Bundesliga - Werder gehen die Leitwölfe aus

Eurosport - Mo 10.Mrz. 14:45:00 2008

Es ist frostig: Das Stimmungsbarometer bei Werder Bremen tendiert Richtung Gefrierpunkt. Aber: Trotz des 3:6-Debakels gegen den VfB Stuttgart will Bremens Trainer Thomas Schaaf nicht von der offensiven Spielweise abrücken - und das zum Unverständnis der Spieler.

FOOTBALL 2007-2008 Bundesliga Bremen Mertesacker - 0

Nach dem "Tag der offenen Tür" war auf dem Trainingsgelände am Bremer Weserstadion Wundenlecken angesagt. Sechs Tore kassiert, Per Mertesacker nach einer überflüssigen Notbremse verloren und im Titelkampf mit sieben Punkten Rückstand auf Bayern München den vielleicht vorentscheidenden Dämpfer erhalten, dazu die bittere 0:2-Schlappe im UEFA-Cup-Hinspiel gegen die Glasgow Rangers.

Weiter im "Harakiri-Stil"

"Das war eine absolute Scheißwoche", brachte es Verteidiger Naldo auf den Punkt: "Wir sind alle traurig und enttäuscht." Man begab sich auf Ursachenforschung. Wie konnte es passieren, dass Werder trotz dreier Tore auf fremdem Platz nicht nur mit leeren Händen dasteht, sondern sich so amateurhaft auskontern ließ? "Ich habe dafür auch keine Erklärung", wiegelte Tim Borowski ratlos ab, während Clemens Fritz zumindest analysierte: "Wir haben völlig die Ordnung verloren, das darf uns bei unseren Ansprüchen nicht passieren. Wir waren nach unseren Toren einfach zu gierig."

Gierig nach mehr Toren, bedingungslos offensiv, meinte Fritz und genau diese Art attraktiver Fußball begeisterte bisher die Massen. Doch nicht zum ersten Mal sind die Bremer mit diesem "Harakiri-Stil" blind in ihr Verderben gelaufen. Naiv und dumm hätten sie gespielt, so die einhellige Meinung von sportlicher Leitung und Mannschaft, die mit etlichen erfahrenen Nationalspielern bestückt ist. Doch Trainer Thomas Schaaf sieht keinen Grund, an seiner Spielweise etwas zu ändern: "Sich zurückzuziehen und auf Punktsicherung zu spielen, macht überhaupt keinen Sinn. Wir haben zu viele Tore zugelassen und sind nicht richtig in die Zweikämpfe gegangen. Das war unser Fehler."

"Wir müssen defensiver spielen"

Zuspruch bekommt Schaaf vom verletzten Torsten Frings, der nach Werders holprigem Start in die Rückrunde immer schmerzlicher vermisst wird: "Okay, wir haben eine richtige Klatsche gekriegt. Aber in den letzten drei Jahren sind wir in Deutschland gefeiert worden, weil wir so tollen Fußball spielen. Jetzt soll auf einmal alles falsch sein. Wir werden sicher nicht von unserem Spielsystem abweichen. Der Weg geht nur nach vorne, auf Unentschieden zu spielen bringt heutzutage in der Liga doch gar nichts mehr."

Aber nicht jeder in der Mannschaft pflichtet dieser Philosophie bei. So warnte schon Regisseur Diego vor der Partie gegen Glasgow, dass mehr an der Abwehr gearbeitet werden müsse und auch Naldo erklärte: "Wir spielen mit viel zu viel Risiko, die ganze Mannschaft muss viel defensiver spielen." Doch das Prinzip mit der "Null, die stehen muss" wird es an der Weser definitiv nicht geben - nicht unter Schaafs Regiment und nicht mit Frings, der sich nur noch Tage von seinem Comeback entfernt fühlt, aber zunächst noch eine Woche zur Behandlung nach München fahren wird.

Alle Hoffnungen ruhen auf Frings

"Wenn ich in Stuttgart auf dem Platz gewesen und die Mannschaft geführt hätte, hätte ich auch zum Angriff geblasen", betonte Frings, doch er stand nicht auf dem Platz und so gab es wie schon gegen Glasgow keinen Bremer Spieler, der nach dem Rückstand seine Kollegen angetrieben hätte, nicht aufzugeben und noch einmal alles aus sich herauszuholen. "Es spielt keine Rolle, ob ich dabei bin oder nicht. Es gibt so viele, die Ansprüche anmelden. Die müssen jetzt mal was zeigen", stellte Frings fest.

Doch wer sollte diese Rolle übernehmen? Borowski hat sich durch seinen bestätigten Wechsel nach München und die konstant mäßigen Leistungen intern isoliert, Mertesacker scheint derzeit von Zukunftsplanungen abgelenkt (denkt er schon an Bayern München?) und dadurch mental gebremst, Daniel Jensen und Frank Baumann überzeugen zwar mit guten Leistungen, sind durch ihr zurückhaltendes Naturell aber nicht für die Leitwolf-Rolle geschaffen. Diego lenkt das Spiel der Bremer, ist aber in dieser wichtigen Phase gesperrt. Bleibt allein die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr von Frings. Doch wenn er zurück ist, könnten seine Kollegen bereits alle Titel verspielt haben.

Petra Philippsen / Eurosport