Eurosport - Fr 16.Mai. 17:19:00 2008
Für den Hamburger SV geht es gegen den KSC um alles oder nichts. Nach dem Verspielen der Champions-League droht am letzten Spieltag der komplette Rausfall aus den internationalen Rängen. Am Abend wird Trainer Huub Stevens verabschiedet. Noch bleibt offen, unter welchen Bedingungen.
Das Kapitel Huub Stevens wird in einer an Tradition nicht armen HSV-Geschichte am Samstag nach dem Bundesligaspiel gegen den Karlsruher SC abgeschlossen sein. Doch noch geht es um viel, sozusagen um die kurz- und mittelfristige Zukunft des HSV. Coach Stevens, der den Verein zum Sommer Richtung niederländische Heimat zum PSV Eindhoven verlassen wird, zeterte einmal mehr, angesprochen darauf, ob die Beurteilung seines Wirkens nun vom KSC-Spiel abhinge, schließlich ginge es um den Einzug in den UEFA-Pokal. "Ich habe hier mit unwahrscheinlich viel Spaß gearbeitet", kalauerte er ins Mikrofon, um sofort den Ernst der Lage zu erkennen: "Die Jungs müssen gewinnen, das hat aber nichts mit mir zu tun."
Wie bitte? Dieser beiläufig kolportierte Satz dokumentiert das ganze Desaster der zurückliegenden Wochen beim HSV. Nach horriblen Auftritten heimste die Stevens-Elf in den letzten neun Ligaspielen ganze sechs Zähler ein. In der Rückrunden-Tabelle steht man auf einem makabren elften Rang. Wäre die Hinserie ähnlich desaströs verlaufen wie das zurückliegende halbe Jahr, würden die Rothosen wohl tief im Tabellenkeller rumdümpeln und nicht auf Platz fünf. Schwacher Trost: Gegner KSC ist Vorletzter der Rückrunde.
Trainer ledert gegen alles und jeden
"Wir müssen alle anderen Dinge zurückstellen, um eine optimale Leistung abzurufen", unkte Stevens weiter. In der Tat: Destruktive Nebenkriegsschauplätze hat es beim so anspruchsvollen und selbstgewissen Klub in diesen Wochen genug gegeben, unabhängig von der Monate schwelenden Neu-Trainer-Frage. Wo Unruhe im Kader herrscht, wird normalerweise der Trainer zur Verantwortung gezogen. Beim HSV lederte dieser indes gegen alles und jeden und schaffte es so fast nebenher, Kritik an sich selber im Orkus verstummen zu lassen.
Da sind zum einen die Medien, denen Stevens präjudizierend mangelnde Professionalität vorwirft, gerade in Bezug auf deren Fragetechniken. Sein stets von zornigen Augen begleitetes Motzen, selbst bei berechtigtem Nachharken der Reporter, bleibt jetzt schon legendär in der an Trainer-Kauzen doch so reichen HSV-Historie. Dass Spieler nach vergleichsweise harmloser, im Kern nicht renitenter oder gar den Verein Schaden zufügender, Kritik suspendiert wurden, gehört ebenfalls zu den Eigenheiten der späten Stevens-Zeit.
Nun erwischte es Guy Demel, der nach der 0:2-Pleite von Cottbus seine Einwechslung monierte, weil er nicht fit gewesen sei. Der Ivorer, so ganz nebenbei einer der letzten HSV-Spieler, der noch bereit ist, Nicht-Standards der Öffentlichkeit preis zu geben, sitzt nun in seiner Wahl-Heimat Frankreich bei der Familie. Offiziell zur Reha, seinen jetzigen Trainer wird er wohl nicht mehr die Hand zum Abschied schütteln.
Überholtes Taktikmodell
Stevens großer Verdienst wird bleiben, dass er den HSV vor genau 15 ein halb Monaten als Tabellenschlusslicht übernahm und vor dem Komplettabsturz bewahrte. Auch seine stets uneitle Art bezüglich der Selbstbewertung des eigenen Anteils an Erfolgen, kam in der sich gerne unprätentiös gerierenden Kaufmanns- und Hansestadt gut an. So wird man gespannt sein dürfen, wie die 57.000 Fans in der abermals ausverkauften Nordbank-Arena Stevens verabschieden werden. Dass nicht wenige froh sind, dass er sein am Ende völlig überholtes und starres Taktikmodell mit nach Eindhoven nehmen wird, ist ein offenes Geheimnis.
HSV: Im Bau befindlich
Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer wirkt in diesen Tagen hingegen sichtlich gelöst. Dadurch dass die Entscheidung in der Neu-Trainer-Frage gelöst ist und nächste Woche Stevens' Landsmann Martin Jol präsentiert werden kann, scheint dem stoischen Franken nach 177 Tagen Suche so kurz vor dem finalen Saisonspiel ein schwerer Stein vom Herzen gefallen zu sein. Was die Planung für die kommende Saison betrifft, speziell der Neuverpflichtungen und Vertragsverlängerungen, wird viel vom Ausgang der Partie gegen Karlsruhe abhängen.
Auf die Frage, ob denn das Ende der Ära Stevens eher ein Schlussstrich unter etwas sei oder es nahtlos weitergehe für ihn als sportlichen Leiter, da er ja schließlich mit dem Gros der Mannschaft weiterarbeite, antwortete Beiersdorfer gewohnt kryptisch: "Der Verein bleibt, der Trainer geht. Bei gewissen Parametern wird es ein Reseat geben." Ja, es sei eher "Work in progress" als ein Ende von irgendwas bestätigte der Sportchef mit der schmunzelnden Ergänzung "under construction", im Bau befindlich also.
Martin Sonnleitner / Eurosport