Eurosport - Mi 12.Dez. 20:11:00 2007
Ottmar Hitzfeld rechtfertigt am Tag eins nach der Suspendierung von Oliver Kahn die Strafe. "Ich musste ein Zeichen setzen", sagt der Trainer von Bayern München und macht damit deutlich: Unter seiner Ägide wird es keinen "FC Hollywood" geben. Jetzt soll sogar ein Verhaltenskodex für die Spieler her.
Nach dem Paukenschlag gestern scheinen sich die Wogen wieder ein wenig geglättet zu haben - Kahn zeigte sich einsichtig ("Ich verstehe das"), Hitzfeld standhaft, aber nicht nachtragend. Die Demission des ehemaligen Nationaltorhüters gilt nur für das Spiel gegen Berlin. In der entscheidenden UEFA-Cup-Partie gegen Aris Saloniki soll der "Titan" wieder zwischen den Pfosten stehen. Auch das Amt des Kapitäns hat Kahn weiterhin inne.
Allerdings sorgt Sepp Maier mit einem Angriff Richtung Vorstand möglicherweise für weitere Unruhe. "Hier herrscht nach den vergangenen schwächeren Wochen eine ungeheure Nervosität", so der Torwarttrainer der Münchner. Und Maier legt sogar noch nach: "Die Herren da oben" könnten gewisse Dinge gar nicht beurteilen. "Die schauen vielleicht einmal zwei Minuten beim Training zu. Die Maßnahme ist völlig überzogen."
Ein Zeichen, das weh tut
Für den Erfolgstrainer dient die Maßnahme als Schutz für die Mannschaft, die momentan ohnehin nicht auf Rosen gebettet liegt. Zugleich versteht Hitzfeld sein Durchgreifen aber auch als klare Ansage an die Spieler: Disziplin steht momentan an oberster Stelle. "Wen sollte man intern zur Disziplin aufrufen, wenn nicht den Kapitän", meinte der Bayern-Coach. Auch einem drohenden Autoritätsverlust wollte Hitzfeld rechtzeitig vorbeugen. "Ich habe lange zugeschaut. Es war vor allem ein Zeichen nach innen, dass jeder Spieler weiß, wir müssen eine verschworene Einheit sein", erläuterte der 57-Jährige. "Ja, es ist schon ein Zeichen. Aber eines, das weh tut. Ich habe ja jetzt auch keine Verbrechen begangen", kommentierte Kahn. Keine Frage: Die Münchner stehen - gemessen am fulminanten Saisonstart - am Scheideweg, sowohl sportlich als auch intern.
In der Bundesliga ist der deutsche Rekordmeister ins Straucheln geraten, im UEFA-Pokal steht der FCB unter Zugzwang. Kahns öffentliche Kollegenschelte und die Kritik an der Einstellung des gesamten Teams (Hitzfeld: "Man kann Mitspieler nicht öffentlich kritisieren") brachten in dieser brisanten Phase das Fass zum Überlaufen. Das vorzeitige Verlassen der Bayern-Weihnachtsfeier trug zur Entscheidung Hitzfelds ebenfalls einen Teil bei. "Das müssen wir unterbinden, sonst haben wir hier ein Irrenhaus", betont Hitzfeld. "Oliver hat eine Vorbildfunktion, an ihm orientieren sich die anderen Spieler. Das ist entscheidend für mich. Es kann nicht sein, dass der Kapitän frühzeitig die Bayern-Feier verlässt, was nicht abgesprochen war." Anstelle Kahns musste Mark van Bommel eine Rede halten, was traditionell dem Kapitän vorbehalten ist.
Der Knigge für die Kicker
Der Maßnahmen-Katalog des Coaches ist mit der Abstrafung Kahns aber noch nicht ausgeschöpft. Jetzt soll in der Winterpause ein Verhaltenskodex erarbeitet werden, der den Münchner Profis detailliert auflistet, was geht und was nicht geht. Ob den Kickern von der Säbener Straße dieses vor allem in unterklassigen Ligen sehr beliebte Disziplinierungsmittel schmecken wird, bleibt abzuwarten. Doch Hitzfeld sieht Bedarf für einen Knigge. "Die Mannschaft ist noch in der Entwicklung. Wir müssen zusehen, dass wieder Ruhe einkehrt. Wir können uns keine Nebenkriegsschauplätze leisten."
Ein solcher ist auch die Frage nach der Zukunft des Bayern-Trainers. Der Kontrakt des "Generals" läuft am Saisonende aus. "Wir haben abgemacht, dass wir die Vorrunde abwarten und dann ein Fazit ziehen", sagte Hitzfeld bezüglich der Vertragsgespräche.
Stefan Zürn / Eurosport