Eurosport - Sa 15.Dez. 00:40:00 2007
Trainer-Schelte, Fan-Brandrede, Kahn-Eskapade und schleichende sportliche Stagnation - dem FC Bayern steht alles andere als ein besinnliches Weihnachten ins Haus. Der Baum brennt und die Protagonisten verwechseln den Feuerlöscher konstant mit der Ölkanne. Der Leidtragende ist Ottmar Hitzfeld.
Seit dem 8. November ist beim aufwändig renovierten Rekordmeister durch das unnötige, aber harmlose 2:2 im UEFA-Cup gegen Bolton nichts mehr so wie es zu Saisonbeginn war, als alle so berauscht waren von den glänzenden Darbietungen des sündhaft teuren Dreamteams. Durch klubinterne Eigentore ist dieses Hochgefühl längst einem unendlichen Kater gewichen, der schon chronische Züge anzunehmen scheint.
Erst brüskierte Boss Karl-Heinz Rummenigge den Trainer, dann Manager Uli Hoeneß die Fans, Willy Sagnol den Verein und schließlich Oliver Kahn die Mannschaft. Man hat irgendwie das Gefühl, dass sämtliche Führungskräfte sich nach Kräften bemühen, die ersten Risse der fragilen Zweckgemeinschaft an der Säbener Straße eher zu vergrößern als zu kitten. "Bayern ist einer der schwierigsten Vereine in Europa, was das Umfeld betrifft", sagt der erfahrene Mark van Bommel. Er muss es wissen - immerhin hat der Niederländer mit dem FC Barcelona bereits einen anderen Weltklub kennengelernt.
"Scheiß Fragen" nerven Hoeneß
"Von außen wird Vieles in die Mannschaft getragen. Am liebsten hätte man immer Ruhe. Das wäre das Schönste. Aber das ist beim FC Bayern sehr schwer, allein durch diese Medienlandschaft hier", klagt Philipp Lahm in der "Süddeutschen Zeitung". Flankiert wird der Nationalspieler von Hoeneß, der sich vermehrt über die "Scheiß Fragen" aufregt, die die Medienvertreter zu stellen wagen.
Doch alles auf die Medien zu schieben, wäre zu billig. Das aktuelle Remake des "FC Hollywood" ist hausgemacht. Kein Journalist hatte Ottmar Hitzfeld vor der Rummenigge-Schelte kritisiert, die FCB-Fans angegriffen, Sagnol gezwungen, seinen Wechselabsichten öffentlich zu machen oder geschweige denn Kahn in den frühzeitigen Abschied von der Bayern-Weihnachtsfeier getrieben. Das waren die Bosse und Angestellten des Vereins höchst selber.
Das Hauptproblem wird die angekratzte Autorität von Hitzfeld bleiben. Eigentlich können Rummenigge und Hoeneß gar nicht anders, als den Vertrag mit dem schleichend entmachteten General zu verlängern, will man das Mindestziel deutsche Meisterschaft nicht gefährden. Wird im Januar verkündet, dass die Ehe Bayern-Hitzfeld im Sommer nach 2003 zum zweiten Mal geschieden wird, würde das Hitzfelds Position gegenüber der Mannschaft schwächen.
Zumindest im Unterbewusstsein wäre verankert, dass alle Anordnungen des Trainers Ende Mai Makulatur sind. Eine Unterstellung, die van Bommel nur halbherzig vom Tisch fegt: "Das Thema wird größer gemacht als es ist. Wir gehen damit locker um. Der Trainer steht unter Druck, aber nicht allein, auch die Spieler und der gesamte Verein."
Hitzfeld kämpft an allen Fronten
Hitzfeld selber ist wenig vorzuwerfen. Die Hauptaufgabe für den erfahrenen Coach war die Moderation und das Starensemble bei Laune zu halten. Was bis zu dem ominösen 8. November funktionierte - ehe ihm Rummenigge unnötig in die Parade fuhr. Weil Hitzfeld ein "Profffi" ist, schluckte er die öffentliche Demütigung tapfer hinunter. Aber fortan musste er an allen Fronten klare Zeichen setzen, um "kein Irrenhaus" zu haben.
Der beleidigte Sagnol wurde gemaßregelt, der eigensinnige Kapitän Kahn suspendiert. Im Winter soll ein Verhaltenskodex folgen, ein Knigge für die Bayern-Stars.
Dieser wird nur greifen, wenn mit Hitzfeld verlängert wird - so dieser eine weitere Zusammenarbeit überhaupt noch will. Die wesentlich dankbarere Aufgabe als Nationaltrainer der Schweiz lockt. Die Zeichen stehen ohnehin auf Scheidung. Nicht zuletzt weil Rummenigge die T-Frage in den Januar vertagt hat. Die Führung ist unschlüssig, klare Bekenntnisse pro Hitzfeld waren zuletzt aus der Führungsetage nicht (mehr) zu hören. Intern sollen bereits Überlegungen über potenzielle Nachfolger angestrengt worden sein.
Ein Kandidat winkte bereits ab. VfB-Coach Armin Veh ("Das ist kein Thema") weiß um die vergleichsweise Beschaulichkeit in Stuttgart. Der einst von den Bayern ebenfalls aus Schwaben weggelockte Felix Magath dürfte Veh ein warnendes Beispiel sein. In München gibt es nicht einen alleinverantwortlichen Trainer, sondern eben auch die Urgewalten Franz Beckenbauer, Rummenigge und Hoeneß. Eins ist garantiert: Es wird so oder so ein heißer Winter in Bayern - egal wie die T-Frage ausgeht.
Alexander Beisse / Eurosport