Ligue 1 - Großmachtträume und leise Zweifel
Fr 10.Feb. 10:20:00 2012
Am Geld soll es nicht scheitern, soviel ist klar. Die größte Gefahr beim geplanten Auftstieg von Paris St. Germain in die europäische Elite ist eine ganz andere.
Dass man finanziell schon auf höchstem Niveau angekommen ist, hat sich herumgesprochen.
Noch vor dem FC Chelsea, Manchester City und Juventus Turin ist PSG der ausgabefreudigste Verein der letzten zwei Transferperioden. Und das, obwohl die richtig teuren Coups im Winter platzten, weder Pato noch David Beckham konnten an die Seine gelockt werden.
Halb so wild, meint Sportdirektor Leonardo: "Das waren nicht unsere Hauptziele, sondern nur zusätzliche Optionen" - und Zugänge wie Maxwell, Alex und Thiaggo Motta sind tatsächlich weit mehr als nur Trostpreise.
Fast wichtiger als die getätigten Transfers ist dem Brasilianer, dass sich das Standing seines Klubs verändert hat: "Wir spielen jetzt bei den Großen mit", stellt er bei der Präsentation Mottas zufrieden fest.
"Typen wie Ibrahimovic"
Trainer Carlo Ancelotti, selbst erst seit wenigen Wochen in Paris, stimmt dem zu. "Ich bin sehr zufrieden, wir haben sehr wichtige Spieler mit Blick auf die kommenden Aufgaben geholt und konnten die Lücke etwas schließen", die zu Europas ersten Adressen noch besteht. Nur eines hat nicht geklappt: Der gesuchte Topstürmer konnte nicht an Land gezogen werden.
Einen "Typen wie Zlatan Ibrahimovic" sucht Ancelotti noch, trauert aber dem geplatzten Wechsel von Carlos Tevez nicht nach. Im Gegenteil, er sieht eine wichtige Signalwirkung darin "dass wir nicht ohne Sinn und Verstand investieren", erklärte er "L'Equipe".
Noch ist der Umbauprozess in vollem Gange, der PSG von Rang 13 (2010) über Platz vier (2011) endlich wieder zur Meisterschaft führen soll. Ancelotti spielt vorerst weiter den "Weihnachtsmann" mit einem 4-3-2-1, doch lässt den Italiener keinen Zweifel daran, dass aus seiner Sicht 4-4-2 "das beste System" ist - wenn er die entsprechenden Spieler hat.
"Reif für Titel"
Bisher hat der 52-Jährige mehr Titel auf seinem Briefkopf als sein Verein. Der inthronisierte ihn zum Jahreswechsel, obwohl Vorgänger Antoine Kombouaré erstmals seit 1996 die Herbstmeisterschaft in Hauptstadt holte. Doch das war den mächtigen Geldgebern von QSI (Qatar Sports Investment) zu wenig. Mit großem finanziellem Aufwand sicherte sich das von Al-Dschasira-Boss Nasser Al-Khelaifi geführte Unternehmen den Mehrheitsanteil bei PSG und die Übertragungsrechte der gesamten Liga. Da passte das peinliche Scheitern in der Europa League gar nicht zur Erwartungshaltung der Scheichs.
"Wir wollen schon dieses Jahr etwas erreichen", betonte Leonardo nun nochmals - schließlich ist PSG seit 1994 nicht mehr Meister geworden. Und der Weltmeister aus jenem Jahr erinnert an seine Ansagen vom Saisonstart: "Das Team ist reif für Titel, wir wollen alle Spiele gewinnen!" Noch deutlicher wird Javier Pastore: "Ich will alles gewinnen", so der Argentinier, der im Sommer Nicolas Anelka als teuersten Transfer der PSG-Historie ablöste.
Lob von Ribéry
Der Aufschwung im "Parc des Princes" ist auch Franck Ribéry nicht verborgen geblieben. "Der Verein macht das sehr gut", lobt der Bayern-Star, legt den Finger aber auch in die Wunde: "Paris ist noch nicht der FC Bayern" - Frankreichs größter Star würde also mit einer Rückkehr in die Ligue 1 noch zögern. Sein Berater Jean-Pierre Bernes, der auch Samir Nasri vertritt, macht den Parisern aber Hoffnung.
"Ich schätze die dort geleistete Arbeit enorm. PSG könnte Nasri und Ribery durchaus holen", so Bernes gegenüber "France Football". "Dinge wie die Lebensqualität und der Lifestyle könnten einen Spieler dazu bewegen, Paris auszuwählen: In die Heimat zu wechseln, dort der Familie näher zu sein."
"Erfolg ist Pflicht"
Doch die Hochkaräter werden erst einmal abwarten, wie das "Projekt PSG" sich weiter entwickelt. Sollte der 1970 gegründete Klub tatsächlich die dritte Meisterschaft nach 1986 und 1994 holen und in der nächsten Saison in der Champions League spielen, dürfte das die Anziehungskraft enorm steigern. Die finanzielle Attraktivität wird sowieso bestehen bleiben, schließlich sieht QSI den Einstieg als langfristiges Engagement, auch ein Stadionprojekt ist angedacht.
Liegen also rosige Zeiten vor den Rot-Blauen? Noch ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Der Aufschwung ist fragil, das Scheitern in Europa Leaue und Ligapokal beweisen das. Und Leonardo (rechts im Bild) selbst hat als Profi hautnah erlebt, wie die letzte Herbstmeisterschaft seinerzeit noch verspielt wurde.
Der Monat Februar wird deshalb richtungsweisend werden, mit Montpellier und Lyon trifft man auf zwei der größten Meisterschaftskonkurrenten. Dazu kommt das Achtelfinale im französischen Pokal gegen Dijon - das PSG im Ligapokal Ende Oktober nach 0:2-Rückstand noch mit 3:2 schlug. Erfolg ist aber Pflicht, wie Fußball-Insider Cédric Roquette betont: "Ich denke, sie werden mehr Zeit brauchen, als sie vielleicht erwarten", so der Chefredakteur von eurosport.fr in Paris.
"Ich wäre überrascht, wenn Paris es vor 2015 ins Halbfinale der Champions League schaffen sollte."
Und genau das könnte der Sprengsatz sein - denn neben Geld wird eben auch Geduld gefragt sein. "Aber werden sie geduldig sein? In der Regel ist das nicht die größte Tugend reicher Geldgeber - und PSG als Verein ist noch nie besonders geduldig gewesen", warnt unser Experte.
Video: Motta der neue Hoffnungsträger
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Andreas Schulz / Eurosport
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