmachten, die sie damals verschossen haben. Einfach nur genial.
Bitte melden Sie sich an.
Kein Yahoo!-Nutzer? Kostenlos Registrieren.