Masters Hamburg - Becker: "Zumutung für die Spieler"

Eurosport - Do 15.Mai. 20:10:00 2008

Boris Becker kann den Ärger der aktiven Profis über den zu engen Turnierkalender verstehen und fordert eine grundlegende Reformierung. Spieler wie Rafael Nadal würden mit dem Pensum gnadenlos überfordert.

TENNIS Boris Becker - 0

Am Abend zuvor hatte er der Player"s Party auf dem Hamburger Kiez einen ausgiebigen Besuch abgestattet, mittags präsentierte sich Boris Becker dann gut gelaunt und in seine aktuelle Tenniskollektion gewandet am Rothenbaum.

Wenn Becker an alter Wirkungsstätte auftaucht, wo er es immerhin einmal ins Finale schaffte und später drei Jahre als Chairman des Masters Turniers agierte, dann hat der 40-Jährige auch immer etwas zu sagen. Zunächst fand er lobende Worte für die starken Auftritte von Nicolas Kiefer, dem letzten verbliebenen deutschen Spieler im Feld: "Ich freue mich wirklich für Nicolas. Jahrelang war er kein Fan vom Rothenbaum, aber jetzt wird er von einer Welle der Sympathie getragen. Das ist neu für ihn, doch er hat es verdient."

"Nadal spielt um sein Leben"

Der Freude schloss sich allerdings Kritik des Leimeners an: "Aber es ist ein Armutszeugnis, dass ein 30-Jähriger die Ehre des deutschen Tennis retten soll. Es ist enttäuschend, dass es kein junger Spieler auch nur in die Nähe eines Achtel- oder Viertelfinales schafft. Ich frage mich, warum das so ist." Er müsse zwar zugeben, dass er nicht mehr im Tagesgeschäft zuhause sei, doch für seine Tätigkeit als TV-Kommentator in Wimbledon zumindest die Endrunden verfolge. Und da seien eben äußerst selten deutsche Namen dabei.

Verständnis habe er auch für Spieler wie Rafael Nadal, die sich zuletzt über den zu engen Turnierkalender und mangelnden Respekt vor der europäischen Sandplatzsaison beklagt hatten. "Ich kann das nachvollziehen. Diese Spieler wie Nadal werden überfordert. Es ist fast unmöglich, in fünf Wochen all diese Turniere professionell zu bestreiten, geschweige, sie zu gewinnen. Nadal spielt in der kurzen Sandplatzsaison praktisch um sein Leben. Er braucht die Punkte dringend. Er gewinnt dabei noch immer, aber ich weiß gar nicht, wie er das macht", erklärte Becker.

Hamburg müsse Masters Turnier bleiben

In dieser Saison wurde den Sandplatzturnieren eine Woche im Kalender gestrichen, so dass die Masters Events in Monte Carlo, Rom und Hamburg innerhalb von vier Wochen ausgetragen werden. "Das ist keine Art und Weise mit Spielern umzugehen, ärgerte sich Becker: Das ist eine Zumutung." Auch er weiß aus eigener Erfahrung, wie begrenzt der Einfluss der Spieler auf etwaige Veränderungen sind, dennoch fordert er: "Wir müssen einen komplett neuen Turnierkalender kreieren." Schließlich habe der strenge Termindruck noch eine andere negative Folge für das Profitennis, die besonders von den Medien oft bemängelt werde: Es fehlen interessante Charaktere, die den Zuschauer in die Stadien und vor den Fernseher locken würden. "Es gibt die Charaktere immer noch. Aber sie haben gar keine Chance, sie zu zeigen, weil sie Woche für Woche gut spielen und Punkte verteidigen müssen. Und für andere Aktivitäten, die den Charakter ja prägen würden, bleibt ihnen keine Zeit", bemängelte Becker.

Dass Hamburg im nächsten Jahr seinen Status als Masters Turnier verlieren könnte, bereitet Becker ebenfalls Sorge: "Die ATP wäre schlecht beraten, wenn sie das tun würde. Sie machen derzeit eine Reihe von Fehlern und einer davon ist, dass über Hamburg diskutiert wird." Er habe kaum ein besser organisiertes Turnier auf der Tour erlebt, hinzu käme, dass die Zuschauer in Massen kämen, selbst wenn es regnet. Das wichtigste deutsche Turnier dürfe nicht so einfach degradiert werden. Aber sei es trotzdem der Fall, ist Becker dennoch optimistisch: "Hamburg hat schon viele Stürme überlebt und diesen werden sie sicher auch überstehen. Aber der Kampf ist noch nicht vorbei." In den Kampf konkret einschalten wolle er sich jedoch nicht. Sein Einfluss dabei sei nur begrenzt.

Aus Hamburg berichtet Petra Philippsen / Eurosport