Davis Cup - "Müde Krieger" wollen beißen

Eurosport - Sa 12.Apr. 13:23:00 2008

Nach den ersten beiden Einzeln liegt die deutsche Mannschaft mit 0:2 gegen Spanien zurück. Doch die phasenweise beeindruckenden Leistungen von Nicolas Kiefer und Philipp Kohlschreiber lassen sie mit kämpferischem Optimismus noch an das Wunder glauben.

FOOTBALL 2008 Davis Cup Germany Kiefer - 0

Der Kampf hatte Spuren bei Nicolas Kiefer hinterlassen. "Ich spüre jeden Knochen in meinem Körper", stöhnte der 30-Jährige nach seiner 6:7, 0:6, 3:6-Niederlage gegen Rafael Nadal. Fügte dann aber entschlossen hinzu: "Aber gegen Ferrer am Sonntag bin ich wieder fit und genauso heiß wie heute." "Heiß" war das Stichwort bei Kiefers erstem Auftritt nach zwei Jahren Davis-Cup-Abstinenz, denn anders als oftmals zuvor in seiner eher durchwachsenen Karriere beim prestigeträchtigsten Mannschaftswettbewerb präsentierte sich der Hannoveraner kämpferisch, bissig und mit dem absoluten Willen, alles zu geben.

Kiefer reißt Fans von den Sitzen

"Ich habe wirklich alles aus meinem Körper rausgeholt, so fühle ich mich jetzt auch. Ich war immer am Limit, musste viel riskieren und bin jedem Ball hinterhergerannt - mehr konnte ich einfach nicht machen", bilanzierte Kiefer: "Ich bin trotzdem enttäuscht, dass es nicht gereicht hat."

Schon im ersten Spiel der Partie deutete sich an, dass es ein großer Kampf zwischen den beiden Kontrahenten werden könnte. Ganze 15 Minuten dauerte es, bis Kiefer nach Abwehr von sechs Breakbällen sein erstes Aufschlagspiel endlich durchgebracht hatte. Es gab Zeiten, in denen hätte Steffi Graf diese Zeit ausgereicht, um einen ganzen Satz zu gewinnen, doch hier sollte sich im ersten Durchgang ein Schlagabtausch auf hohem Niveau entwickeln, der bei den 7.500 Zuschauern im ausverkauften Bremer AWD Dome dieses ganz besondere Davis-Cup-Feeling weckte. Immer wieder sprangen Zuschauer begeistert auf und spendeten frenetisch Applaus, denn was Nadal und Kiefer ihnen über weite Strecken boten, riss sie schlichtweg mit. Und so schufen die Bremer Fans eine Kulisse, die deutlich machte, dass die oft totgesagte Sportart immer noch über ausreichend Euphorie-Potenzial verfügt.

Ein "unmenschlicher Fight"

"Das Publikum war einfach geil. Eine bessere Atmosphäre konnte ich mir gar nicht wünschen", lobte Kiefer, dem der tosende Applaus und die ständigen "Kiwi, Kiwi"-Rufe wohl getan haben dürften, da ihm in seiner Laufbahn nicht immer die uneingeschränkte Zuneigung des Publikums zuteil wurde. Kiefer dankte es ihnen per Faust oder auch der "Säge", er pushte sich nach jedem wichtigen Punkt, den er dem starken Spanier abrang. Warum Kiefer den Tiebreak und damit nach anderthalb Stunden den Satz eigentlich verlor, war nur schwer zu benennen. Nadal legte im entscheidenden Moment zu, wie auch in den folgenden zwei Sätzen.

Das spanische Kraftpaket ließ nicht locker und spielte sich auf immer höheres Niveau, das Kiefer irgendwann nicht mehr mitgehen konnte. "Wenn so ein Spieler mal die Oberhand hat, legt er immer noch einen drauf. Da ging unsere Strategie leider nicht mehr auf", erklärte Kiefer. Ein "unmenschlicher Fight" sei es gewesen, in Zahlen drückte er sich am Ende in 65 unerzwungenen Fehlern für Kiefer aus und er konnte nur eine seiner sieben Breakchancen nutzen, Nadal verwandelte dagegen fünf von 19 Möglichkeiten. "Er ist eben zu Recht die Nummer zwei der Welt", erkannte Kiefer an, der seinem Teamkollegen Kohlschreiber schon mal einen Tipp für dessen Match am Sonntag mit auf den Weg gab: "Philipp braucht schnelle Beine..."

Kohlschreiber spürte "Zwicken im Po"

Die brauchte die Nummer eins im deutschen Team allerdings bereits in seiner Partie gegen David Ferrer und ebenso wie Kiefer sollte Kohlschreiber einen hervorragenden ersten Durchgang hinlegen und ihn gegen den Weltranglistenfünften sogar gewinnen, doch danach riss auch beim 24-Jährigen plötzlich der Faden. Die Gegenwehr des Spaniers wurde zu groß und der Rückstand wuchs schnell für Kohlschreiber. "Ich war irgendwann platt und er hat einfach weitergemacht", sagte er später immer noch etwas ungläubig. Beim Stand von 0:5 im zweiten Satz ließ sich Kohlschreiber minutenlang wegen eines "Zwicken im Po" behandeln, setzte das Match aber fort. Verhindern konnte er die 7:6, 3:6, 4:6 und 2:6-Pleite jedoch nicht.

"Der ist wie eine Ballmaschine. Er bringt an der Grundlinie einfach alles zurück und lässt nicht locker", musste Kohlschreiber feststellen, der sich dennoch kämpferisch für den nur noch schwer erreichbaren Sieg gegen Spanien gab: "Es ist noch nicht vorbei. Wir sind ein klein bisschen Favorit im Doppel morgen. Vielleicht können wir den Schwung in den Sonntag mit rübernehmen." Ob er tatsächlich an der Seite von Philipp Petzschner antreten wird, will Kohlschreiber am Samstag nach dem Einspielen entscheiden. Bis dahin dürfte eines feststehen: Physiotherapeut Klaus Eder wird ein paar Überstunden schieben, um die müden Krieger wieder fit zu bekommen.

Aus Bremen berichtet Petra Philippsen / Eurosport