Eurosport - Mi 16.Apr. 17:53:00 2008
Bei seinem Trainer-Schnellkurs macht Lothar Matthäus für zwei Tage Station bei Werder Bremen. Das Medieninteresse ist enorm, dagegen hat der Rekordnationalspieler nur Interesse an Schaaf'schen Geheimtipps.
Es war ein sehr frommer Wunsch der Werder-Verantwortlichen, denn insgeheim hatten sie wohl gehofft, den zweitägigen Aufenthalt von Lothar Matthäus ohne großen Medienrummel über die Bühne zu bekommen. Aber wo der Rekordnationalspieler auch auftaucht, sind die Kameraobjektive eben nicht weit. "Wir freuen uns, dass er sich für Werder Bremen entschieden hat", erklärte Sportdirektor Klaus Allofs, jedoch wohl auch darüber erleichtert, dass der Abstecher zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem Werder die Krise mit drei Siegen in Folge beendet hat.
Sechs Fernsehteams, ein Dutzend Fotografen und Journalisten tummelten sich am Mittwoch kurz vor dem Trainingsbeginn um zehn Uhr vor der Kabine der Bremer Profis und harrten gespannt auf die ersten Eindrücke des prominenten Hospitanten. Doch der war in Begleitung von DFB-Chefausbilder Erich Rutemöller und Werders Co-Trainer Matthias Hönerbach bereits unerkannt von einem anderen Ausgang zum Übungsplatz herüber geschlendert.
Lockere Gespräche im kleinen Kreis
Vermutlich hatten die Medienvertreter auf einen Matthäus im Werder-Trainingsanzug gewartet und deshalb war ihnen der in Jeans und dunkelblauer Daunenjacke gekleidete Ex-Profi wohl durch die Lappen gegangen. "Ich bin gerne in Bremen - obwohl ich hier als Spieler meist schlechte Erfahrungen gemacht habe - aber so weit geht es dann doch nicht, dass ich mit einem Werder-Trainingsanzug auf den Platz gehe", stellte Matthäus klar.
Trainer Thomas Schaaf war kurz darauf zum Trio dazugestoßen und so begann der kleine Einweisungskurs noch bevor die Reservisten für die Einheit auf den Platz trabten. Wer gehofft hatte, Matthäus würde sofort ins Geschehen eingreifen, Anweisungen und Tipps geben, den Spielern zeigen, wie verteidigen wirklich funktioniert, der wurde jäh enttäuscht. Stattdessen zog sich der kleine Kreis in die hintere Ecke des Platzes zurück und beschränkte sich auf lockere Gespräche.
"Werder Bremen ist wie Inter"
"Man braucht Lothar ja nicht zu erklären, wie Fußball funktioniert", erklärte Schaaf, "aber es ist immer wichtig, so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Denn man kann immer etwas für seine eigene Arbeit als Trainer gebrauchen. Und wir bieten ihm einfach einige Möglichkeiten und Anregungen an, an denen er sich orientieren kann."
Matthäus selbst erhoffte sich genau diese Hilfestellung von seinem Kurzabstecher in Bremen, der bei seinem von üblicherweise zehn auf zwei Monaten reduzierten Trainerlehrgang alle Pflichtstationen quasi im Schnellverfahren durchläuft. In der Vorwoche hatte der 47-Jährige noch bei Inter Mailand hospitiert: "Bremen ist wie Inter. Da gibt es keinen Unterschied, es ist nur ein bisschen größer. Werder ist toll strukturiert, hier entwickelt sich alles weiter und es wird professionell, engagiert und mit Fachwissen gearbeitet. Dazu kann man nur gratulieren", lobte Matthäus.
Mit neuen Rhetorik-Kenntnissen Richtung Israel
Am Donnerstagnachmittag geht es bereits mit Rutemöller zurück nach Köln an die Sporthochschule, wo ein weiterer zweiwöchiger Therorie-Block auf den gelernten Raumausstatter wartet, bevor er Ende Mai seine Prüfung ablegen wird. In den sieben Jahren seit dem Ende seiner aktiven Karriere war Matthäus bereits für Rapid Wien, Partizan Belgrad, Atletico Paranaense in Brasilien, als Nationalcoach in Ungarn und zuletzt als Giovanni Trapattonis Assistent bei Red Bull Salzburg tätig, doch erst jetzt entschied er sich für den Trainerschein.
Ab Juni steht er für zwei Jahre beim israelischen Spitzen-Klub Maccabi Netanya unter Vertrag. "Ich habe viele Freunde in Israel. So ist der Kontakt zustande gekommen. Wenn ich davon nicht überzeugt wäre, hätte ich dort nicht unterschrieben", erklärte Matthäus. Der aktuelle Tabellenzweite der dortigen "Premier League" verspricht sich von der Verpflichtung eine Verbesserung der deutsch-israelischen Beziehungen und einen sportlichen Aufschwung des Teams. Und Matthäus scheint vorbereitet. Er habe gerade einen Rhetorik-Kurs absolviert. Was man dort lernt? "So wenig wie möglich zu sagen. Aber das fällt mir eigentlich nicht schwer."
Aus Bremen berichtet Petra Philippsen / Eurosport