Eurosport - Mo 12.Jan. 18:13:00 2009
In seiner Kolumne nimmt Sie Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich mit in die Höhen und (Un)tiefen des Sports.
Würde Martin Schmitt nicht mehr springen oder zwischendurch sogar mal fliegen, beinahe fliegen zumindest: Es wäre nur normal. Sven Hannawald, der langjährige Weggefährte in den Zeiten des Skisprungbooms, hat längst aufgehört, weil er den Stress nicht mehr ausgehalten hat.
Der Garant im deutschen Team
Der Erwartungsdruck, der sich aufbaut, schleichend, von Sieg zu Sieg, hat die Skier von mal zu mal zeitiger zu Boden gedrückt, bis selbst der Athlet kaum noch aufrecht stehen konnte. Schmitt ging es ähnlich. Es hat sicherlich nicht viel gefehlt und er wäre seinem Kollegen gefolgt in den allzu frühen Ruhestand. Es spricht nicht gegen Hannawald, daß er nicht mehr dabei ist und Schmitt schon noch.
Es sind nur Nuancen in der Kopfarbeit, die darüber entscheiden, ob ein Athlet sich beugen muß, weil er nicht mehr kann, obwohl er will, oder ob er sich doch noch zwingen kann, den eigentlich schönen Seiten seines Sports mehr abzuringen als den auch immer einhergehenden Schattenseiten zu erliegen. Schmitt war schon weit oben. Er war ein Überflieger. Unten jubelte die Menge, die Sponsoren standen Schlange. Er flog auf einem Teppich der Begeisterung und Sympathie zu 28 Weltcupsiegen. Er war schon in Nagano beim Teamsilber dabei und in Salt Lake City beim Team-Gold.
Schmitt, der Mann mit dem lila Helm, der neben einer einträglichen Einnahmequelle als Fläche für den Schriftzug des Sponsors (der ihn übrigens auch in der schlechten Zeit nicht fallen ließ) auch ein Markenzeichen geworden ist, diesem Schmitt gelang jahrelang fast alles. Ging es zu leicht? Ging alles zu schnell? Der Körper jedenfalls war stets bereit und bestens trainiert. Und doch verlor er irgendwann die Weltspitze aus den Augen. Er zweifelte plötzlich an seinem Können, ohne Not. Aber er konnte das nicht beeinflussen. Er verlor seine Lockerheit, sein Selbstbewußtsein und mit einhergehend sein Fluggefühl.
Vom Erfolg geküsst
Aus Freude wurde Frust. Schmitt sah plötzlich von unten nach oben, als die anderen in der Luft ihre waghalsigen Sprünge zeigten. Er war plötzlich nicht mehr einer von ihnen. Er landete immer zu früh. Und doch verlor er nie den Zauber, den er schon so heftig gespürt hatte und der Wille, diese Magie am Sprungbacken wieder intensiv zu erleben, gewann Oberhand.
Glückliche Fügungen kamen hinzu. Der neue Trainer aus Österreich, Werner Schuster, nur neun Jahre älter als der Athlet Schmitt, scheint mehr noch Psychologe zu sein als herkömmlicher Trainer. Schuster verkörpert die neue Generation der Übungsleiter, für die mentale Begleitung eines Sportlers, der stets im Grenzbereich arbeitet, fester Bestandteil des Konzeptes darstellt. Für viele ist es nach wie vor Hexerei und Scharlatanerie und schlicht Unsinn und Zeitverschwendung. Tausend Kniebeugen werden gerne gemacht, da bleibt, so die noch weit verbreitete Meinung, für die Kopfarbeit nicht mehr viel Zeit übrig.
Zurück in der Weltspitze
Eine Wende dieser Anschauung ist sichtbar. Jürgen Klinsmann hat viel dafür getan, hat die Wege offener gemacht, weil er seinen WM-Kickern ohne viel Aufhebens darüber zu machen, einen Sport-Psychologen zur Seite gestellt hat. Einen Mann, der dieses Metier gelernt hat, der um die komplizierten Abläufe der Seele weiß, wenn sie leidet und der in schwierigen Situationen die richtigen Worte findet. Das neue Umfeld, leise und doch auch fordernd, wenn es nötig ist, hat Schmitt geholfen, aus seinem Tunnel herauszufinden.
Jetzt war er endlich mal wieder bei einer Siegerehrung, die er ja so gut kennt, auf dem Podest zu finden. Dieser dritten Platz von Innsbruck ist wie ein Sieg und es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit, wann er seinen 29. Weltcupsieg feiern darf. Schmitt hat dafür keine Eile mehr. Er hat die schlimmsten Zeiten und viele schöne schon hinter sich. Alles was jetzt kommt, ist eine Zugabe im Leben des Skispringers Martin Schmitt.
Er hat sich selbst überwunden, muß niemandem beweisen, was er kann. Und doch hat er noch mal ungeheuer viel geleistet, nicht nur für sich. Er hat durch sein Durchhaltevermögen und seine Beharrlichkeit vielen Mut gemacht, denen der Grenzgang Spitzensport auch immer wieder Zweifel auferlegt. Flieg Martin, flieg so weit wie du kannst. Um eine sichere Landung muß man sich bei Dir keine Sorgen mehr machen.
Kommentare 1 - 6 of 6
sigi sigi sigi.....bist lüstig.von allem wenn du mit deine alten kompel, der, ich seine name vergessen habe.
weiter sooooo!
handwerklich 1a!
lass dir dies von einem germanisten gesagt sein!
Klasse Kolume Herr Heinrich, weiter so!!!!!!!!!!!!!!!!!
kompliment herr heinrich, immer wieder lesenswert ihre kolumnen!
Super Artikel Herr Heinrich... wie gewohnt muss man ja sagen.
schönen Gruß aus Thüringen
super leistung, wir haben es gehofft und auch im gefühl gehabt das er nochmal kommen wird, man siehe einem simon ammann erging es ebenfalls. also weiter so, und es werden noch der ein oder andere sieg, aber hauptsache der spass dazukommen.
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