Euro 2012 - Brand: "Das verfolgt uns schon lange"
Fr 13.Jan. 12:37:00 2012
Heiner Brand (59) spricht vor der Europameisterschaft in Serbien im Exklusiv-Interview mit eurosport.yahoo.de über die Chancen und Probleme der deutschen Nationalmannschaft. Der ehemalige Bundestrainer und jetzige DHB-Manager erklärt zudem, warum Titelverteidiger Frankreich schlagbar ist.
Weitere Links
Das Interview führte Tobias Laure
Sie sind seit Juli 2011 Manager beim Deutschen Handballbund. Können Sie sich noch an die erste Entscheidung erinnern, die Sie in dieser Funktion getroffen haben?
Heiner Brand: Puuh, nein, beim besten Willen nicht. Das war damals ein fließender Übergang, denn ich habe auch schon vor dem 1. Juli Dinge in die Wege geleitet, die eigentlich für später vorgesehen waren. Von daher kann ich gar nicht so genau sagen, was meine erste Amtshandlung war. Der Schwerpunkt liegt aber im Moment auf der Nachwuchsarbeit, ein insgesamt sehr vielschichtiger Bereich.
Seit ihrem Rücktritt als Bundestrainer hat die deutsche Nationalmannschaft unter Martin Heuberger fünf Länderspiele bestritten. Wie sehr ist schon die Handschrift Ihres Nachfolgers erkennbar?
Brand: Personell ist die Mannschaft nahezu identisch. Auch einen Christoph Theuerkauf habe ich vor zwei Jahren schon bei der EM eingesetzt. Patrick Wiencek ist ebenfalls schon länger ins Team eingebunden. Das ist aber auch nicht verwunderlich, denn die Bundesliga lässt wenig Spielraum für Alternativen. Daher gab es in den vergangenen Jahren auch kaum größere Personaldiskussionen rund um die Nationalmannschaft.
Hat sich denn spielerisch schon etwas verändert?
Brand: Martin musste aufgrund der Kürze der Zeit vieles von mir übernehmen. Aber in den beiden Testspielen zu Jahresbeginn gegen Ungarn habe ich schon ein paar interessante Weiterentwicklungen gesehen bei Elementen, die wir schon länger spielen. Und das wird auch künftig immer wieder der Fall sein, denn wir wollen ja keinen Stillstand. Mit einem neuen Trainer sollen Änderungen kommen, das ist wichtig.
Torhüter Silvio Heinevetter hat festgestellt, dass die Spieler unter Martin Heuberger mehr in die Entscheidungs-Prozesse eingebunden werden, mehr Verantwortung tragen müssen als zu Ihrer Zeit als Bundestrainer.
Brand: Das kann ich nicht beurteilen. Grundsätzlich stehen die Spieler immer in der Verantwortung, das war bei mir nicht anders. Aber natürlich haben sich über die Jahre bestimmte Dinge so entwickelt, dass sie dann vorgegeben waren. Ich möchte aber noch einmal betonen, dass ein neuer Trainer dazu da ist, um Veränderung herbeizuführen.
Bislang ist die Heuberger-Bilanz mit vier Niederlagen in fünf Spielen dürftig. Das muss doch im Kopf der Spieler Spuren hinterlassen, auch wenn es nur Testspiele waren.
Brand: Nein, das sehe ich nicht so. Ich habe mir diese Partien alle sehr genau angesehen und es hat sich gezeigt, dass wir immer sehr nah an der Spitze dran waren. Es sind eben Vorbereitungsspiele, und die Nationalmannschaft hat ohnehin wenige Termine. Da steht das Einspielen dann im Vordergrund, nicht die Resultate. Klar, das Selbstvertrauen könnte leiden, aber davon gehe ich bei uns nicht aus. Ich erinnere nur an 2004, als wir die drei Begegnungen vor dem Turnier mit grottenschlechten Leistungen klar verloren haben - und dann Europameister geworden sind.
Bei der EM 2010 und der WM 2011 war die Stimmung im Team gut, trotzdem hat sich die Mannschaft in den Turnieren auseinanderreißen lassen. Der fehlende Leitwolf war ein häufig geäußerter Kritikpunkt. Den gibt es aber immer noch nicht.
Brand: Das Manko war bei diesen Turnieren, dass uns die Konstanz fehlte, dass die Konzentration nicht aufrechterhalten wurde. Was die Führungsspieler angeht: Das muss im Moment auf mehrere Schultern verteilt werden. Man kann einen solchen Spieler ja nicht herbeizaubern, so etwas braucht Zeit.
