Bundesliga - Der schlafende Riese vom Niederrhein
Fr 09.Dez. 12:46:00 2011
Im Fußball muss man gedanklich flexibel bleiben. Dinge verändern sich. Trotzdem war es gewöhnungsbedürftig, als zuletzt Bayern auf Bremen traf und sich dieses Duell nicht im Glanz eines Top-Krachers des Spieltags sonnen durfte. Nicht etwa, weil Schalke mit Dortmund parallel die Schienbeine kreuzte.
Von Michael Wollny
Der Nord-Süd-Gipfel trat vor dem 15. Spieltag in den Hintergrund, weil Dortmund auf Gladbach traf. In der vergangenen Saison hatte in dieser Paarung noch der Tabellenführer gegen das Schlusslicht gespielt. Doch die Borussia vom Niederrhein hat mächtig Boden gutgemacht.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesliga versteckte sich hinter dem Duell der Borussias ein Spitzenspiel zwischen dem Ersten und dem Zweiten. Ein Fanal für die restliche Saison?
Parallel dazu hatten sich dann zwar die Münchner Bayern in einem traditionellen Prestige-Duell mit dem Schlusspfiff wieder den Platz an der Sonne gesichert. Doch trotz - oder besser: gerade wegen - der spielerisch eindrucksvollen Punkteteilung gegen Meister Dortmund darf weiter über Borussia Mönchengladbach gestaunt werden.
So kurz vor der Winterpause ist die Tabellenlage einfach zu ernst, um noch belächelt zu werden. Natürlich werden nun Vergleiche gezogen, zum tiefen Fall eines einstigen Herbstmeisters aus Hoffenheim.
Doch der Vergleich hinkt. Der Aufsteiger aus dem Kraichgau hatte sich 17 Spieltage lang an sich selbst berauscht. Als sich mit dem Erfolg Egoismen und Allüren entwickelten, Chancen konkret wurden und damit ein neuer Erwartungsdruck die Leichtigkeit aus dem Neuling presste, da setzte der Kater ein. Gladbach tickt da anders.
Putschversuch im Abstiegskampf
Beim VfL wird längst nicht mehr ausprobiert, experimentiert oder rein- und rausrotiert. Lucien Favre schickt ein schlagkräftiges System aufs Feld, das sich im Stahlbad des Abstiegskampfes gefunden und bewährt hat. Auf dem Schachbrett der Vereinspolitik wurde in Zeiten brodelnder Unruhe zudem ein Putschversuch um Stefan Effenberg matt gesetzt. Der gegenwärtige Erfolg basiert somit auf einer stabilen Grundsteinlegung in der vergangenen Saison.
Unter Favre sind die Aufgaben im 4-4-2 klar verteilt, Lauf- und Passwege nahezu perfektioniert, das laufintensive Wechselspiel zwischen Offensive und Defensive beinahe optimiert. Dazu verfügt das Team über eine ausgeglichene Hierarchie, in der sich die Verantwortung auf mehrere charakterstarke Führungsspieler verteilt. Taktische Automatismen und ein intakter Teamgeist, gepaart mit der individuellen Klasse eines Marco Reus, Marc-André ter Stegen, Mike Hanke oder Juan Arango - die Zutaten für ein spektakuläres Versprechen: Gladbach meldet sich zurück.
Neun Siege, drei Punkteteilungen und drei Niederlagen. Dermaßen gut stand Gladbach nach 15 Spieltagen zuletzt vor 35 Jahren da. 20 Spieltage später war Gladbach Meister. Eigentlich tut man Team und Trainer keinen Gefallen, wenn man das Haltbarkeitsdatum ihrer jüngsten Entwicklung nun an Superlativen ausrichtet. Selbst wenn Uli Hoeneß im VfL einen neuen - und somit auch alten - Titelkandidaten entdeckt haben will, Meister muss Gladbach nicht werden. Aber sie könnten.
Man spielt, um Meister zu werden
Martin Stranzl ist einer der letzten Neuzugänge des VfL. Der Österreicher hat sich seit seinem Wechsel im Winter von Spartak Moskau nach Gladbach zu einem dieser charakterstarken Führungsspieler entwickelt. Das Wort des 31-jährigen Verteidigers hat Gewicht. Und Stranzl setzt es offensiv ein. "Man spielt die Deutsche Meisterschaft ja, um auch Deutscher Meister zu werden", argumentiert er recht logisch im Klub-TV der Borussia.
Stranzl ist sich der Tradition dieses Vereins im deutschen Fußball durchaus bewusst. Sein Schlüssel, um Gladbach zurück zu Jahrzehnte alten Ansprüchen zu führen, lautet Kontinuität. "Die Mannschaft ist jung und auf einem guten Weg. Aber wir sind noch nicht da, wo wir und der Verein wieder hinwollen."
Der Österreicher spricht diesbezüglich von einer "Aufbauphase" und mahnt vor allem in den eigenen Reihen Geduld an. Seine Erfahrungen mit Spartak waren Stranzl Warnung genug. "Dort wollte man immer sofort den Erfolg. Selbst zweite Plätze waren zu wenig. Dann wurden Trainer entlassen und Millionen investiert und alles begann von vorne. Das war jedes Jahr dasselbe. Gewonnen haben wir aber nichts. Wir müssen in Gladbach also Schritt für Schritt daran arbeiten, dort hinzukommen, wovon alle seit langem träumen."
Initialzündung beim FC Bayern
Dabei reiben sich bereits jetzt schon viele Beobachter beim Blick auf die Tabelle ungläubig die Augen. Teilweise wohl sogar im Verein selbst. "Nicht alles im Fußball ist erklärbar", versucht Sportdirektor Max Eberl im Klub-TV das Unerklärbare doch irgendwie zu erklären. "Die Psyche spielt eine große Rolle. Vergangene Saison haben wir alle zusammen gelitten. Diese Erfahrungen haben wir mitgenommen."
Im Interview mit eurosport.yahoo.de bezeichnet Torwart-Talent ter Stegen den Sieg gegen Bayern als Initialzündung: "Wir hatten einen tollen Saisonstart gegen einen Gegner, der die Liga dann dominiert hat. Da konnten wir eine Menge Selbstvertrauen mitnehmen. Wir haben in der Folge einfach dort weitergemacht, wo wir gegen Bayern aufgehört haben." Die Einfachheit des Seins, oder wie Eberl erklärt: "Auf einmal passt ein Mosaikstein zum anderen."
Der schlafende Riese vom Niederrhein, seit Jahren gähnt er endlich wieder und streckt langsam seine müden Glieder. Das System Favres funktioniert mittlerweile sogar dann, wenn mit Marco Reus ein entscheidendes Rädchen ausfällt. Das 1:1 gegen Dortmund hat es gezeigt: Gladbach ist nicht Marco Reus. Reus ist nur ein glänzendes Mosaiksteinchen im großen Ganzen - in Favres meisterhaftem Projekt? Träumerei, vielleicht.
"Gladbach gehört da oben hin", meint jedenfalls Jürgen Klopp. Und am Niederrhein wird man es deshalb mit Victor Hugo halten. "Ein Traum", meinte der französische Poet seinerzeit, " ist unerlässlich, wenn man die Zukunft gestalten will."
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