Bundesliga - Scheibenschießen auf den Vizemeister

So 16.Okt. 11:00:00 2011

Rudi Völler wusste nach dem Leverkusener Ach-und-Krach-2:2 in Mönchengladbach genau, wen er zu knuddeln hatte. Also schnappte sich Bayers Sportdirektor den flockig durch den Spielertunnel spazierenden André Schürrle und drückte den 20-Jährigen an sich.

Football 2010/11 Bundesliga Mönchengladbach - Leverkusen Reus Schürrle - 0

Aus M'gladbach berichtet Andreas Morbach

Ein von Erleichterung getriebenes Dankeschön an den Sommer-Einkauf aus Mainz, der dem Vizemeister mit einem Prachttor drei Minuten vor Schluss einen unverdienten Punkt gesichert hatte – und dem Völler schon nach dem jüngsten Länderspiel gegen Belgien auf die Pelle gerückt war.

"Ich habe ihn ein bisschen am Ohrläppchen gezogen und ihm gesagt, dass er nicht nur beim DFB, sondern ruhig auch mal bei uns treffen darf", berichtete Deutschlands Ex-Teamchef - wohlgemerkt: vor dem Spiel. Schürrle nahm sich die sanfte körperliche Züchtigung zu Herzen, ließ seinen bereits fünf Toren im Nationaldress (in zehn Spielen) nun endlich seinen ersten Liga-Treffer für die Werkself folgen - und gestand danach: "Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen." Denn: So dauerhaft torlos im Klub, "da macht man sich schon Druck und versucht es zu erzwingen".

Fleischwunde am Knie

Seines persönlichen Dilemmas hat sich Schürrle nun entledigt, das Problem der verdrehten Fußball-Welt im Rheinland schleppen er und seine Kollegen allerdings weiter mit sich herum. Und sie tragen daran schwerer denn je: Die drei Punkte jedenfalls, die Gladbach, der Beinahe-Absteiger vom Mai, nach einem Viertel der Saison vor Champions-League-Teilnehmer Leverkusen steht, haben ihre volle Berechtigung. Und während Borussen-Coach Lucien Favre in erster Linie darüber grübelt, wie er die notorische Abschlussschwäche seines Teams in den Griff bekommt, muss man sich bei Bayer grundsätzlichere Gedanken machen.

Fast schon im Stakkato-Rhythmus liefen ab der 30. Minute die Konter der exzellent und schnell kombinierenden Gladbacher auf das Tor des nicht nur wegen seiner diversen Verletzungen bemitleidenswerten Bernd Leno zu. Den kleinen Finger der linken Hand hatte sich Bayers Leihkeeper aus Stuttgart bereits unter der Woche im Training ausgekugelt. Zur Partie bei den Niederrheinischen bekam Leno nun einen Spezialhandschuh, eine Finger-Schiene und eine schmerzstillende Spritze verpasst.

Doch damit nicht genug: Gleich zu Beginn der Partie zog sich der 19-Jährige in einem Zweikampf mit Marco Reus eine Fleischwunde am rechten Knie zu. "Das hat ganz schön geblutet", erzählte Leno, als Reus den Kreis geschlossen und ihm in der letzten Szene des Spiels aus acht Metern Entfernung einen Ball mitten ins Gesicht gedroschen hatte. "Ich war kurz weg und hab’ irgendwann nur noch auf die Videowand geschaut, wie wir überhaupt gespielt haben", berichtete der vorübergehend bewusstlose, prinzipiell aber sehr aufgeweckte Ballfänger, der bis zum 31. Dezember beim VfB entliehen ist, aber gerne in Leverkusen bleiben möchte.

Bayer-Kapitän schlägt Alarm

Auch Bayer hätte keine Einwände gegen diese Lösung - zumal Leno den immer wieder allein auf ihn zustürmenden Gladbachern, allen voran Reus, mit seinen Reflexen im Borussia-Park mehrfach auf die Nerven ging. Innenverteidiger Stefan Reinartz hatte die Gäste zwar in Führung gebracht (20.). Nach der Pause verpassten Reus und Patrick Herrmann der Partie jedoch den angemessenen Zwischenstand, so dass Bayer-Boss Wolfgang Holzhäuser stöhnte: "Das war wie Scheibenschießen."

Der Platzverweis für Gonzalo Castro, der Schiedsrichterassistent Jan-Hendrik Salver als "blind" bezeichnete, ließ den Ärger der Leverkusener Chefs zusätzlich anschwellen. "Das ist eine Rote Karte, die wir nicht akzeptieren werden", schnaubte Sportchef Völler. Und während Hausherren wie Reus ("Hätten wir gewonnen, würde ich sagen: Wir haben überragend gespielt") allein mit den verschenkten Punkten haderten, werden die Leverkusener nach neun Liga-Spielen unter dem neuen Chefcoach Robin Dutt zunehmend unruhig.

"Selbst die Führung hat uns keine Sicherheit gegeben", rätselte Angreifer Stefan Kießling. Deutlicher wurde Simon Rolfes. "Wir spielen sehr wechselhaft, überhaupt nicht stabil", murrte der für Michael Ballack nach einer Stunde eingewechselte Bayer-Kapitän und schlug hörbar Alarm. "Wir haben", analysierte Rolfes, "Probleme, unser Spiel durchzusetzen. Und das ist nicht unser Maßstab."

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