Masters Hamburg - Der Liebling vom Rothenbaum

Eurosport - Do 15.Mai. 12:15:00 2008

Jahrelang hatte Nicolas Kiefer das heimische Publikum nur selten ganz auf seiner Seite. Doch beim Masters in Hamburg eroberte der 30-Jährige mit Herzblut und Kampfgeist die ungeteilte Zuneigung der Fans. Sie soll ihn auch noch zum Sieg gegen Nikolay Dawidenko tragen.

TENNIS 2008 Hamburg Masters Kiefer - 0

Am liebsten hätte Nicolas Kiefer jeden Zuschauer einzeln umarmt. Er breitete seine Arme weit aus und warf Kusshände in die Menge, fast so, wie es sein Freund Andre Agassi stets nach seinen Siegen getan hatte. Die 9.000 Zuschauer am Hamburger Rothenbaum gaben seinen Dank zurück und feierten Kiefer mit stehenden Ovationen und tosendem Applaus. Der schien von der Freude selbst ganz trunken und überwältigt. "Das sind einfach unmenschliche Gefühle", gestand Kiefer und strahlte dabei glücklich: "Ich habe wieder eine Klasse besser gespielt als am Montag. Das war natürlich nur mit diesem Publikum möglich. Kommt bitte alle morgen wieder."

Der frenetische Jubel, der seiner Aufforderung folgte, konnte getrost als Zustimmung aufgefasst werden. Und das war vielleicht noch bemerkenswerter als die Tatsache, dass es Kiefer gerade gelungen war, mit Stanislas Wawrinka die aktuelle Nummer zehn der Welt zu bezwingen. Denn der 30-Jährige Hannoveraner hatte im wahrsten Sinne des Wortes die uneingeschränkte Sympathie des Hamburger Publikums erobert. Er genoss es sichtlich, kostete jede Minute auf dem Platz besonders aus. Ein ganz neues Gefühl für ihn, war ihm doch nur selten zuvor bei deutschen Turnieren so viel Zuneigung entgegengebracht worden.

Mit Herzblut, Energie und Siegerfaust

Zumal Kiefer immer ein Spieler gewesen ist, der die Fans polarisierte. Er pflegte seine Ecken und Kanten, agierte auch neben dem Platz mitunter hitzig und impulsiv. Das kam nicht bei allen Fans gut an und so erntete er auch mal Pfiffe und Buhrufe. Doch diese Zeiten hat Kiefer inzwischen hinter sich gelassen, seine einjährige Verletzungspause hat ihn merklich reifen lassen und ihm neue Sichtweisen eröffnet. "Jeder Tag Tennis ist für mich ein Geschenk", sagt er nun und man merkt es ihm an. Kiefer fightet, er beißt, hängt sich in jeden Ballwechsel rein und peitscht sich und die Zuschauer dabei mit großen Gesten und martialischem Geschrei an.

Auch im Match gegen Wawrinka war es so. Immer wieder reckte Kiefer die Faust, animierte die Fans zur Unterstützung und warf Kusshände gen Himmel, wenn bei einem Breakball gegen sich der Ball von der Netzkante noch ins Feld tropfte. Das Herzblut und die Energie, die er in sein Spiel hineinlegte, wirkten authentisch und ließen das Publikum mitfiebern. Kiefer legte einen starken Auftakt hin - Volleys, Stoppbälle, alles klappte nach Wunsch. Doch sein Schweizer Kontrahent wurde stärker und Kiefer musste noch mehr kämpfen: "Die engen Punkte pushen mich noch mehr. Aber ich war dann doch froh, dass es endlich vorbei war." Nach knapp zweieinhalb Stunden hatte es Kiefer mit 7:5 und 7:5 geschafft.

"Sind Hoffnungsträger nicht immer jüngere Typen?"

Niemals zuvor ist der Rothenbaum ein Ort der reinen Freude für ihn gewesen. "Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal noch am Donnerstag hier spielen durfte", sagte Kiefer kopfschüttelnd. Sieben Jahre ist es her, dass er in Hamburg in der dritten Runde stand und nun wartet auf den Weltranglisten-43. mit dem Russen Nikolai Dawindenko ein besonders unangenehmer Gegner. "Er ist sehr zäh und spielt verdammt konstant. Da muss ich noch mal was drauflegen. Aber ich nehme den Schwung und das Selbstvertrauen mit - und meine Beine in die Hand", fügte Kiefer mit breitem Grinsen hinzu.

Wie weit es für ihn in Hamburg noch gehen kann, vermag Kiefer selbst nicht zu sagen. Er müsse niemandem mehr etwas beweisen und alles, was noch kommt, sei ein Geschenk. Daher habe ihn auch etwas irritiert, wie ihn der Stadionsprecher vor der Partie vorgestellt habe: "Er hat Hoffnungsträger gesagt, da musste ich doch schmunzeln. Ich bin 30 Jahre - sind das nicht immer jüngere Typen?" Die Fans am Rothenbaum hoffen trotzdem weiter auf ihn. Und das nicht nur, weil er der letzte deutsche Teilnehmer im Feld ist.

Aus Hamburg berichtet Petra Philippsen / Eurosport