Eurosport - Mo 12.Nov. 16:50:00 2007
Stephen Maguire ist zurück an der Spitze. Als er in Belfasts Waterfront Hall bei der Northern Ireland Trophy triumphierte und seinen insgesamt dritten Titel perfekt machte, war das der endgültige Schlusspunkt nach einer langen Durchstrecke.
Als er bei der UK Championship 2004 seinen zweiten Titel holte, da prophezeite Ronnie OSullivan ihm schon: "Du kannst Snooker für die nächsten zehn Jahre dominieren." Doch es kam anders. Erstrunden-Niederlagen häuften sich, spätestens im Viertelfinale war für den "Merlin of Milton" Schluss. Prompt rutschte er auch wieder von seinem dritten Weltranglistenplatz ab.
Was war passiert? Maguire war nach seinem Finalsieg von Belfast ehrlich: "Ich bin ein bisschen ausgerastet. Ich habe zuviel getrunken und an Gewicht zugelegt." Soviel Ehrlichkeit ehrt ihn. Vergessen wir nicht: Er war erst 23 Jahre alt damals. Wenn man schnell nach ganz oben kommt (und bei Maguire hatte das kein Jahr gedauert), dann passiert es gerade jungen Menschen nur allzu schnell, dass sie denken, es schon geschafft zu haben. Menschlich ist das nur allzu verständlich.
Die Perspektive zurechtgerückt
Bei Stephen Maguire kam noch etwas anderes hinzu: Bei der Weltmeisterschaft 2005 führte er in der ersten Runde gegen Ronnie O'Sullivan schon mit 9:7, um dann doch noch als 9:10-Verlierer das Crucible zu verlassen. Diese Niederlage bezeichnet er noch heute als einen der schlimmsten Momente seiner Karriere. Sie nahm ihm das Selbstvertrauen. Auch das ist menschlich nur allzu verständlich.
Solche Krisen machen viele Sportler mit. Ein großer Champion kann nur werden, wer sich daraus wieder empor arbeiten kann. Maguire hat das geschafft. Das freut mich für ihn als Snookerspieler, vor allem aber auch für ihn als Mensch. Terry Griffiths als Coach hat ihm auf diesem harten Weg sehr geholfen. Noch wichtiger dafür, dass er wieder in die Bahn zurückgefunden hat, war aber sicherlich die Tatsache, dass er Vater geworden ist. Das rückte für den Schotten die Perspektiven zurecht und half ihm, sich seiner Verantwortung zu stellen.
Ehrlichkeit verdient Respekt
Sohn Finn wurde im Dezember 2006 geboren. "Ich möchte, dass er alles hat", so Maguire in Belfast. Und noch einmal ist er sehr ehrlich: "Ohne Snooker wüsste ich nicht, was ich machen sollte - ich würde vielleicht keinen Penny verdienen." So viel Ehrlichkeit vor sich selber kann ich nur jedem empfehlen, soviel Ehrlichkeit vor der Öffentlichkeit verdient meinen größten Respekt.
Die Wiederauferstehung des Stephen Maguire deutete sich bereits in der vergangenen Saison an, als er beim Masters, bei den Welsh Open und vor allem bei der Weltmeisterschaft jeweils das Halbfinale erreichte. Und jetzt hat er den nächsten Schritt gemacht. Sein Spiel ist ein anderes als 2004, als er seine ersten beiden Titel gewann. Es ist vollständiger geworden, abgeklärter. Das sollte ihm auch zu mehr Konstanz verhelfen. Er muss Snooker ja nicht dominieren. Aber beständig an der Spitze mitspielen, das könnte er schon schaffen. Und schon in Belfast hat er angekündigt: "Ich würde gerne in dieser Saison noch einen Titel holen."
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb
Eurosport