Bundesliga - Kahn: Brauchen echte Führungsspieler
Oliver Kahn gewann mit dem FC Bayern München acht deutsche Meisterschaften, sechsmal den DFB-Pokal und einmal die Champions League. In seinem akutellen Blog bei Eurosport legt der "Ex-Titan" die Schwächen der Bundesliga schonungslos offen.
Servus liebe Yahoo! Eurosport-User,
Mitte der Woche versuchen Hannover (gegen Sevilla), Schalke (gegen Helsinki) und die Bayern (gegen Zürich), die Hauptrunden der europäischen Wettbewerbe zu erreichen. Die User des von mir mitbegründeten Fanmeinungsportals fanorakel.de sagen voraus, dass nur zwei der drei Kandidaten den Sprung in die Hauptrunde schaffen. Münchens Chancen taxieren die Fans auf 91 Prozent, Schalkes auf 80, Hannovers auf 40 - ich halte die Einschätzungen für realistisch.
Sollten die Fans Recht behalten, wären von den sechs deutschen Vertretern schon zwei gescheitert, noch bevor die Wettbewerbe richtig gestartet sind.
Sportliche Qualität hinkt hinterher
Besonders bitter ist das Ausscheiden von Mainz. Der ganze Verein war elektrisiert, endlich international spielen zu können und dann fliegst Du gegen eine völlig unbekannte Truppe mit dem Namen Gaz Metan Medias raus - für mich absolut unverständlich. Im Vorfeld eines solchen Spiels müssen die Verantwortlichen alle psychologischen Register ziehen und der Mannschaft verdeutlichen, dass diese Spiele die wichtigsten der Saison sind.
Das frühe Scheitern von Mainz ist aber auch symptomatisch für den deutschen Fußball. Unter kommerziellen Gesichtspunkten ist die Bundesliga ein absolutes Top-Produkt, sie gehört zu den profitabelsten der Welt. Am ersten Wochenende gab's einen Rekordschnitt von 51.000 Besuchern! Nur sagt das Zuschauerinteresse wenig über die sportliche Qualität aus. Der Zuschauerschnitt ist vielmehr ein Ausdruck der enormen Beliebtheit und des hohen gesellschaftlichen Stellenwerts, den der Fußball in Deutschland mittlerweile genießt. Meiner Meinung nach hinkt die sportliche Qualität der Bundesliga der wirtschaftlichen deutlich hinterher.
Es gibt einen unbestechlichen Gradmesser für die Klasse einer Liga: Titel! In den vergangenen zehn Jahren haben die englischen Klubs zwei internationale Titel gewonnen, die spanischen acht und die deutschen keinen.
Ist die Bundesliga also eine sportliche Mogelpackung? Müssen die Vereine ein höheres unternehmerisches Risiko eingehen, um mit den Klubs aus Spanien und England mitzuhalten? Auf Fanorakel werden diese Punkte gerade kontrovers diskutiert.
Dringend gesucht: Leuchttürme
Es drängt sich aber noch ein weiterer Gedanke auf: Hängt die Titelflaute nicht vielleicht mit einer Spielergeneration zusammen, deren Stellvertreter Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger vehement leugnen, dass eine Mannschaft heutzutage echte Führungsspieler braucht? Führungsspieler, die den Finger in die Wunde legen, die auch mal unbequeme Wahrheiten aussprechen, denen ihr eigenes Image unwichtiger ist als der Erfolg, die bereit sind Mitspieler anzutreiben und die permanent die maximale Erfolgsbereitschaft einfordern?
Wenn ich als Spieler diese Eigenschaften nicht verkörpere und oftmals nur Konsens und Anpassung suche, wird schnell klar, warum Begriffe wie flache Hierarchien und das Kollektiv permanent strapaziert werden. Spieler wie Ferdinand, Puyol, Xavi, Terry, Lampard, Lucio sind genau die Spieler, die diese Qualitäten besitzen und die in der heutigen Zeit genauso wichtig sind wie sie es früher waren. Sie sind die Leuchttürme, die Vorbilder an denen sich die jungen Spieler aufrichten und entwickeln können und die nicht abtauchen, wenn es mal nicht optimal läuft. Jede Mannschaft braucht den "individualistischen Teamplayer", der die oben genannten Eigenschaften besitzt und sich hundertprozentig in ein Team einbringen kann. Ohne echte Führungsspieler werden die Bundesliga-Klubs noch lange auf internationale Titel warten müssen!
Euer Oliver Kahn




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