Eurosport - Fr 16.Mai. 00:19:00 2008
Mitte der Woche noch von seinem Bayern-Kollegen Franck Ribery regelrecht "naß" gemacht, geht Torwart-Legende Oliver Kahn in wenigen Tagen für immer auf Tauchstation. Der Übermensch zwischen den Pfosten verabschiedet sich nach 20 bewegenden Bundesliga-Jahren endgültig aus dem Profi-Geschäft.
Tränen der Freude und der Trauer lagen in den letzten zwei Jahrzehnten eng beisammen, denn "King Kahn" war immer ein emotionaler Keeper, der die Massen sowohl elektrisierte als auch polarisierte.
Er ist einer der Schlussmänner, die allein mit ihrer imposanten Erscheinung und ihrem impulsiven Auftreten für den nötigen Respekt in den gegnerischen Reihen sorgen. Nun ist Schluss.
Karriere mit Höhen und Tiefen
Der 38-jährige Torwart des FC Bayern München streift seine Handschuhe nach 557 Bundesliga-Spielen für immer ab. "Mit ihm geht einer der ganz Großen des Weltfußballs", erklärte Präsident Franz Beckenbauer, der ebenso wie Manager Uli Hoeneß und Aufsichtsrat-Chef Karl-Heinz Rummenigge seinen Hut vor dem "Titan" zieht.
Obwohl Kahn in dieser Saison das angestrebte "Tripple" verwehrt blieb, kann er dennoch auf eine eindrucksvolle Karriere zurückblicken. Mit dem Gewinn der Champions League 2001 feierte der gebürtige Karlsruher seinen wohl größten Erfolg. Hinzu kamen eine Vize-Weltmeisterschaft (2002) sowie ein dritter WM-Platz (2006), ein Europameister-Titel (1996), ein UEFA-Cup-Sieg (1996), acht deutsche Meistertitel und sechs Pokalsiege. Zudem wurde er 1999, 2001 und 2002 zum Welttorhüter ernannt.
Bundesliga verliert Symbol-Figur
Neben den Sternstunden gab es aber auch Rückschläge. Obwohl er 2002 zum besten Spieler der WM - übrigens als erster Torhüter überhaupt - ernannt wurde, war er es, der bei der 0:2-Finalniederlage gegen Brasilien patzte. Kahn ließ einen Schuss von Rivaldo abprallen, den Ronaldo mitten ins Herz der deutschen Nationalmannschaft und vor allem in das von Kahn schoss, welcher nach dem Spiel wie traumatisiert an seinem Pfosten hockte und minutenlang ins Niemandsland starrte. Nicht weniger schmerzhaft war auch das Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United, das die Engländer in der Nachspielzeit noch völlig überraschend zu einem 2:1-Erfolg drehten und den deutschen Rekordmeister damit vom Sockel des europäischen Vereins-Fußballs stürzten.
Mit dem Abgang von Kahn, der auch neben dem Rasen immer wieder für Schlagzeilen sorgte und gemeinsam mit Freundin Verena Kerth ab 2003 die Spalten der Boulevard-Blätter füllte, verliert die Bundesliga an diesem Wochenende eine Symbol-Figur mit weltweiter Strahlkraft. "Wenn ich weinen muss, dann weine ich einfach", meinte der nach außen immer cool und gefasst wirkende Schlussmann, der am Samstag (ab 15:30 im Live-Ticker bei eurosport.yahoo.de) in der heimischen Allianz-Arena gegen Berlin zum letzten Mal im Kasten steht. Die Abschiedsgala ist bereits inszeniert und der rote Teppich wird mit Sicherheit ausgerollt. Offen ist nur, wieviele der treuen Bayern-Fans mit dem wohl besten deutschen Keeper aller Zeiten eine oder sogar mehrere Tränen des Abschieds verdrücken werden.
Dirk Adam / Eurosport