Deutschland ist das einzige Team bei der EM ohne Legionär, alle Nationalspieler stehen in der Bundesliga unter Vertrag. Trotzdem stellt der deutsche Meister HSV nur einen Profi im EM-Kader des DHB. Die drei deutschen Champions-League-Vereine bringen es zusammen nur auf fünf…
Brand: …was stimmt, aber keine neue Erkenntnis ist. Es ist eben so, dass Europas beste Handballer sich auf die Bundesliga und die spanische Liga verteilen. Der Fakt, dass bei den deutschen Spitzenvereinen kaum deutsche Spieler die Schlüsselrollen innehaben, verfolgt uns jedoch schon lange.
In der EM-Vorrunde geht es gegen Tschechien, Mazedonien und Schweden. Klingt machbar, aber es müssen drei Siege her, um auf jeden Fall vier Punkte mitzunehmen in die Hauptrunde. Ist die DHB-Auswahl schon so stabil?
Brand: Es wäre eine tolle Sache, wenn wir ohne Minuspunkte in die Hauptrunde einziehen könnten - und ich halte das für möglich. Die Mannschaft muss sich aber absolut konzentrieren, keine Aufgabe darf vernachlässigt werden. Natürlich ist die Vorrunde auch dann kein Selbstläufer, das sind allesamt schwere Spiele ...
... aber gegen Mazedonien ist die Mannschaft favorisiert.
Brand: Es ist der vermeintlich schwächste Gegner in unserer Gruppe. Die Vorbereitungsspiele haben aber gezeigt, dass man die Mazedonier nicht unterschätzen darf. Zudem haben sie im Spielort Nis aufgrund der vielen anreisenden Fans Heimvorteil. Das muss allerdings für uns kein Hemmnis sein, das kann man auch für sich nutzen.
Es geht in Serbien nicht nur um den Titel, sondern auch um die Teilnahme an einem Olympia-Qualifikations-Turnier. Wenn Deutschland eines der beiden Tickets holt, war die EM ein Erfolg - andernfalls ein Fiasko. Kann man das so stehen lassen?
Brand: Nein, so hart möchte ich das nicht formulieren. Es wäre schade für den deutschen Handball. Wir haben viele Ballsportarten, wo die Olympia-Qualifikation nicht geklappt hat. Denken Sie nur an die Basketballer. Trotz eines Dirk Nowitzki findet das Turnier in London ohne Deutschland statt. Aber spricht man deshalb von einem Fiasko? Sicher, wenn es im Handball ebenfalls nichts wird mit der Teilnahme, dann sind wir enttäuscht. Ein Fiasko ist es aber nicht.
In der internationalen Wahrnehmung hat Deutschland seinen Status als Topnation im Handball verloren. Man muss lange suchen, bis man einen Experten findet, der die DHB-Profis zu den Favoriten zählt. Wo sehen Sie selbst die deutsche Auswahl im europäischen Vergleich?
Brand: Wenn man die Ergebnisse der jüngeren Vergangenheit zum Maßstab nimmt, ist Frankreich die Topnation. Dahinter hat sich Dänemark hervorragend entwickelt, und dann kommt ein Kreis von starken Teams, zu dem ich auch unsere Mannschaft zähle. Die Spanier schätze ich zum Beispiel nicht höher ein als Deutschland. Wir haben sie vor einem Jahr bei der WM über 52 Minuten dominiert und am Schluss wegen eigener Dummheiten verloren. Oder nehmen sie Schweden, das bei der Weltmeisterschaft Vierter wurde. Die Skandinavier sind keineswegs besser einzustufen als unsere Mannschaft. Wir können diese Nationen alle schlagen, allerdings auch gegen alle den Kürzeren ziehen.
Frankreich hat sich derweil zur Titel-Maschine entwickelt. Die Equipe Tricolore ist amtierender Olympiasieger, Welt- und Europameister. Das gab es noch nie. Würden Sie daher von der besten Handball-Nationalmannschaft der Geschichte sprechen?
Brand: Nein, nein. Solche Aussagen sind unzulässig. Im Augenblick haben sie eine sehr, sehr gute Mannschaft. Eigentlich hatten die Franzosen sogar schon 2003 das Potenzial, Titel zu gewinnen. Nur, diese "Goldene Generation" mit den tollen Jahrgängen von 1976 bis 1979 hat inzwischen ein gewisses Alter erreicht. Besser werden diese Spieler bestimmt nicht mehr. Auf der anderen Seite haben sie aber dieses riesige Selbstvertrauen ...
... und werden erneut Europameister?
Brand: Durchaus möglich. Aber wir haben auch beim WM-Finale 2011 gesehen, dass die Partie leicht zu Gunsten der Dänen hätte kippen können. Mein Topfavorit heißt nichtsdestotrotz Frankreich!
Herr Brand, wir danken Ihnen für das Gespräch.
VIDEO: Was für ein Siebenmeter-Tor!
Sick penalty shot! Best
Bemerkung
Kommentarfunktion ist für diesen Artikel nicht verfügbar.