Eurosport - Fr 16.Mai. 23:37:00 2008
Gegen Werder Bremen bekommt Bayer 04 Leverkusen sein Finale um den Einzug ins internationale Geschäft. Die stark ersatzgeschwächte Elf von Michael Skibbe taumelt dem Saisonende entgegen und hofft, sich mit letzter Kraft einen UEFA-Cup-Platz zu sichern.
Man hat etwas aufgebaut bei Bayer Leverkusen in den letzten zweieinhalb Jahren. Nach der Halbierung des Etats von mehr als 50 Millionen Euro auf 27 formte Trainer Michael Skibbe gemeinsam mit Sportdirektor Rudi Völler eine junge, spielstarke Mannschaft, erreichte mit dieser zweimal in Folge den UEFA-Cup und produzierte zudem mit Gonzalo Castro, Rene Adler, Simon Rolfes oder Stefan Kießling zukünftige Stützen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.
All das aber - so ungerecht kann das Fußballer-Leben sein - hängt jetzt an einem seidenen Faden, sprich an Sieg oder Niederlage im letzten Saisonspiel gegen Werder Bremen. Denn Bayer, lange Zeit in dieser Saison gerühmt für den schönsten Fußball der Liga, ist aus der Spur geraten. Das konnte auch der Sieg am letzten Wochenende in Rostock kaum überdecken. Zuvor standen sechs Niederlagen in acht Spielen zu Buche, Formkrisen, Sperren und wohl auch ein in der Breite zu knapp gestrickter Kader brachten die Skibbe-Elf völlig aus dem Rhythmus. Und ausgerechnet Bernd Schneider, neben Sergej Barbarez einzige Identifikationsfigur für die jungen Spieler, fehlte lange verletzt, fand danach nie zu der Form, die ihm den Ruf des "weißen Brasilianers" eingebracht hat, und fiel schließlich erneut aus.
Völler: "Hopp-oder-Top-Spiel"
So weit, so schlecht. Was dann aber in den letzten Wochen rund um die BayArena herum vor sich ging, das zeugt im besten Fall von Ignoranz, im schlechtesten von purer Boshaftigkeit. "Skibbe raus"-Rufe enttäuschter Fans waren da noch das Harmloseste. Vor allem das Boulevard-Blatt "Express" veranstaltete eine regelrechte Treibjagd auf den Trainer und prophezeite schon vor Tagen: "Auf Platz sieben muss Skibbe fliegen". Sportdirektor Rudi Völler bemängelte hingegen, dass "die Arbeit des Trainers hier in Leverkusen im Grunde zu wenig gewürdigt wird".
Völler, mit Skibbe seit seiner Zeit als Teamchef der Nationalmannschaft in Freundschaft verbunden, betont aber auch den finalen Pokalcharakter der Partie gegen Werder Bremen. "Es ist ein Hopp-oder-Top-Spiel. Entweder wir werden Vierter oder Siebter. Etwas dazwischen kommt angesichts der Konstellation kaum in Frage." In der Tat hätte Bayer bei einem Sieg den vierten Platz und damit die UEFA-Cup-Teilnahme sicher. Bei Unentschieden oder Niederlage käme es dagegen auf die Ergebnisse von Dortmund gegen Wolfsburg, Stuttgart gegen Bielefeld und Karlsruhe gegen Hamburg an.
Skibbe plagen Personalsorgen
Dass es schwer wird gegen Werder, das selbst den zweiten Tabellenplatz unbedingt verteidigen will, steht außer Frage. Umso mehr, als Bayer "personell auf dem Zahnfleisch geht" (Skibbe) und der Trainer mit Kießling (Sperre), Schneider, Patrick Sinkiewicz und Karim Haggui vier Stammkräfte ersetzen muss. Zudem ist der Einsatz von Theofanis Gekas und Paul Freier fraglich, so dass Skibbe gar auf Personal aus dem Regionalliga-Team bauen muss. Völler mahnt deshalb: "Wir müssen uns jetzt alle noch einmal zusammenreißen und für unser Saisonziel kämpfen." Und das lautet nun mal UEFA-Cup und damit Platz vier oder fünf. Rang sechs, gleichbedeutend mit dem UI-Cup wäre wohl eher eine Strafe, auch wenn das so niemand sagen mag in Leverkusen.
Platz sieben wäre eine riesige Enttäuschung, ein Weltuntergang aber nicht. Skibbe dürfte seine Aufbauarbeit wohl selbst dann in der nächsten Saison fortsetzen. Gerüchte, wonach der Däne Morten Olsen als Skibbe-Nachfolger bereits in den Startlöchern steht, sind wohl eher Grimms Märchen zuzuordnen, als einer tatsächlichen Faktenlage.
Andreas Kötter / Eurosport