Eurosport - Mi 14.Jan. 17:17:00 2009
Gernot Bauer ist bei der Dakar 2009 in Argentinien und Chile als Reporter unterwegs und wirft für uns einen Blick hinter die Kulissen. Heute bricht er eine Lanze für die Dakar und spricht sich dafür aus, ihr noch eine Chance zu geben.
Hallo,
heute möchte ich mal von meinem Blog etwas abweichen und mich dem Forum widmen. Gerade fahre ich mit dem Bus 13 Stunden über die Anden-Pässe. Dabei diskutiere ich mit Kollegen die Frage nach Sinn und Unsinn der Dakar. Sie wird hier im Forum diskutiert, derzeit in den Medien und auch am ein oder anderen Stammtisch. Hier im Biwak nicht. Kein Wunder. Denn wer diesen Sport betreibt, der liebt ihn.
Klar, es gibt auch die welche sagen, "nie wieder". Die sich übernommen haben. Die Dakar ist wie der Mount Everest für Bergsteiger. Viele Leute, die hier mitfahren, haben hier eigentlich nichts zu suchen. Aber Menschen, die es wirklich wollen, werden immer eine Beschäftigung finden, bei der sie sich ausleben können. Wenn sie nicht die Dakar fahren, dann eben eine andere Rallye.
Würde jemand auf der Transiberico oder der Baja Espana verunglücken, keiner würde Rallye Raid an den Pranger stellen. Man geht automatisch davon aus, dass es sich um Profis handelt. Es ist nun einmal der Vor- und Nachteil der Dakar, dass sie die berühmteste Rallye der Welt ist und somit das Medieninteresse auf sich zieht. Aber Amateure fahren überall, nicht nur bei der Dakar.
Selber-Schuld-These
Kein Fahrer, kein einziger im ganzen Biwak - und ich habe wirklich mit vielen gesprochen - würde diese These als falsch bezeichnen. Natürlich wissen alle hier, spätestens nach einigen Etappen, auf was sie sich eingelassen haben.
Warum werden Formel 1-Fahrer, die tödlich verunglücken in den Himmel gelobt und Amateure bei der Dakar verteufelt? Ist es wirklich ein Unterschied? Ist die Motivation nicht letzten Endes dieselbe? Wenn ein Dachdecker vom Dach stürzt, schreit ja auch keiner "selber schuld, wär' er halt Bäcker geworden." Niemand wird gezwungen, jeder kann frei entscheiden. Jeder weiß, worauf er sich einlässt. Allerdings machen es sich viele Teilnehmer wie auch Freunde, Feinde und Journalisten der Dakar oft zu einfach.
Natürlich gibt es die Sehnsucht der Medien nach Sensations-Schlagzeilen. Der LKW-Unfall, bei dem unglücklicherweise zwei unschuldige Personen umkamen, ist tragisch. Aber er hat mit der Dakar nichts zu tun. Es titelt ja auch keiner: "Schon wieder Tote in der Bundesliga", wenn ein Laster mit Coca-Cola für die Bayern-München-VIP-Lounge auf der A9 verunglücken würde. Aber weil es eben ins Bild passt, wird es so hin gestellt. An dieser Stelle noch mal Klartext: Das war kein Race-Truck oder Service-LKW, das war ein normaler Transport-LKW.
Unfähige-Organisation-These
Sicherheit war bei der Dakar schon immer ein Thema, wird es immer bleiben. So wie bei allen Großveranstaltungen. Wer kann im Motorsport schon Sicherheit garantieren? Fragen Sie einfach mal bei Ihrem lokalen Händler nach. Renn-Autos sind sicher, aber keine Überlebensgarantie. Vielleicht haben wir im letzten Jahrzehnt einfach zu viele Unfälle mit glimpflichem Ausgang erlebt.
Es steckt enorm viel logistischer Aufwand hinter so einer Rallye. Man kann und muss die ASO, also die veranstaltende Firma Amaury Sports Organisation, kritisieren. Aber man darf auch nicht vergessen, dass sie viel unternimmt, um die Sicherheit aller zu gewährleisten. Dass nicht noch mehr passiert ist, ist ihr zu verdanken. Erfahrung haben sie mehr als alle anderen. Seit 1979 organisieren sie diese Rallye. Daneben die Tour de France, den Marathon des Sables, viele weitere Rad-Rennen wie Paris-Roubaix oder den Paris-Marathon. Sie kennen sich aus mit Mega-Events.
Auch früher konnte nicht jedem sofort geholfen werden. Aber alle haben die Bilder bejubelt, wenn ein Japaner in der Nacht sein Motorrad durch die Wüste schiebt, am Rande der Erschöpfung. Alle haben damals den Geist der Dakar, die heldenhaften Amateure hochgejubelt. Die Dakar ist Extremsport. Das muss klar sein.
Ich will mit diesem Blog der Rallye auch gerecht werden. Etienne Lavigne, dem Rallye-Chef, Kaltblütigkeit zu unterstellen, ist schlichtweg falsch. Er war ein guter Bekannter Pascal Terrys, des verstorbenen französischen Fahrers. Beide kannten sich seit mehr als zehn Jahren. Lavigne war sichtlich bewegt, als ich mit ihm darüber sprach. Er überbringt solche Nachrichten persönlich.
Die Probleme mit dem Iritrack-System und dem SARSAT-Notsignal müssen untersucht werden. Das weiß keiner besser als die Veranstalter. Geben wir Ihnen noch eine Chance, bevor wir alles verteufeln, was 30 Jahre lang gut war.
Kommentare 1 - 3 of 3
Danke für diesen Beitrag!
Nach den vielen unerträglichen Kommentaren in einigen Newsmeldungen zur Dakar, war das überfällig. Es ist halt immer einfach, zuhause im geheizten Wohnzimmer zu sitzen und über andere zu urteilen.
... und diese zynischen Kommentare "selber Schuld" sind auch nicht mehr tragbar!
Super - weiter so !
Endlich mal die Wahrheit .
Nagel auf den Kopf getroffen, weiter so, BRAVO!!!!
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