Eurosport - Fr 11.Mai. 18:08:34 2007
Masters Cup - Roger Federer war versucht, sich selber in den Arm zu kneifen, um ganz sicher zu gehen, dass er nicht nur geträumt hatte. Denn mit seinem Triumph beim Masters Cup in Schanghai setzte der Schweizer einen Schlusspunkt unter ein Jahr, das wie ein rauschhafter Traum wirkte. Doch Federer war hellwach...
Eher wie in einem Albtraum kam sich sein Finalgegner James Blake vor, dennoch fühlte sich dieser fast geehrt, vom "Besten der Besten" eine Abreibung erster Güte bekommen zu haben. "Mir fehlen einfach die Worte, um Rogers Leistung zu beschreiben. Das war unglaublich", gab der Amerikaner kopfschüttelnd zu und traf damit den Punkt: Um Federer gerecht zu werden, gehen inzwischen die Superlative aus.
Doch allein die nackten Zahlen demonstrieren die Ausnahmestellung des Baselers: Mit seinem dritten Sieg beim Masters Cup markierte er seinen zwölften Titel der Saison, triumphierte davon bei den Grand-Slam-Turnieren der Australian Open, Wimbledon und der US Open, schraubte seine Sieg-Bilanz auf 92:5 hoch, stand bei 16 seiner 17 Turnierteilnahmen im Finale und schloss das Jahr mit der Rekordpunktzahl von 8.370 Zählern ab. Zudem knackte er als erster Spieler die Preisgeldgrenze von acht Millionen Dollar. Ende Februar wird er dazu die Bestmarke von Jimmy Connors brechen, wenn er mehr als 160 Wochen in Folge die Nummer eins der Rangliste ist.
Nur in fünf Partien war Federer in diesem Jahr unterlegen, vier davon verlor er gegen seinen spanischen Dauer-Rivalen Rafael Nadal, der ihn auch um das letzte fehlende Stück in seiner Sammlung brachte: den Sieg bei den French Open in Paris. "Eines Tages werde ich auch dort gewinnen. Da bin ich mir sicher", sagte Federer, der seinen Platz auf dem Thron so lange es geht verteidigen will. Leicht wird die Aufgabe dennoch nicht, selbst für einen Virtuosen, der Tennis wie kein Zweiter zelebriert.
Doch auch wenn er in einer eigenen Liga unterwegs ist, arbeitet der 25-Jährige hart an sich, merzt mit letzter Konsequenz die Dinge aus, die bei normalsterblichen Spielern als "Schwäche" bezeichnet wird. In der Federer-Kategorie war bisher die Rückhand das einzige, was ihm bei seinem Streben nach dem perfekten Spiel manchmal im Weg stand. Aber schon im Finale von Schanghai bekam Blake schmerzvoll zu spüren, dass man Federer inzwischen auch nicht mehr auf der Rückhandseite anspielen sollte.
Für den Ästheten unter den Tennisspielern schließt sich der Kreis, das Jahr endet wie es in Melbourne im Januar begonnen hatte: Als Dominator, dem der ehrfürchtige Respekt und das ungläubige Kopfschütteln seiner Gegner sicher ist.
"Diese Saison ist wie ein Traum, wie ein schönes Gemälde, das man sich an die Wand hängen möchte", beschrieb es Federer und wird wohl noch ein paarmal versucht sein, sich irgendwohin zu kneifen...